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Leben in Thailand : Gelb gegen Rot

Der Geruch von Tränengas: Nick Nostitz (im Vordergrund) im Einsatz. Hier flieht er am 9. April 2010 vor Krawallen in Pathum Thani. Bild: Steven Pace

Für Urlauber ist Thailand ein Traumziel. Für die Thailänder ist es ein Albtraum. Die Geschichte eines deutschen Fotografen im Land des Lächelns.

          9 Min.

          Am 25. November 2013 ist plötzlich alles anders. Nick Nostitz hat schon Hunderte Male solche Versammlungen besucht, stets war er nur Beobachter, machte Fotos, sprach mit den Demonstranten, schüttelte Hände. Doch dies ist der Tag, an dem die Demonstranten, deren Plan es ist, Thailands gewählte Regierung aus dem Amt zu jagen, in Bangkok mehrere Ministerien besetzt haben.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Nostitz lauscht den Tiraden gegen Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra, die von den Protestbühnen herab regelmäßig als „Hure“ und „hirnlos“ beleidigt wird. Doch an diesem Tag stellt sich die aufgebrachte Menge nicht nur gegen die verhasste Regierung. Auf einmal richten sich ihre Aggressionen auch gegen den deutschen Fotografen, der für Magazine wie „Spiegel“ und „Stern“ gearbeitet hat.

          Zwei Männer versuchen, Nostitz das Kameraobjektiv zuzuhalten. Dann brüllt einer der Anführer von der Bühne in sein Mikrofon: „Das ist ein Rothemden-Journalist, jagt ihn fort!“ Nostitz ist plötzlich von einem Pulk Männer umringt. Sie tragen schwarze T-Shirts, auf einem steht hinten „Security“. Es sind die „Wächter“ der Regierungsfeinde, grobschlächtige Gesellen, die für die Drecksarbeit zuständig sind.

          Rote und gelbe Hemden gegeneinander

          Ein Faustschlag trifft Nostitz links am Kopf. Der Deutsche hält einen Arm schützend nach oben, doch die Hiebe sausen weiter auf ihn hinab. „Beim ersten Schlag bin ich k. o. gegangen, aber glücklicherweise nicht zu Boden“, sagt der heute 46 Jahre alte Nostitz. Nur mit Mühe kann er sich hinter eine Polizeikette retten. Doch ihm ist sofort klar: Nun wird er nicht mehr so arbeiten können wie in den Jahren davor. Er zählt jetzt offiziell zu den Feinden dieser Protestgruppe, die im Volksmund als Gelbhemden bezeichnet wird.

          In dem südostasiatischen Königreich tobt ein epochaler Konflikt, den in Deutschland kaum ein Mensch versteht. Es gibt die „Gelbhemden“ auf der einen und die „Rothemden“ auf der anderen Seite. Die einen repräsentieren die royalistische Elite, die Bürokratie, die Ober- und obere Mittelschicht in Bangkok und im Süden des Landes. Die anderen gehören zur ländlichen Bevölkerung im Norden und Nordosten, Bauern und Angehörige einer neuen Mittelschicht, die einst Thaksin Shinawatra ihre Gefolgschaft geschworen haben.

          Der Unternehmer, frühere Ministerpräsident und Bruder der mittlerweile abgesetzten Regierungschefin Yingluck Shinawatra ist der Erzfeind der Gelbhemden. Zu dem Konflikt zwischen Rot und Gelb kommt auch noch die heikle Frage nach der möglichen Thronfolge für den seit 69 Jahren regierenden König Bhumibol Adulyadej. Im Mai vergangenen Jahres hat dann auch noch das Militär gegen die Regierung der Shinawatra-Partei geputscht.

          Man kann über Thailand sagen, was man will, für Urlauber ist es zweifellos ein Traumziel. Für die Thailänder ist es das Gegenteil. Politisch ist das Land ein einziger Albtraum. Nick Nostitz bekommt das am eigenen Leib zu spüren. Nach der Prügelattacke startet eine Hasskampagne gegen ihn. In einem Fernsehsender, der auf der Seite der Protestbewegung steht, wird er als bezahlter Handlanger Thaksins verleumdet.

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