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Merkel in Japan : „Deutschstunde“ für Shinzo Abe

Empfangskommitee: Japanische Schülerinnen am Montag in Tokio beim Empfang für Bundeskanzlerin Angela Merkel Bild: dpa

Bundeskanzlerin Merkel berichtet japanischen Studenten über den Umgang Deutschlands mit seiner Kriegsvergangenheit. Mit Regierungschef Abe spricht sie lieber über die Zukunft des Militärs.

          5 Min.

          Es war fast so etwas wie eine „Deutschstunde“ mit Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin, gerade erst zu ihrem Besuch in Japan eingetroffen, saß in einem großen Sessel und antwortete auf die Fragen von Studenten und Lesern der liberalen Tageszeitung „Asahi“. Die Erwartungen an ein klares Wort der Bundeskanzlerin waren groß. Die „Asahi“ steht in Japan unter Beschuss, weil sie wie kein anderes etabliertes Blatt die Versuche des Ministerpräsidenten Shinzo Abe kritisiert, die Geschichte Japans im Zweiten Weltkrieg nationalistisch umzudeuten und Greueltaten der japanischen Streitkräfte zu leugnen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Kaum hatte sich die Kanzlerin nach einer halbstündigen Grundsatzrede in ihren hellen Sessel auf der Bühne gesetzt, kam der Chefredakteur der „Asahi“ mit seiner ersten Frage gleich auf das heikle Thema zu sprechen: Was Japan bei der Bewältigung seiner Kriegsvergangenheit von Deutschland lernen könne, wollte er wissen. Merkel antwortete diplomatisch. Als deutsche Regierungschefin könne sie den Japanern keine Ratschläge geben. „Das muss aus der Gesellschaft kommen.“ Sie sagte aber auch, dass die Aussöhnung Deutschlands mit seinen Kriegsgegnern wie Frankreich möglich geworden sei, „weil sich Deutschland auch der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte gestellt hat“.

          Auslandsreise : Merkel zu Besuch in Japan

          Hinweise zwischen den Zeilen

          Viele der Studenten, die zu diesem einzigen öffentlichen Auftritt der Bundeskanzlerin auf ihrer knapp zweitägigen Japanreise eingeladen worden waren, schrieben eifrig mit. Einige nickten. Darauf hatten sie gewartet. „Es gab eine große Bereitschaft in Deutschland, die Dinge beim Namen zu nennen“, sagte Merkel weiter.

          Japaner sind es mehr als Deutsche gewohnt, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Merkel blieb bei ihrem Auftritt stets zurückhaltend. Sie wurde nach Problemen mit Einwanderern gefragt. Nach Frauen in der Politik. Und eben danach, wie Deutschland und Japan 70 Jahre nach Kriegsende mit ihrer Geschichte umgehen sollten. Ihr Satz, es habe eine große Bereitschaft gegeben, die Dinge beim Namen zu nennen, werden Abes Kritiker dankbar aufgreifen. Wenige Stunden später, auf einer Pressekonferenz mit Ministerpräsident Abe, war die Kanzlerin sogar noch zurückhaltender. Als ein Journalist das Thema anschnitt, erstarrte Abes Gesicht für einen Moment, nachdem er „Angela“ vorher noch sichtlich entspannt begrüßt hatte. Diese Frage eines japanischen Journalisten gefiel ihm nicht.

          Doch Merkel wiederholte nicht, was sie zuvor bei der „Asahi“ gesagt hatte. „Ich bin nicht nach Japan gekommen, um Hinweise zu geben, was Japan zu tun hat“, sagte sie. Abe wurde wieder lockerer. „Ich kann nur berichten, was wir in Deutschland getan haben.“ Und das, so hieß es vorher in Berlin, werde sie Abe auch erzählen.

          Bereitschaft zur Versöhnung auf beiden Seiten

          Die Leugnung der Greueltaten im Krieg und der mit aggressiver nationalistischer Rhetorik vorgetragene Geschichtsrevisionismus vieler Gefolgsleute Abes hatten die Spannungen mit den ostasiatischen Nachbarländern Südkorea und China nicht erst in jüngster Zeit verschärft. Die Regierungen beider Länder halten dem Nationalisten Abe vor, Japan von seiner Verantwortungen für die brutale Besatzungsherrschaft reinwaschen zu wollen. Zum Sprachrohr Pekings und Seouls machte sich die Bundeskanzlerin in Tokio aber auch nicht.

          Im Gegenteil: Die Wiederannäherung der früheren Feinde in Europa, sagte sie, wäre nicht möglich gewesen ohne die Bereitschaft zur Versöhnung in den von Deutschland überfallenen Staaten. „Es gab großartige Persönlichkeiten, die sagten: Wir gehen ein Stück aufeinander zu.“ Das wird Merkel von Abe in dessen Erklärung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes nicht erwarten. Der bekennende Nationalist, unter dessen Verantwortung in Japan die Geschichte in Schulbüchern umgedeutet wird, und in dessen Regierung prominente Vertreter die Verschleppung von bis zu 200.000 Mädchen und Frauen – vor allem Koreanerinnen – als Zwangsprostituierte in die Frontbordelle der japanischen Armee leugnen, dürfte kaum zum Vorreiter einer Versöhnungspolitik in Ostasien werden.

          Viel wäre schon gewonnen, wenn Abe eine geplante Grundsatzerklärung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes nicht dazu nutzen würde, seine nationalistische Agenda weiter voranzutreiben. Aussöhnung sei nur möglich, wenn sich Länder ihrer Vergangenheit stellten, hatte Merkel in ihrer Rede in der „Asahi“-Halle noch gesagt.

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