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Exekution in Nordkorea : Ein Nickerchen mit tödlichen Folgen

Ein Passant sieht die Nachricht von der angeblichen Hinrichtung des nordkoreanischen Verteidigungsministers auf einem Bildschirm in Seoul, Süd-Korea. Bild: AP

Kim Jong-un soll angeordnet haben, seinen Verteidigungsminister mit einem Flakgeschütz hinzurichten. Laut südkoreanischen Medien und Geheimdienst aus einem bizarren Grund. Eine Analyse nordkoreanischer Gepflogenheiten.

          Nein, man kann nicht sicher sein, dass die Berichte zutreffen, wonach der nordkoreanische Verteidigungsminister Hyon Yong-chol vor den Augen vieler Funktionäre hingerichtet worden sei. Falls dies, wie der südkoreanische Geheimdienst NIS meldet, durch ein Flakgeschütz geschehen sein sollte, würde dies zwar zu einem Regime passen, das zur theatralischen Inszenierung neigt. Aber man könnte auch sagen, dass ein Land wie Nordkorea nun einmal die Phantasie vieler Beobachter in zuweilen ungutem Maße anregt, dass also zumindest die Geschichte mit dem Flakgeschütz nicht stimmen könnte.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Aber die Berichte haben natürlich vor allem politisch große Relevanz. Vor dem Verteidigungsminister sollen seit Jahresbeginn im Reich des Staatsführers Kim Jong-un schon 15 Funktionäre hingerichtet worden sein. Das kann man auf sehr verschiedene Weise interpretieren. Die eine Sichtweise sagt, das zeige, dass der junge Staatsführer sich so gut wie alles erlauben könne, dass er also stabil im Sattel sitze. Diese Sichtweise entspricht mit Sicherheit dem Wunsch vieler ausländischer Regierungen, die Instabilität auf der koreanische Halbinsel oder gar den Zusammenbruch des Kim-Regimes fürchten, weil das Rückwirkungen auf die gesamte, ohnehin konfliktreiche Region hätte.

          Man kann die Hinrichtungen - falls sie wie berichtet stattgefunden haben - aber eben auch als Zeichen für jene so gefürchtete Instabilität interpretieren. Hat der junge Herrscher es womöglich nötig, seine Herrschaft blutig zu stabilisieren? Nehmen ihn die Älteren im Führungskreis (und älter als Kim Jong-un sind so ziemlich alle anderen) immer noch nicht wirklich ernst? Zweifelt man an seinen Führungsqualitäten?

          In dieses Bild würden Hinrichtungen auch dann passen, wenn man dahinter eine ausgeklügelte Strategie Kim Jong-uns vermuten würde. In einem System wie dem nordkoreanischen, das öffentlich völlig auf eine Person zugeschnitten ist, ist der Herrscher quasi selbstverständlich einsam in dem Sinne, dass er alles entscheidet. Da er aber nicht persönlich überprüfen kann, ob jeder irgendwo im Land in eine Wand geschlagene Nagel gerade sitzt, braucht er einen Apparat, der ihm diese praktischen Arbeiten abnimmt. Die Mitglieder dieses Apparates aber könnten ja eigene Gedanken und Ideen entwickeln, die - da sie Einblick in den traurigen Alltag haben - den Ansichten des Führers widersprechen. Eigene Ideen anderer sind aber systemwidrig. Deshalb muss, wenn man dieses Szenario durchdenkt, der Führer dafür sorgen, dass die Mitglieder des Apparates so in Angst leben, dass sie eigene Gedanken gar nicht erst entwickeln. Da kann die eine oder andere Hinrichtung ganz hilfreich sein.

          Der womöglich Hingerichtete hat sich nach den südkoreanischen Berichten eines „Vergehens“ schuldig gemacht, das an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist. Der ältere Herr soll bei einer öffentlichen Veranstaltung eingeschlafen sein, sich also der Missachtung des Führers schuldig gemacht haben. Wer will, kann daraus auf eine geistige Deformation des besagten Führers schließen, der in seinem Größenwahn auch kleinste Gesten als Rebellion auslegt. Ähnliches wird von Stalin berichtet und ein Mensch wie Kim Jong-un, der - wiederum systembedingt - von lauter Speichelleckern umgeben ist, könnte natürlich auch an „Diktatorensyndrom“ leiden. Aber auch in dieser Hinsicht spielen Fakten und Phantasie ineinander. 

          Das alles ist furchtbar, aber in diesem System mit einer gewissen Zwangsläufigkeit angelegt. Insofern könnten die Berichte des südkoreanischen Geheimdienstes also durchaus zutreffen. Dem NIS ist noch am ehesten zuzutrauen, halbwegs verlässlich über Nordkorea informiert zu sein. Allerdings liegen auch die Südkoreaner zuweilen daneben. Noch vor kurzem berichtete der NIS, Kim Jong-un werde persönlich zu den Gedenkfeiern zum Ende des Zweiten Weltkrieges nach Moskau reisen. Aber der junge Führer blieb schließlich doch zu Hause, aus „innenpolitischen Gründen“, wie die verhinderten russischen Gastgeber verlauten ließen.

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