https://www.faz.net/-gq5-8741q

Kursabsturz in China : Die Grenzen der Allmacht

  • -Aktualisiert am

Selfie mit Mao: auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking Bild: Reuters

Chinas Kleinanleger setzten darauf, dass die Regierung Kursstürze verhindern werde - doch der Markt hält sich nicht an Pekings Vorgaben. Die Regierung steckt in einem Dilemma.

          Chinas Kleinanleger sind empört. Da hat die Regierung ihnen empfohlen, in Aktien zu investieren und nun stürzt der Markt ab. Sie verlieren Erspartes und Geborgtes. Nachdem die Börsen in China in den vergangenen zwei Monaten schon stetig nach unten tendierten, verlor der Schanghaier Index am Schwarzen Montag in dieser Woche 8,5 Prozent und am Dienstag setzte sich die Talfahrt noch einmal mit einem Verlust von 7,6 Prozent fort. Weltweit gerieten die Börsen in den chinesischen Abwärtssog. Am Dienstag erholten sich die europäischen Aktienmärkte wieder etwas, nachdem die Notenbank in Peking - nach dem Börsenschluss in China - eine Senkung der wichtigsten Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte und des Mindestreservesatzes für Geschäftsbanken angekündigt hatte. Am Donnerstag notierten auch die chinesischen Börsen wieder etwas im Plus.

          Das Spekulieren mit Aktien wurde zum Volkssport

          Trotzdem gibt es in China in diesen Tagen kaum ein anderes Gesprächsthema als den Börsencrash - doch Chinas staatliche Medien halten sich mit der Darstellung und Kommentierung der Krise auffallend zurück. Die staatlich gelenkte Presse konzentriert sich ganz auf die bevorstehenden Feiern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Noch hat sich auch kein Regierungsmitglied zu dem Börsencrash mit beschwichtigenden Worten geäußert. Die Pekinger Führung weiß, dass sie von den Klein-Investoren für die Krise verantwortlich gemacht wird und hält sich bedeckt.

          Den Aufrufen der Regierung, an die Angehörigen der neuen Mittelklasse, die bereits eine Eigentumswohnung und ein Auto besitzen, ihr Geld in Aktien zu investieren, waren die Städter gern gefolgt. Im vergangenen Jahr waren 30 Prozent der Aktienbesitzer Erstanleger. Vorkenntnisse über die Unternehmen etwa und die wirtschaftliche Lage waren nicht gefragt, man sah, wie die Kurse sich immer nur in eine Richtung entwickelten - nach oben. Das Zocken am Aktienmarkt wurde zum Volkssport, und alle verließen sich vor allem auf eines: dass die Regierung einen größeren Kursrückgang nicht zulassen würde.

          Steigende Immobilienpreise dank staatlicher Hilfe

          Denn mehr als den internationalen Anlegern ist den Chinesen bewusst, dass ihr Land nicht jene Marktwirtschaft ist, die es vorgibt, zu sein. Schon lange erlebt China etwa dank staatlicher Hilfsmaßnahmen eine kontinuierliche Steigerung der Immobilienpreise. Die Chinesen wissen, dass ihre Regierung die „Stabilität“ der Gesellschaft nicht riskieren wird. Unruhe in der Mittelklasse, die durch größere finanzielle Verluste ausgelöst werden könnte, wird die Regierung vermeiden wollen. Dieses Kalkül bewahrheitete sich auch nach den Kursverlusten im Juni: Die Regierung griff mit einem ganzen Katalog stützender Maßnahmen ein und verhinderte damit Schlimmeres.

          Womit aber große Investoren und vor allem die 80 Millionen Kleinanleger nicht gerechnet hatten, war dass die chinesische Regierung Zweifel an der chinesischen Wirtschaft sogar noch befördern würde, als sie vor zwei Wochen den Yuan abwertete. Peking stellte den Schritt zwar als eine Reformmaßnahme dar, der die vom Internationalen Währungsfonds eingeforderte Flexibilität der Währung einleiten soll. Doch vor allem im Ausland wurde dies als Eingeständnis der Regierung interpretiert, dass es um die chinesische Wirtschaft nicht so gut steht. Die Abwertung, so die verbreitete Meinung der Analysten, sollte vor allem einem Rückgang der chinesischen Exporte entgegensteuern.

          Damit erhielten auch Zweifel an den chinesischen Wirtschaftsdaten neue Nahrung. Weiß die chinesische Regierung mehr als sie veröffentlicht, steht es um die Wirtschaft womöglich viel schlechter als behauptet? Wie ist die Lage in den Provinzen tatsächlich? Und wie verlässlich sind die Statistiken, die belegen sollen, dass China doch noch in der Lage ist, das staatlich gesetzte Wachstumsziel von sieben Prozent für dieses Jahr zu erreichen? Die Angst vor der Konjunkturschwäche in China drückte auf die Börsen und als am vergangenen Freitag noch ein Rückgang der Industrieproduktion bekanntgegeben wurde, gab dies den Startschuss für den Absturz vom Montag. Für die chinesischen Anleger dürfte vor allem die Tatsache, dass die Zentralbank nicht gleich mit allen Mitteln gegen den Kursrutsch anging, den Ausschlag zum Verkauf gegeben haben.

