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Nordkoreanische Provokationen : Moskau fürchtet strategische Gewinne für Amerika

  • -Aktualisiert am

Eingeschworen auf die Herrscherfamilie: Männer leisten in Pjöngjang einen Treueeid Bild: REUTERS

Die russische Regierung traut den Nordkoreanern nicht. Sie hätten die Raketentechnik nicht im Griff. Vor allem aber lieferten sie den Vereinigten Staaten Vorwände für eine verstärkte Präsenz in der Region.

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          Die Luft- und Raketenabwehreinheiten Russlands in Russisch Fernost würden nicht in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Die Raketenabwehrsysteme seien aber jederzeit in der Lage, nordkoreanische Raketen abzuschießen, falls diese - wider Erwarten und entgegen den Zusicherungen aus Pjöngjang, nur Amerika oder dessen Stützpunkte in Japan und anderen Ländern der Region, aber auf keinen Fall den russischen Nachbarn anzugreifen - doch ein Ziel in Russland anflögen, hieß es am Mittwoch aus dem russischen Verteidigungsministerium. Zuvor war berichtet worden, Nordkorea habe eine oder mehrere Mittelstreckenraketen an der Ostküste des Landes startklar gemacht.

          Zusicherungen aus Nordkorea, das zu Moskau leidlich gute Beziehungen unterhält, können die Russen schon deshalb nicht trauen, weil Pjöngjang nach Auffassung einiger russischer Fachleute die Raketentechnik nicht vollkommen im Griff hat. Unvorhergesehene Bedrohungen seien daher jederzeit möglich. Sie erinnerten an einen Zwischenfall vor sieben Jahren, als ein nordkoreanischer „Angriffsflug“ gegen ein amerikanisches Ziel auch Russland hätte gefährden können. Damals war eine nordkoreanische Rakete vom Typ Tepodong-2 innerhalb der Wirtschaftszone um Nachodka im Fernen Osten Russlands ins Meer gestürzt. Viele in Russland fragten sich, was passiert wäre, wenn die gegen die „Imperialisten“ gerichtete Rakete „aus Versehen“ ein Ziel auf dem russischen Festland erreicht hätte.

          Veränderte geostrategische Lage

          Ein Teil der russischen Fachleute sieht jedoch grundsätzlich andersgeartete Gefahren der Politik Pjöngjangs für Russland. Diese Militärfachleute schließen inzwischen nicht mehr aus, dass es Nordkorea, das sein Raketenprogramm in „enger Symbiose mit Iran und Pakistan“ vorantreibe und in diesen beiden Ländern womöglich auch Raketentests durchgeführt habe, gelungen sein könne, seine eigene Raketentechnik entscheidend weiter zu entwickeln. Die offiziellen Behauptungen Pjöngjangs, über Interkontinentalraketen mit atomaren Sprengköpfen zu verfügen, könnten daher nicht mehr einfach als großer Bluff abgetan werden.

          Amerika jedenfalls, meinte dieser Tage Wassilij Kaschin vom Moskauer Zentrum für strategische Analysen und Technologie, werde dies zum Anlass nehmen, seine technischen Aufklärungsmittel und sein militärisches Potential in der pazifisch-asiatischen Region erheblich zu verstärken. Damit verändere sich dann die geostrategische Lage in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Russlands Fernem Osten zum Nachteil Moskaus.

          Die unberechenbaren Nordkoreaner leisteten mit ihren Drohungen eines Atomschlags gegen amerikanische Ziele dieser Entwicklung Vorschub und sorgten zugleich auch noch dafür, dass Russland und China nicht mehr ernstgenommen würden, wenn sie gegen eine vermehrte Militärpräsenz Amerikas in der Region oder den Ausbau der amerikanischen Raketenabwehr an der amerikanischen Pazifikküste aufträten.

          Erhöhte Gefahr eines Präventivschlages

          Hinzu komme, dass allein die Möglichkeit eines nordkoreanischen Raketenangriffs auf amerikanische Ziele oder Washingtons Verbündete die Gefahr eines Präventivschlages gegen Pjöngjangs Raketen erhöhe. Denn aus militärischer Sicht sei es allemal wirksamer, Raketen im Land des Gegners mit Angriffswaffen zu zerstören, als die Vernichtung anfliegender Raketen einem nicht zu hundert Prozent effektiven Raketenschild zu überlassen. Dann aber sei in der mit Russland benachbarten Region die Hölle los.

          Diese letztere Befürchtung kam auch in den Worten von Präsident Wladimir Putin dieser Tage in Deutschland zum Ausdruck, der davon sprach, dass die Atomkatastrophe von Tschernobyl sich im Vergleich zu den Gefahren, die aus einem bewaffneten Konflikt auf der Koreanischen Halbinsel resultieren würden, vergleichsweise harmlos ausnehmen würde. Das strategische Missbehagen Moskaus, das Peking teilt, behielt Putin lieber für sich.

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