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Korea-Krise : Das Drehbuch

Kriegspropaganda: eine nordkoreanische Briefmarke Bild: Archiv

Vor zwanzig Jahren drohte ein zweiter Korea-Krieg. Pjöngjang hat damals gelernt, wie es eine Krise für sich nutzt. Die Chronik der damaligen Ereignisse liest sich wie ein Drehbuch für den heutigen Konflikt.

          5 Min.

          Der amerikanische Präsident hielt Kriegsrat. Seine Generäle präsentierten Pläne für einen Präventivschlag: Der nordkoreanische Atomreaktor Yongbyon hätte mit Marschflugkörpern oder mit Kampfflugzeugen zerstört werden können. Sie besprachen mögliche Folgen. Würde Nordkorea den Süden angreifen? Würde es eine Invasion wagen? Mit wie vielen Toten wäre zu rechnen? Präsident Clinton musste entscheiden: über die Verlegung Tausender amerikanischer Soldaten, einer zweiten Flugzeugträgergruppe, von Tarn- und Langstreckenbombern, und über die Evakuierung amerikanischer Zivilisten.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Für die Eingeweihten, die an jenem 16. Juni 1994 in einem abgeschirmten Besprechungsraum des Weißen Hauses saßen, war ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel kein Gedankenspiel mehr, keine Drohkulisse, sondern eine ernsthafte Option. Nord- und Südkorea hatten ihre Truppen mobil gemacht, die amerikanischen Einheiten waren in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. „Diese Krise war die einzige in meiner Amtszeit als Verteidigungsminister, in der wir kurz vor einem großen Krieg standen“, erinnerte sich später William Perry, einer der Anwesenden.

          Geheimdienste in höchster Besorgnis

          Erste Nuklearkrise hat man diese Zeit genannt, nachdem weitere Krisen hinzugekommen waren. Seit Mitte Februar gibt es nun wieder eine Krise, und selbst ältere Menschen mit gutem Langzeitgedächtnis glauben, sie sei präzedenzlos. Seit dem Korea-Krieg Anfang der fünfziger Jahre sei die Lage in der Region nicht mehr so brenzlig gewesen, behauptete diese Woche der republikanische Senator John McCain, ein Mann von 76 Jahren. Das stimmt nicht: Die Krise vor zwanzig Jahren war, von heute aus gesehen, viel gefährlicher. Und sie lieferte Nordkorea ein Muster für erfolgreiche Erpressung.

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          Im Frühjahr 1993 verkündete Pjöngjang seine Absicht, aus dem Atomwaffensperrvertrag auszutreten - dem es erst 1985 beigetreten war. Damit schienen sich die schlimmsten Befürchtungen des Westens zu bestätigen: Nordkorea wollte aus dem Vertrag ausbrechen, um Atombomben zu bauen. In Yongbyon besaß es einen Forschungsreaktor, der mit Brennelementen aus Plutonium betrieben wurde. Amerikanische Geheimdienste hatten dort außerdem eine Anlage zur Plutoniumverarbeitung aufgespürt, sie waren in höchster Besorgnis.

          Präventivschlag geplant

          So begann eine Phase, in der sich hektische Diplomatie abwechselte mit immer stärkeren Drohgebärden. Für den Westen, speziell die Amerikaner, stellte sich die Frage, ob und wie Nordkorea noch gestoppt werden konnte: mit Verhandlungen, mit UN-Sanktionen oder gar mit einem Präventivschlag gegen die Atomanlage in Yongbyon? In Washington entbrannte der übliche Kampf zwischen Tauben und Falken, innerhalb wie außerhalb der Regierung.

          Die Sicht der Falken kam zum Ausdruck in einer Schätzung des Geheimdienstes, die im November 1993 an die Medien durchsickerte. Danach hatte das Regime in Nordkorea schon Plutonium für ein bis zwei Atombomben abgezweigt und würde sein Bombenprogramm niemals aufgeben. Dafür gab es freilich keine Beweise, hielten die Tauben dagegen. Sicherheitsberater des Präsidenten und Beamte im Außenministerium verwiesen stattdessen auf konziliante Signale aus Pjöngjang. Nordkorea war entgegen seiner Ankündigungen im Atomwaffensperrvertrag geblieben, es beanspruchte allerdings einen Sonderstatus. Es wollte begrenzte Inspektionen seiner Atomanlagen zulassen - verlangte aber, dass die Amerikaner vorher ihr gemeinsames Militärmanöver mit Südkorea absagten.

          Präsident Clinton stand zwischen beiden Gruppen. Er hatte versprochen, dass er eine nukleare Bewaffnung Nordkoreas verhindern würde. Clinton wollte sich auf Diplomatie einlassen, zugleich aber für den Fall ihres Scheiterns gewappnet sein. Also setzte er Unterhändler in Marsch und ließ zugleich das Pentagon einen Präventivschlag gegen den Nuklearkomplex Yongbyon planen.

          Parallelen zum heutigen Konflikt

          Anfang März 1994 schien es, als hätten die Tauben gewonnen. Die Vereinigten Staaten und Nordkorea einigten sich auf mehrere vertrauensbildende Schritte. Das geplante Militärmanöver mit Südkorea wurde abgesagt, im Gegenzug durften Inspekteure der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nach Nordkorea reisen. Doch schon zwei Wochen später war nichts mehr davon gültig. Die Atom-Inspekteure verließen wutentbrannt das Land - die Behörden hatten ihnen eine Kontrolle untersagt. Washington sagte direkte Gespräche mit Pjöngjang ab, Verhandlungen zwischen Süd- und Nordkorea wurden abgebrochen. „Wir sind bereit, Auge um Auge, Krieg um Krieg zu antworten“, drohte der nordkoreanische Unterhändler öffentlich und fuhr fort: „Wenn ein Krieg ausbricht, wird Seoul sich in ein Flammenmeer verwandeln.“

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