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Kriegsrhetorik : Koreanische Sinnsuche

  • -Aktualisiert am

Die martialischen Verlautbarungen zwischen Nord- und Südkorea haben eines gemeinsam: Sie setzen voraus, dass die andere Seite zuerst angreift. Das könnte eigentlich beruhigen. Was aber hat Nordkorea überhaupt bewogen, diesen Konflikt vom Zaun zu brechen?

          An martialischen Verlautbarungen aus und über Korea hat es in den vergangenen Tagen nicht gemangelt. Gemeinsam ist ihnen aber eine wichtige Einschränkung: „Wenn“ Amerika es wagen sollte, einen Krieg zu beginnen, werde Nordkorea den Süden des Landes, amerikanische Stützpunkte im Pazifik und das amerikanische Festland in ein Flammenmeer verwandeln, tönt der Norden. „Wenn“ Nordkorea provoziere, werde der Süden ohne politische Rücksichtnahme militärisch antworten, sagt die südkoreanische Präsidentin. „Wenn“ Nordkorea Krieg wolle, werde Amerika eine Antwort haben, verlautet aus Washington.

          Für wie konstruktiv man diese Äußerungen aus Südkorea und Amerika auch immer halten mag; sie setzen als Grund für eine Eskalation voraus, dass die andere Seite den ersten Schuss abgibt. Das ist eigentlich ein beruhigender Befund, denn Südkorea sagt auch, dass größere Aktivitäten bei den Streitkräften des Nordens nicht zu beobachten seien.

          Starkes amerikanisches Engagement

          Andererseits ist es bemerkenswert, wie stark sich die Vereinigten Staaten in dem Konflikt engagieren. Zwar gibt sich Südkorea nach außen gelassen. Aber Washington hält es offenbar trotzdem für nötig, den Verbündeten durch demonstrative Akte wie die Verlegung von Tarnkappenbombern in die Region zu unterstützen. Das ist angesichts des verbalen Radikalismus des Nordens konsequent. Pjöngjang muss klar sein, worauf es sich einlässt, wenn es einen Krieg beginnt. Andererseits sind schon viele Kriege ausgebrochen, obwohl nachher alle behaupteten, das nicht gewollt zu haben.

          Bleibt die Frage, was Nordkorea bewogen haben könnte, mit immer maßloseren Äußerungen den Konflikt zu beginnen und anzuheizen. Eine Erklärung könnte die Sitzung des Zentralkomitees der Kommunisten vom Wochenende geliefert haben. Die Delegierten haben ein Programm verabschiedet, das sich gerade nicht wie die unmittelbare Vorbereitung auf einen Krieg liest. Da ist viel von der Entwicklung der Wirtschaft die Rede. Zu diesem Zweck ist ein neuer Ministerpräsident ernannt worden, der gleichzeitig auch mit einem Sitz im Politbüro belohnt wurde, was ihm innerhalb des Systems relativ viel Macht gibt. Wenn man nun annimmt, dass das Militär seine bislang unbestrittene Führungsrolle dadurch gefährdet gesehen hätte, ergäbe die Kriegsrhetorik einen gewissen Sinn. Aber nur, wenn man das annimmt.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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