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Kommentar : Beunruhigende Reaktionen

  • -Aktualisiert am

Wracks in Reih und Glied: Auch Tausende zum Verschiffen bereitstehende Autos brannten aus. Bild: AP

Eine Katastrophe wie die in Tianjin hätte auch in vielen anderen Ländern passieren können. Das Verhalten der chinesischen Behörden und Politiker aber lässt tief blicken.

          Eine Katastrophe wie die in der chinesischen Hafenstadt Tianjin hätte auch in vielen anderen Ländern passieren können. Anderswo wäre die Zahl der Toten und Verletzten möglicherweise geringer gewesen, weil Lagerhallen für Gefahrgut vermutlich - oder hoffentlich - nicht so nahe an Wohngebieten gebaut worden wären wie in der Volksrepublik. Weitergehende Spekulationen über Unfallursachen sowie darüber, ob das alles hätte verhindert werden können, verbieten sich. Das wird sicher Gegenstand einer eingehenden Untersuchung werden. Ob die Öffentlichkeit deren Ergebnisse allerdings jemals zu sehen bekommen wird, ist unklar.

          Womit wir beim spezifisch Chinesischen im Zusammenhang mit dem Unglück wären. Zu den ersten, also für besonders wichtig gehaltenen Maßnahmen der Behörden nach Bekanntwerden der Explosionen gehörte es, kritische Internetkommentare über die verschleiernde Berichterstattung der staatlichen Medien zu löschen. Die regionale Fernsehstation sendete auch dann noch Unterhaltungsprogramme, als viele Zuschauer wegen der Rauchentwicklung schon unter Atemnot litten. Es kann sein, dass irgendwann einmal die Senderverantwortlichen dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Aber solche Maßnahmen dürfen nach Lesart der regierenden Kommunisten keinesfalls Ergebnis von Kritik aus dem Volk sein.

          Die Reaktionen der führenden Politiker Chinas lassen auch relativ tief blicken. Ministerpräsident Li Keqiang, der von Amts wegen für die Bewältigung derartiger Katastrophen zuständig ist, sah sich veranlasst, die Rettungskräfte gezielt anzuweisen, die vielen Verletzten angemessen zu behandeln, um die Zahl der Todesopfer möglichst gering zu halten. Warum muss man auf Dinge, die selbstverständlich sind, eigens hinweisen?

          Auch die Reaktion von Staats- und Parteichef Xi Jinping ist bemerkenswert. Er forderte, die Ursache für das Unglück festzustellen, Opfer und deren Angehörige gut zu versorgen. An dritter Stelle seiner Prioritätenliste stand die Forderung, die öffentliche Ordnung müsse aufrechterhalten werden. In solchen Äußerungen spiegelt sich die Paranoia der Regierenden. Und die herrscht ganz unabhängig von den jüngsten wirtschaftlichen Turbulenzen. Das ist mindestens so beunruhigend wie Börsenindizes und Wachstumszahlen.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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