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Moloch Kabul : Eine Stadt sucht ihre Seele

Blick auf das neue Kabul: Aus einem zerbombten Moloch ist eine Stadt von fast sechs Millionen Menschen geworden Bild: Pilar, Daniel

Nach 13 Jahren fiebrigen Wachstums ist Kabul ermattet. Aber nicht ganz ohne Hoffnung. Dafür sorgen auch die vielen Neuankömmlinge in der afghanischen Hauptstadt.

          6 Min.

          Kabul ist wie eine Hure. Sie ist für Geld zu haben, jeder benutzt sie, ohne eine Verpflichtung einzugehen. So jedenfalls sieht Assad seine Heimatstadt. „Eine Stadt ohne Seele“, sagt er abfällig, während er in seinem schmuddeligen T-Shirt und mit zwei unterschiedlich farbigen Socken, die Hände in den Taschen, durch die Mazari-Straße im Westen Kabuls schlendert. „Eine Stadt, in der es Dutzende protziger Hochzeitssäle gibt, aber keine einzige Bibliothek.“

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Für Assad ist Kabul eine Wunde, überzogen mit dem Zuckerguss pakistanischer Bling-Bling-Architektur. „Selbst die Ruinen sind ästhetischer als das neue Kabul.“ Assad ist ein Bewunderer Walter Benjamins. Oft versucht er sich als Flaneur in Kabul, sucht nach Zeichen der Moderne wie den „täuschenden Mädchen“, die Autofahrern auffordernde Blicke zuwerfen und diese dann mit ihren Sehnsüchten einfach stehenlassen, nur um hinter der nächsten Ecke noch einmal zu locken. „Das ist eine Art Rache an den Männern“, glaubt Assad. Er liest auch Horkheimer und Kierkegaard. Nicht untypisch für einen arbeitslosen Intellektuellen hier im tiefen Westen Kabuls, wo sich vor allem Angehörige der Hazara-Minderheit niedergelassen haben, die in den vergangenen Jahren aus dem Exil in Iran zurückgekehrt sind.

          Neuankömmlinge wie Assad haben das Gesicht der afghanischen Hauptstadt in den vergangenen 13 Jahren radikal verändert. Aus einer zerbombten Geisterstadt mit 1,2 Millionen Einwohnern ist durch ein fiebriges, ungeplantes Wachstum ein Brei aus mittlerweile fast sechs Millionen Menschen entstanden. Auf den Straßen, die eigentlich für 30.000 Autos ausgelegt worden sind, drängeln sich inzwischen 700.000 Fahrzeuge.

          Als Erstes kamen im Dezember 2001 die Kämpfer der Nordallianz. Sie eroberten Kabul und rissen sich wertvolles Bauland unter den Nagel. Dann kam das Geld – das internationale Militär und die weißen Autos der Entwicklungshilfeindustrie. Sie brachten gute Jobs und lukrative Verträge, die eine neue Mittelschicht entstehen ließen. Für die neue Mittelschicht gibt es nun ein riesiges Erlebnis-Schwimmbad, Paintball-Parks und moderne Einkaufszentren. Millionen Flüchtlinge kehrten aus den Nachbarländern zurück und zersiedelten die Berge rund um die Stadt.

          Für sie sang der Popstar Farhad Darya „Kabul jan Salam“ (Hallo, geliebtes Kabul), einen Ohrwurm, dessen Produktion von einer amerikanischen Hilfsorganisation finanziert wurde. Schließlich kamen die Binnenflüchtlinge aus den Provinzen, in denen die Taliban wieder erstarkten, und errichteten improvisierte Lager aus Lehm an den Ausfallstraßen der Stadt. Inzwischen ist das fiebrige Wachstum zum Stillstand gekommen. Kabul ist ermattet, richtungslos. Aber nicht ganz ohne Hoffnung.

          Alteingesessene Kabuler reden lieber über die Vergangenheit

          Im Stadtteil Dasht-e-Bachi, wo Assad wohnt, haben sich die Neuankömmlinge ihre eigene kleine Welt geschaffen. Eine Nische für Hazaras, die einst Geknechteten unter Afghanistans Minderheiten. Assad bleibt am Mazari-Denkmal stehen, einem der wenigen in Kabul, denn Bildnisse sind unter den Sunniten verpönt. Doch hier in Dasht-e-Bachi leben Schiiten, und Mazari, der in anderen Stadtteilen Kriegsherr genannt wird, ist hier ein Held.

