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Nordkoreas Staatschef : Das Rätsel Kim Jong-un

Bei den Feiern zum Jubiläum der Kommunistischen Partei nahm Kim Jong-un nicht teil Bild: AP

Da Kim Jong-un am Freitag nicht bei den Jubiläumsfeierlichkeiten der Kommunistischen Partei war, sprießen die Spekulationen: Wurde er entmachtet oder ist er krank? Auf eine politische Schwächung deutet wenig hin.

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          Wo ist Kim Jong-un? Der Verbleib des jungen Machthabers gibt nicht nur den Menschen in Nordkorea, er gibt der Welt ein immer größeres Rätsel auf. Mit Spannung war weltweit erwartet worden, ob Kim am Freitag an den Feiern zum 69. Jahrestag der Gründung der kommunistischen Arbeiterpartei in Pjöngjang teilnimmt. Er kam nicht. Seit Wochen schon hat sich der starke Mann Nordkoreas nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen. Dabei hätte der Besuch im Mausoleum der beiden Vorfahren des Diktators, seines Vaters Kim Jong-il und des Großvaters und Staatsgründers Kim Il-sung am Freitag zum Pflichtprogramm gehört. Die Spekulationen über eine ernsthafte Erkrankung des Politikers, der gerade mal Anfang 30 ist, oder gar über eine Entmachtung haben deswegen neue Nahrung erhalten. Befeuert wurden sie am Freitag vor allem von südkoreanischen Medien und den Gegnern der kommunistischen Herrschaft in Pjöngjang.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Dabei deutet wenig darauf hin, dass die Macht der Kommunisten und der Familie Kim in Nordkorea nachhaltig geschwächt ist. Offizielle Stellen in Südkorea distanzierten sich deswegen am Freitag auch schnell von Mutmaßungen, Kims Herrschaft sei bereits am Ende. Gerüchte über einen Putsch von Gegnern des Staats- und Parteichefs konnte in Seoul niemand bestätigen. Nach Angaben des südkoreanischen Verteidigungsministers Han Min-koo gibt es Hinweise, dass sich Kim nördlich der Hauptstadt Pjöngjang von gesundheitlichen Problemen erholt.

          Das staatliche Fernsehen Nordkoreas hatte seine Abwesenheit bei öffentlichen Ereignissen seit mehr als einem Monat mit einem „Unwohlsein“ erklärt. In Südkorea heißt es, Kim habe wegen seines Übergewichts möglicherweise Probleme mit den Beinen und leide an Gicht. Auch aus der koreanischen Gemeinde in Japan - wo es viele gute Kontakte nach Pjöngjang gibt - hieß es nur, Kim habe wohl gesundheitliche Probleme.

          Kim Jong-un im April beim Besuch einer Artillerieeinheit
          Kim Jong-un im April beim Besuch einer Artillerieeinheit : Bild: dpa

          Wie es wirklich um Kim steht, wie sicher seine Herrschaft in Nordkorea ist, bleibt damit weiter unklar. Kim habe sich bei einer militärischen Übung eine Beinverletzung zugezogen, berichteten westliche Medien unter Berufung auf Informanten mit Zugang zu den Machtzirkeln in Nordkorea. Der übergewichtige Kim habe alle Generäle angewiesen, aktiv beim Manöver mitzumachen. Er sei dann selber über den Boden gerobbt und gelaufen. Dabei habe er einen Bänderriss erlitten. Er ließ sich anfangs noch hinkend in der Öffentlichkeit sehen, seit einigen Wochen ist er komplett von der Bildfläche verschwunden.

          Jedermann glaubt alles über Nordkorea

          Wie zu hören ist, hat der junge Machthaber das Land aber weiter fest unter Kontrolle. Rund 100 Tage soll es dauern, bis Kim ganz genesen ist. Dann werde er sich auch wieder zeigen. Bestätigung für diese Informationen gibt es nicht. Die Staatsmedien Nordkoreas schweigen. „Es sieht aber ganz so aus, als würde der Norden ganz normal von Kim Jong-un regiert“, sagte am Freitag ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Seoul.

          Kim Jong-un hatte vor drei Jahren nach dem plötzlichen Tod seines Vater im Alter von nur 30 Jahren die Macht übernommen. Weil er unerfahren ist, zudem auch körperlich nicht dem Idealbild eines dynamischen großen Führers entspricht, hat es in den letzten Jahren immer wieder Gerüchte gegeben, nach denen es im Parteiapparat, vor allem aber im Militär, dem wahren Machtzentrum Nordkoreas, Widerstände gegen Kim gibt. Vor einem Jahr ließ Kim seinen Onkel Jang Song-taek hinrichten, der zweite Mann nach dem Staats- und Parteichef. Viele der Gefolgsleute Jangs wurden von ihren Machtpositionen entfernt. Gerüchte über eine Entmachtung Kims beruhen vor allem auf der Annahme, dass der interne Machtkampf in Pjöngjang hinter den Kulissen weitergeht.

          Die Spekulationen zeigen auch, dass Nordkorea trotz des Internetzeitalters als abgeschottetes Land in der internationalen Politik immer noch ein unbeschriebenes Blatt ist. Südkoreanische Geheimdienstoffiziere machen hinter verschlossenen Türen oft Witze darüber, dass sie mit Blick auf den Norden des geteilten Landes nichts anderes seien als Romanschriftsteller mit viel Phantasie. Jedermann sei weltweit jederzeit bereit, jede Geschichte zu glauben, die über Nordkorea berichtet wird. Vorbereitet auf den möglichen Zusammenbruch des Regimes in Pjöngjang sind derzeit weder Seoul noch Washington. Die Spannung richtet sich jetzt auf den nächsten Staatsfeiertag in Pjöngjang. Und wieder wird die wichtigste Frage sein: Wo ist Kim Jong-un?

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