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Konflikt mit Nordkorea : Seoul bekennt sich zur „aktiven Abschreckung“

Präsidentin Park Geun-hye bei einer Rede vor ein paar Tagen: Ihre Reaktionen auf Nordkoreas Drohungen sind eindeutig Bild: AP

Wegen der Kriegsrhetorik aus Pjöngjang verschärfen die Vereinigten Staaten ihre militärische Präsenz in der Region. Anzeichen auf eine Mobilisierung nordkoreanischer Truppen gibt es dem Weißen Haus zufolge aber nicht. Südkorea droht im Falle einer Provokation mit „starker Vergeltung“.

          Nach der Ausrufung des Kriegszustands durch die nordkoreanische Führung hat Südkorea dem Nachbarn für den Fall eines Angriffs mit entschlossenen Reaktionen gedroht. Sollte es „irgendeine Provokation“ des Nordens geben, sei mit einer „starken und sofortigen Vergeltung“ zu rechnen, sagte die neue Präsidentin Park Geun-hye am Montag nach einem Treffen mit Verteidigungsminister Kim Kwan-jin in Seoul.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Vereinigten Staaten verschärfen wegen der immer schärfer werdenden Kriegsrhetorik der kommunistischen Führung in Pjöngjang zum Wochenbeginn ihre militärische Präsenz in der Region. Neben hochmodernen Kampfflugzeugen mit Tarnkappentechnik schickt Washington Medienberichten zufolge auch einen mit Raketen bestückten Zerstörer ins Konfliktgebiet. Zudem solle ein schwimmendes Überwachungsradar näher an die nordkoreanische Küste herangebracht werden. Trotz der aggressiven Töne aus Pjöngjang sieht Washington aber keine unmittelbare Gefahr eines Angriffs. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass Nordkoreas Führung die Truppen mobilisiere oder aufmarschieren lasse, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, am Montag.

          Sie nehme die jüngsten Kriegsdrohungen der kommunistischen Führung in Pjöngjang „sehr ernst“, sagte Frau Park. Der Verteidigungsminister sprach nach der Unterrichtung der Präsidentin, bei der hohe Militärs die Abwehrstrategien des Landes vorstellten, erstmals öffentlich von einem möglichen Präventivschlag. Derzeit hat das südkoreanische Militär aber offenbar keine Hinweise darauf, dass der Norden seiner aggressiven Kriegsrhetorik - die weit über das gewohnte Maß herausgeht - militärische Aktionen folgen lässt. Kim warnte jedoch, dass Südkorea im Fall einer Attacke präventiv die Atomanlagen und Raketenstellungen Pjöngjangs angreifen werde. Sein Land werde nach dem Prinzip der „sogenannten aktiven Abschreckung“ vorgehen, sagte er. Präsidentin Park meinte, sie verlasse sich bei der Beurteilung der Lage auf die Einschätzungen des Militärs.

          Kaum Unruhe in der Bevölkerung

          Bislang hatte Frau Park trotz aller Drohungen aus Pjöngjang immer wieder ihre Bereitschaft zum Dialog bekräftigt. Sie verschärfte ihren Ton am Montag deutlich, nachdem Nordkorea am Samstag den Kriegszustand mit dem Süden erklärt und mit Atomkrieg gedroht hatte. Formal befinden sich die beiden Länder seit Jahrzehnten im Kriegszustand. Der Korea-Krieg endete im Jahr 1953 bislang nur mit einer Waffenruhe, nicht aber mit einem Friedensvertrag.

          In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, die nur gut 50 Kilometer von der Grenze zum Norden entfernt liegt, machte sich bisher kaum Unruhe in der Bevölkerung bemerkbar. Zu sehr sei man an Drohungen aus dem Norden gewohnt, sagen Bewohner der Hauptstadt. Ankündigungen des Verteidigungsministers, dass Südkorea den Aufbau eines Abwehrsystems beschleunigen werde, das die Bedrohung mit Atomraketen aus dem Norden ausschalten könne, zeigen aber, dass die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel dieses Mal deutlich größer sind als bei früheren verbalen Attacken des Nordens.

          Mit großer Aufmerksamkeit ist am Montag von südkoreanischen Medien verfolgt worden, ob der Norden seine Drohung ernst macht, die seit 2004 bestehende gemeinsame Handelszone von Kaesong zu schließen. Im nordkoreanischen Kaesong haben rund 123 Unternehmen aus dem Süden ihre Produktionsstätten. Rund 800 Südkoreaner - zumeist in leitender Position beschäftigt - pendeln regelmäßig in diese Sonderwirtschaftszone. Sie beschäftigen mehr als 53.000 nordkoreanische Arbeiter zu Billiglöhnen von umgerechnet rund 130 Dollar im Monat. Gut 90 Millionen Dollar Devisen bringt Kaesong dem armen Nordkorea jährlich im Schnitt ein. Mehr als 250000 Menschen im Norden leben von dieser Arbeit, Kaesong ist die fünftgrößte Stadt Nordkoreas. In der 66 Quadratkilometer großen Wirtschaftszone, die etwa 10 Kilometer nördlich der Grenze liegt, produzieren die Unternehmen vor allem Kleidung, Schuhe und billige Uhren. Die niedrigen Löhne für die Arbeiter aus dem Norden ermöglichen es den südkoreanischen Betrieben, gegen Billigkonkurrenz aus China zu bestehen.

          Anspannung in der Sonderwirtschaftszone

          Die Geschäfte in Kaesong liefen am Montag normal. „Der Norden gab die Erlaubnis, und bis 8 Uhr 30 passierten 352 Südkoreaner die demilitarisierte Zone“, teilte das Ministerium für Vereinigung in Seoul mit. Dennoch wirkten viele der Menschen, die die Kontrollposten passierten, angespannter als sonst. „Meine größte Sorge ist, im Norden hängenzubleiben, wenn Pjöngjang Ernst machen und Kaesong wirklich schließen sollte“, sagte ein Grenzgänger der südkoreanischen Agentur Yonhap. Die Sonderwirtschaftszone ist die einzige wirtschaftliche Verbindung zwischen Nord- und Südkorea.

          Pjöngjang hatte am Osterwochenende mit der Schließung gedroht, nachdem südkoreanische Politiker erklärt hatten, Kaesong diene der kommunistischen Führung in Pjöngjang allein zum Devisenerwerb. Das, so teilte ein nordkoreanischer Sprecher aus Kaesong empört mit, „verletzt ernsthaft unsere Würde“. Über die Sonderwirtschaftszone laufen auch fast alle Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern. Im vorigen Jahr wurden Waren aus dem Süden im Wert von 896 Millionen Dollar in den Norden geliefert, der wiederum Waren im Wert von 1,07 Milliarden Dollar in den Süden verkaufte.

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