          Assads Eltern schickten ihren Sohn nach Iran, als er 15 war, damit sich Assad nicht den Kämpfern Mazaris anschließen konnte. Assad studierte in einer Madrassa in der für Schiiten heiligen Stadt Qom und wurde Mullah. Doch irgendwann fiel er vom Glauben ab. Was ihm blieb, war sein Hazarasein. „24.000 Schüler gehen in die Abdul-Rahim-Shahid-Schule dort“, sagt er. Und meint, dass Bildung unter Hazaras mehr gelte als unter den anderen Volksgruppen. Hier im Westen Kabuls gibt es auch Cafés, wie es sie sonst im Rest der Stadt nicht gibt. In denen Jungen und Mädchen sich verliebt in die Augen schauen und womöglich heimlich einen Kuss austauschen. Assad identifiziert sich mit seinem Stadtteil, der Welt der Hazara, aber nicht mit dem Ganzen. Nicht mit „Kabul jan“. Den Song findet er kitschig.

          Fragt man alteingesessene Kabuler, was die Stadt für sie bedeutet, reden sie meist über die Vergangenheit. Über längst geschlossene Kinos, nach denen noch heute Stadtteile benannt sind und über die Musikerstraße, wo einst eine Sängerin auf dem Balkon auftrat. Fragt man Neuankömmlinge, was Kabul für sie bedeutet, sagen sie meist: „Es ist halt die Hauptstadt.“

          „Damit die Bürger nicht immer nur an Selbstmordattentate denken“

          Der Mann, der den müden Koloss Kabul zu neuem Leben erwecken will, heißt Muhammad Yunus Nawandish. Der Bürgermeister ist ein kleiner fröhlicher Mann, der einen Schnurrbart trägt und um dessen kahlen Schädel sich ein Haarkranz windet. Aber er hat ein Problem: Seine Bürger sind keine Städter, sie sind Dörfler. „Sie sind nicht an eine Hauptstadtkultur gewöhnt.“ Wenn Nawandish Rosen pflanzen lässt, um das Stadtbild zu verschönern, halten die Leute ihre Autos an, um sie zu pflücken. Wenn er Müllcontainer aufstellt, werfen die Leute ihren Müll daneben. Wenn er den Kabul-Fluss reinigen lässt, ist er am nächsten Tag wieder voller Abfälle. Und die Straßenhändler stellen ihre Verkaufswagen mitten auf die schönen neuen Autobahnen, die Nawandish mit Hilfe internationaler Hilfsgelder hat bauen lassen. Das Stadtoberhaupt hat inzwischen Hunderttausende Büchlein in den Schulen verteilen lassen, in denen erklärt wird, wie sich zivilisierte Hauptstadtbewohner verhalten sollen.

          Cricket vor dem zerstörten Darulaman-Palast
          Cricket vor dem zerstörten Darulaman-Palast : Bild: AFP

          Nawandish ist ein Mann mit Visionen. Er träumt von einer Busspur wie in Berlin, von Ampeln und von einem modernen Staumanagement. Doch leider ist das Transportministerium für den Nahverkehr zuständig, derweil die Lizenzen für Neuwagen vom Innenministerium vergeben werden. Und dann gibt es da noch das Ministerium für städtische Entwicklung. Trotzdem hat Nawandish in Genf gerade einen Preis bekommen, zusammen mit den Bürgermeistern von Paris und New York. Ausgezeichnet wurde er unter anderem dafür, dass er die Zahl der zur Genehmigung nötigen Unterschriften für den Bau eines Hochhauses von 620 auf 19 reduziert hat. Dafür, dass er Straßenlaternen hat errichten lassen, weil sie „die Menschen glücklich machen“, und weil er es möglich gemacht hat, dass kostenlose Konzerte in öffentlichen Parks stattfinden, „damit die Bürger nicht immer nur an Selbstmordattentate denken“.

          Jung, gebildet und mit Alkoholfahne

          Muhammad Zahir hat von alldem nichts. In Badelatschen steht er am Straßenrand, vor ihm zwei Kartons mit Granatäpfeln. Mit einem Wedel fächelt er den Staub von den Früchten. Zahir ist vor drei Jahren aus der Provinz Helmand vor den Kämpfen zwischen den Taliban und den amerikanischen Truppen hierher geflohen. Seither lebt er in einem Flüchtlingslager am Rande Kabuls. Wenn Zahir Glück hat, verdient er am Tag umgerechnet eineinhalb Euro. In die Innenstadt traut er sich nicht. „Dort gibt uns niemand Arbeit, weil wir aussehen wie Taliban“, sagt der alte Mann heiser und zeigt auf seinen löchrigen Shalwar Kameez. Das Gewand ist mit kleinen Spiegeln bestickt, wie es im „Talibanland“ Helmand Tradition ist. „Wenn sich die Dinge weiter so entwickeln, gibt es keine Zukunft für uns.“ Ein junger Mann, der mitgehört hat, fährt Zahir über den Mund. „Du musst deinen Sohn zur Schule schicken. Dann hast du eine Zukunft.“ Der Sohn sitzt schweigsam vor einer Handvoll Granatäpfel. „Ich brauche ihn hier, meine Augen sind zu schwach“, verteidigt sich der Vater.

