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Malaysia : Mein Gott, dein Gott

„Allah nur für Muslime“: Demonstranten am Montag in Kuala Lumpur Bild: AP

Ein Gericht in Malaysia hat Christen untersagt, für ihren Gott den Namen „Allah“ zu verwenden – wie sie es seit Jahrhunderten tun. Das verwirre die Muslime, glauben die Richter.

          3 Min.

          Das Wort „Allah“ darf in Malaysia künftig nur noch von Muslimen für ihren Gott benutzt werden. Auf diese Grundregel läuft das Urteil eines malaysischen Berufungsgerichts vom Montag hinaus. Es verbietet einer christlichen Wochenschrift die Verwendung dieser Bezeichnung in ihrer landessprachlichen Ausgabe. Während muslimische Verbände und Parteien das Urteil begrüßten, übten Vertreter der christlichen Minderheit sowie politische Beobachter scharfe Kritik an der Einschränkung der Religionsfreiheit. In der Entscheidung zeige sich die zunehmende Islamisierung des südostasiatischen Landes sowie die Unfähigkeit der Justiz, die Rechte von Minderheiten zu schützen, sagte Bridget Welsh von der „Singapore Management University“ dieser Zeitung. Malaysia gehe mit dem Verbot weiter als muslimische Staaten in der Region wie Indonesien und auch als die meisten Staaten im Nahen Osten. In Malaysia verlören die moderaten Kräfte derzeit zunehmend an Boden, sagte Welsh.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die drei Berufungsrichter hatten am Montag ein Urteil aus dem Jahr 2009 aufgehoben, das die Benutzung des Wortes „Allah“ in der katholischen Wochenzeitung „The Herald“ erlaubt hatte. Seit der damaligen Entscheidung hatten die Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften zugenommen. Im Jahr 2010 kam es zu Brandanschlägen auf Kirchen und vereinzelt auch auf muslimische Gotteshäuser. Der Einschätzung der Richter zufolge könnte die Verwendung des Begriffs „Allah“ durch Christen „unnötige Verwirrung“ in der muslimischen Gemeinschaft stiften, wie die staatliche Nachrichtenagentur Bernama auf ihrer Website berichtete. Dies sei der Harmonie und dem Frieden nicht zuträglich. Der Gebrauch des Wortes sei auch kein integraler Bestandteil der christlichen Glaubenspraxis, begründete einer der Richter das Urteil. Die Bezeichnung „Allah“ komme weder im Alten noch im Neuen Testament vor. Das Verbot stelle auch keine Beschränkung von Verfassungsrechten dar, sagte der Richter.

          Die Entscheidung ist sehr umstritten, weil sie nach Meinung von Vertretern der Christen in Malaysia, die etwa neun Prozent der Bevölkerung ausmachen, gegen die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit verstößt. Der Prozess geht auf eine Initiative des Innenministeriums zurück, das der Publikation die von ihr seit Mitte der neunziger Jahre benutzte Bezeichnung untersagen wollte. Die Regierung hatte der Zeitung damals mit Lizenzentzug für ihre malaiische Ausgabe gedroht. Daraufhin hatte das Medienhaus Klage eingereicht und zunächst auch Recht bekommen. Die Regierung hatte aber Berufung gegen das Urteil eingelegt. Nach dem Willen der Christen soll nun das Oberste Gericht über den Fall entscheiden. Die Kirchenvertreter zeigten sich enttäuscht über den Ausgang des Verfahrens, das von Wortgefechten zwischen beiden Seiten begleitet worden war. Sie berufen sich darauf, dass die Bezeichnung „Allah“ bei Bibelübersetzungen in die Landessprache sogar schon vor der Gründung des Staates Malaysia im Jahr 1963 üblich gewesen sei.

          Christen kündigen Widerstand an

          Die Bezeichnung „Allah“ werde außerdem schon seit Jahrhunderten von den Christen in den ostmalaysischen Bundestaaten auf der Insel Borneo – Sarawak und Sabah – benutzt, sagen ihre Würdenträger. Die dortigen Christen machen etwa zwei Drittel der Christen in Malaysia aus. Sie würden durch die Entscheidung zu Gesetzesbrechern gemacht, sagte der malaysische Bischof Thomas Tsen nach Angaben der Zeitung „The Star“. Christliche Geistliche kündigten an, trotz des Urteils an dem Gebrauch des Wortes festhalten zu wollen.

          Die Muslimenverbände hatten den Christen dagegen den „Missbrauch“ des Namens vorgeworfen. Muslimische Gruppen hatten am Regierungssitz Putrajaya außerhalb der Hauptstadt Kuala Lumpur demonstriert und das Urteil mit Jubel begrüßt. Sie fürchten offenbar, dass mit Hilfe der gleichlautenden Bezeichnung Muslime zum Christentum bekehrt werden könnten. Der Islam genießt als „offizielle Religion des Staatswesens“ laut Verfassung besonderen Schutz. Die etwa 60 Prozent ethnischen Malaien sind per Gesetz Muslime. Sie dürfen ihre Religion nicht wechseln. Diplomaten sehen außerdem eine Zuwendung zu islamischen Traditionen in Malaysia in den vergangenen zwei Jahrzehnten, die von der Regierung gefördert werde.

          Unter den Beobachtern gibt es auch keinen Zweifel, dass die Regierung die ethnischen und religiösen Konflikte politisch für sich nutzen möchte. Malaysias Ministerpräsident Najib Razak hat bei den Wahlen im Mai viele Stimmen verloren. Die seit Staatsgründung in der Regierung vertretene national-malaiische Partei Umno und ihr Parteienbündnis haben nicht nur die Zweidrittelmehrheit eingebüßt, sondern zum ersten Mal sogar weniger Stimmen bekommen als die Opposition. Vor allem die Stadtbevölkerung sowie die ethnischen Chinesen haben gegen die Regierungspartei gestimmt. Da die Wahlkreise aber zu ihren Gunsten zugeschnitten sind, bekam Umnos Bündnis wieder die Mehrheit der Sitze zugesprochen.

          Die Opposition wirft der Regierung Wahlbetrug vor. Da der amtierende Ministerpräsident aufgrund des schlechten Wahlergebnisses auch innerhalb der Partei unter Druck steht, versucht die Regierung nun, die Unterstützung der malaiisch-muslimischen Gruppen zu bekommen. Es sei kein Zufall, dass die richterliche Entscheidung kurz vor einem geplanten wichtigen Umno-Treffen gefallen sei, sagte Bridget Welsh in Singapur.

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