          Angst vor den Korruptionsfahndern

          Die chinesische Regierung sieht sich mit gegensätzlichen Erwartungen konfrontiert und daher in einem Dilemma. Auf der einen Seite will sie international als Marktwirtschaft anerkannt werden und muss sich mit dirigistischen Maßnahmen zurückhalten. Sie kann es sich aber auch nicht leisten, die chinesischen Anleger, vor allem die Kleinanleger aus der aufstrebenden Mittelklasse, die so wichtige Stützen für die Herrschaft der Kommunistischen Partei sind, gänzlich zu verprellen. In diesem Kontext sind auch die Maßnahmen der chinesischen Zentralbank zur Senkung der Leitzinsen und des Mindestreservesatzes für Geschäftsbanken zu sehen.

          Manche Analysten halten die Kursverluste vom Montag und Dienstag lediglich für eine überfällige Kurskorrektur. Damit sei der Leitindex Shanghai Composite lediglich auf ein Niveau von vor acht Monaten zurückgefallen. Chinas Kleinanleger wird dies aber nicht beruhigen, da viele von ihnen erst innerhalb der vergangenen Monate in den Markt eingestiegen sind, ohne sich um Risiken zu kümmern, im Vertrauen darauf, dass die Regierung es schon richten werde.

          Doch die Regierung zeigt Schwäche, ihre Fähigkeit, Anweisungen im Verwaltungsapparat durchzusetzen, scheint abzunehmen. Wirtschaftliche Strukturreformen, die die Regierung Xi Jinping großmundig angekündigt hat, stoßen auf großen Widerstand, Ministerpräsident Li Keqiang hat selbst die Trägheit und Verschleppungstaktik der staatlichen Funktionäre beklagt.

          Schuld am Reformstau ist aber neben dem Widerstand der Kader paradoxerweise auch Xi Jinpings bei der Bevölkerung beliebte Kampagne gegen die Korruption, die dazu führt, dass für Wirtschaftsentwicklung zuständige Kader Zurückhaltung bei großen Projekten und Entscheidungen zeigen. Beziehungen und Schmiergelder gehörten zum Wirtschaftsalltag, nun müssen die Funktionäre fürchten, den Zorn der Korruptionsfahnder auf sich zu ziehen. In dieser Situation ziehen viele es vor, nichts zu tun. Dass die Regierung nicht mehr alles richten kann, zeigt sich auch darin, dass für Xi Jinping und seine Führung die ganze Krise an den Aktienmärkten zu einem ungünstigen Zeitpunkt kommt. Die Talfahrt an der Börse droht den 3. September, Chinas „V-Day“, zu überschatten, an dem die Volksrepublik ihre neue Macht mit einer riesigen Militärparade demonstrieren will.

          Weitere Themen

          Bremer SPD nach Wahldebakel zerknirscht Video-Seite öffnen

          Historische Niederlage für SPD : Bremer SPD nach Wahldebakel zerknirscht

          Die SPD hat Prognosen zufolge ihre jahrzehntelange Vorherrschaft in Bremen an die CDU verloren. Bei der Bürgerschaftswahl am Sonntag wurden die Christdemokraten zum ersten Mal in der Geschichte des Bundeslands stärkste Kraft, wie Prognosen zeigten.

          Geteilte Welt

          FAZ Plus Artikel: Amerika gegen China : Geteilte Welt

          Zwischen Amerika und China tobt ein neuer Kalter Krieg um die wirtschaftliche Vorherrschaft. Immer mehr deutsche Unternehmen müssen sich zwischen den beiden Wirtschaftsmächten entscheiden.

          Topmeldungen

          Lega-Chef Matteo Salvini

          Europawahl : Salvini verbucht Rekordergebnis in Italien

          Die ausländerfeindliche Partei Lega hat in Italien erstmals bei einer landesweiten Wahl die meisten Stimmen geholt. In einer Siegesrede verspricht Parteichef Matteo Salvini seinen Anhängern, „dass sich die Regeln Europas ändern werden“.
          Großer Jubel bei Sebastian Wippel, dem AfD-Landtagsabgeordneten und Oberbürgermeisterkandidaten in der sächsischen Stadt Görlitz

          Europawahl : AfD siegt in Brandenburg und Sachsen

          Die AfD erreicht bei der Europawahl in Ostdeutschland große Zugewinne. In zwei Ländern ist sie nun stärkste Kraft – ein Fingerzeig für die Landtagswahlen im Herbst?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.