          Ein paar Kilometer weiter in einem gepflegten Garten mit Swimmingpool feiert Kabuls neue Elite, die manche hier „Generation 9/11“ nennen. Die Männer sind gebildet, gut vernetzt, moderat und zwischen Mitte zwanzig und Anfang vierzig. Manche von ihnen haben eine Alkoholfahne. „Unsere Generation hat innerhalb kurzer Zeit so viele Veränderungen erfahren“, sagt Matin Beg, ein junger Mann in Anzug und Krawatte. „Als Kinder haben wir erlebt, was es heißt, wenn dein Pass nichts wert ist. Wir waren eine gedemütigte Nation.“ Doch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eröffneten sich ihnen Chancen: Auslandsstipendien, lukrative Jobs. Und ein neuer Nationalstolz. Als Beg vor zwei Jahren stellvertretender Minister für ländliche Verwaltung wurde, war er gerade einmal 24 Jahre alt. Viele der Männer in dem Garten haben ihre Karriere als Übersetzer von Ausländern begonnen. Irgendwann wollten sie selbst für sich sprechen. „Es fehlte eine afghanische Stimme, in den internationalen Medien wurde immer nur über uns gesprochen“, sagt Beg, der in Indien studiert hat.

          Eine Ruine, die Trost spendet

          Sie gründeten Netzwerke mit Namen wie „Afghanistan 1400“ und „3A“, um einen Generationswechsel in der Politik einzuläuten. Begs Gruppe „3A“ gehören Chefredakteure, Botschafter und führende Mitarbeiter des Geheimdienstes, der Armee und von Ministerien an. Viele von ihnen sind die Söhne der alten Bürgerkriegselite, wie auch Matin Beg, dessen Vater ein führender Usbekenkommandeur im Norden war. 2011 wurde Begs Vater von den Taliban ermordet, und sein Sohn macht keinen Hehl daraus, dass er nur deshalb Minister wurde: „Alle, die das sagen, haben Recht.“ Matin Beg sieht sich als typischer Vertreter der neuen Kabuler Elite, die vom Land kommt und in einem pakistanischen Flüchtlingslager aufwuchs. „Wir sind nicht wie die Kabuler Bürokratenklasse von früher, die keinen Bezug zum Rest des Landes hatte.“ Genau das Vermischte, die Einflüsse und Erfahrungen all der Neuankömmlinge aus Iran, Pakistan, dem Westen, den Provinzen – das sei der Charakter des neuen Kabul, sagt Matin Beg.

          Auch Assad auf der Mazari-Straße sucht nach dem Charakter Kabuls. Er ist ins Reden gekommen, und dabei sind ihm doch ein paar Orte eingefallen, die so etwas wie die Seele Kabuls sein könnten. Zum Beispiel der Darulaman-Palast, der in den zwanziger Jahren nach Plänen des deutschen Architekten Walter Harten gebaut wurde. Assad spricht von Harten, als handle es sich um Le Corbusier. Der Palast gilt als Symbol der Kabuler Moderne, die König Amanullah der Stadt verordnete, bevor die konservativen ländlichen Eliten ihn aus dem Amt jagten. Heute steht nur noch der Kadaver des Palastes, übersät mit Einschusslöchern, das Dach halb eingerissen, leere Fensterhöhlen wie offene Münder. Der Palast steht am Ende einer frisch asphaltierten fünfspurigen Hauptstraße, hell erleuchtet mit Straßenlaternen und gesäumt von afghanischen Nationalflaggen. Viele junge Männer liefern sich hier nachts Autorennen, mit voll aufgedrehten Lautsprechern, manche der Jungs sind bekifft. Der Palast erinnert sie an das Kabul der neunziger Jahre, als die Stadt im Raketenhagel stand und ein Leben so wenig wert war, dass die Scharfschützen auf den umliegenden Hügeln um eine Zigarette wetteten, dass sie einen bestimmten Passanten treffen könnten. Die Ruine spende ihnen Trost, sagen viele Kabuler. Sie erinnert sie daran, dass die Stadt noch viel schlimmere Zeiten erlebt hat als die heutige.

          Neulich wurde Assad gebeten, auf einer Kulturveranstaltung über die Vergangenheit und die Zukunft Kabuls zu sprechen. „Das ist eine gute Fragestellung“, sagt Assad. Aber wichtiger sei doch die Frage: „Wie können wir Kabul lieben?“

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