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Norman Naimark im Gespräch : „Das Wort Völkermord zu vermeiden ist töricht“

Auf der Flucht vor dem Genozid: Armenier ruhen sich in einem Camp in der syrischen Wüste aus. Das Foto entstand zwischen 1915 und 1917. Bild: Reuters

Der Historiker Norman Naimark über den Genozid an den Armeniern, die Haltung der Türkei und diplomatische Rücksichtnahme und wieso Deutschland nichts gegen den Völkermord unternommen hat.

          Vor hundert Jahren begann die Vertreibung der Armenier im Osmanischen Reich. Sie beschäftigen sich schon lange mit ethnischen Säuberungen und Genoziden. Waren die Verbrechen an den Armeniern ein Völkermord, Professor Naimark?

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

           Es steht heute außer Frage, dass die Massaker und die Massentötung der Armenier in den Jahren 1915 bis 1916 als Völkermord zu bewerten sind. Die Forschung ist sich in dieser Frage einig. Diesen Völkermord zu leugnen, wie es die türkische Regierung versucht, ist nicht nur ungerechtfertigt, sondern auch schlicht falsch.

          Wie viele Armenier starben damals?

          Wir wissen nicht mit Sicherheit, wie viele Armenier während des Genozids getötet wurden, verhungerten oder an Krankheiten infolge der Deportationen starben. Ich betrachte es als Fehler, dass der Papst die Zahl von 1,5 Millionen Toten genannt hat. Die meisten Forscher sprechen von „mehr als einer Million“. Einige armenische Aktivisten geben die Zahl der Toten mit zwei Millionen an. Einiges spricht für die Zahl von 800 000 Opfern. Es gibt mittlerweile eine breite Forschung über diesen Angriff auf das armenische Volk. Aber die Wissenschaftler haben immer noch keinen unbeschränkten Zugang zu den türkischen Archiven. Hinzu kommt, dass auch Armenier der Vernichtung entkommen konnten: Sie flohen, wurden gezwungen zum Islam überzutreten oder verleugneten ihre Herkunft.

          Es gab Massenerschießungen, Deportationen und Todesmärsche. War das alles von oben geplant?

          Eine Reihe von Dokumenten beweist, dass der Völkermord von der Führung des Osmanischen Reiches geplant wurde, nachdem sie in den Ersten Weltkrieg eingetreten war. Eine Reihe von Ereignissen zu Beginn des Jahres 1915 spielte für diese Entscheidung eine Rolle: die Niederlage der Osmanen bei Sarikamis gegen die Russen, der Angriff der Entente-Mächte auf die Halbinsel Gallipoli und der armenische Aufstand in Van im April. Die Führung des Osmanischen Reiches war dadurch überzeugt, dass die Deportation und Vernichtung der Armenier für ihren militärischen Erfolg notwendig waren. Eine aktuelle Studie zeigt, dass es Anfang 1916 eine zweite Entscheidung gab, jene Armenier zu vernichten, die ihre Deportation in die Wüstenstädte in Nordsyrien überlebt hatten.

          Warum wollte die osmanische Regierung die Armenier vernichten? Waren es rassistische Motive?

          Nein, rassistische Motive spielten kaum eine Rolle für die Entscheidung des Regimes. Wichtig war die Religion. Die Christen im Osmanischen Reich, darunter auch die syrischen Christen und die Griechen, wurden von der Regierung als Feinde ausgemacht. In dieser Sichtweise waren die Armenier Verräter, die bereit waren, auf die Seite der Russen überzulaufen, sobald das möglich war. Diese Wahrnehmung war falsch, aber sie war in der osmanischen Führung verbreitet. Man kann dieses „Sicherheitsargument“ auch in Dokumenten finden. Etwa in den Aufzeichnungen der Gespräche zwischen Talat Pascha, dem Innenminister, der für die Deportationen und Morde hauptsächlich verantwortlich war, und dem amerikanischen Botschafter Henry Morgenthau, der die Türken buchstäblich angefleht hat, das Leben der Armenier zu schonen.

          Wie schwer sind die Folgen dieses Völkermords für die Armenier bis heute?

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