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Kim Jong-un : Ahnungslos im orchestrierten Größenwahn

Die Welt weiß nicht viel über ihn - und er vermutlich nicht viel über die Welt jenseits der eigenen Propaganda: der nordkoreanische Staatsführer Kim Jong-un Ende März während einer Parteiversammlung Bild: Reuters

Diktatoren sind in ihrer Propagandawelt häufig selbst gefangen. So kennt auch der nordkoreanische Staatsführer Kim Jong-un womöglich nur seine eigene Welt. Das macht den Umgang mit seinem Land so schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

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          Diktaturen sind von Natur aus verschlossen. Sie errichten um den oder die Herrscher ein pompöses Propagandagebäude, das Herrschaftsstrukturen nach Möglichkeit verschleiern soll. Eine „westlich“ geprägte Öffentlichkeit durchschaut zwar schnell, dass sie dieser Verschleierungspropaganda ausgesetzt ist. Gleichzeitig geht sie dieser Propaganda aber in einer Hinsicht leicht auf den Leim. Sie unterstellt den hinter dem Propagandaschleier handelnden Herrschern, dass sie ein ungeschminktes Bild der realen Welt bekommen und entsprechend gut informiert ihre Politik machen.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Die Geschichtswissenschaft hat aber inzwischen an vielen Beispielen herausgearbeitet, dass Diktatoren in erschreckendem Ausmaß in ihrer Propagandawelt gefangen sind. Anders ausgedrückt: Die Herrscher glauben den Unsinn, den ihre Speichellecker über sie verbreiten. Das macht den Umgang mit solchen Systemen und ihren führenden Repräsentanten in Konfliktfällen so schwer.

          Die Sowjetunion glaubte an einen Erstschlag Amerikas

          In der Sowjetunion brauchte es einen Gorbatschow, der es wagte, aus dem eigenen Gedankenkäfig auszubrechen und eine ernsthafte Beziehung zum Westen herzustellen. Das System hat dieses Wagnis zwar nicht überlebt. Aber immerhin lief auf der Weltbühne alles friedlich ab. Innerhalb der Grenzen der Sowjetunion freilich floss auch Blut. Gorbatschows Vorgänger allerdings glaubten ernsthaft, dass die Amerikaner einen unprovozierten atomaren Erstschlag auf ihr Reich planten. Wie oft die Welt während dieser Zeit wie nahe an einer Katastrophe war, ist auch heute noch nicht abschließend erforscht.

          Zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung besuchte Michail Gorbatschow 1989 Ost-Berlin; Erich Honecker applaudierte ihm damals noch - wenige Monate vor dem Ende der DDR.

          War schon der Umgang mit der Vor-Gorbatschow-Sowjetunion schwierig, so ist er mit dem heutigen Nordkorea im Grunde unmöglich. In diesem Land haben wir es nicht nur mit einer „klassischen“ Diktatur zu tun, die ihre Macht in einer, in „der“ Partei konzentriert. Hier herrscht seit der Gründung des Staates eine Familie. Macht erwächst hier also nicht nur aus einer Institution (Partei), sondern - im Wortsinn - aus den Herrschergenen. Das verkleinert die Rekrutierungsbasis für Herrscher gewaltig und vergrößert gleichzeitig die Zahl derjenigen, die sich für führungsfähig halten (es vielleicht sogar sind), die aber nicht zum Zuge kommen können, weil sie nicht von vermeintlich edlem Geblüt sind, also keine Nachkommen der Familie Kim. Wenn man sich dann noch überlegt, welche Konflikte es auch in ganz normalen Familien zum Beispiel über Erbangelegenheiten gibt, dann ergibt sich ein Bild von den Verhältnissen um den „Thron“ in Nordkorea, dass man den jungen Führer Kim Jong-un beinahe bedauern möchte.

          Kaum Kenntnisse über Kim Jong-un

          Er ist sehr jung, angeblich 30 Jahre alt. Erst gut ein Jahr vor dem Tod seines Vaters wurde er dem Volk offiziell als „Thronfolger“ präsentiert. Über seine intellektuellen und politischen Fähigkeiten wissen wir im Grunde nichts. Wir sehen ihn, sehen seit einigen Monaten auch seine Frau. Wir haben - zu Jahresbeginn - auch seine Stimme gehört. Wer dieser Kim Jong-un aber ist, was er will, das ist nicht bekannt. Genauso wenig wissen wir, was ihm seine Berater, Verwandte und andere, über die Welt, über andere Staaten und deren Führer erzählen. Ziemlich sicher werden sie ihm sagen, dass er der Größte ist, mindestens aber der Drittgrößte (nach Großvater und Vater). Und wenn er öffentlich auftritt, dann jubeln ihm die Massen hysterisch zu. Weiß er, dass das arrangiert ist?

          Zeichen der Zeit verkannt: der rumänische Staatsführer Nicolae Ceaucescu im November 1989 in Bukarest

          Die Beispiele Erich Honecker und Nicolae Ceauşescu mahnen zur Vorsicht. Beide waren wie vom Donner gerührt, als die Propagandafassade um sie Ende 1989 zusammenbrach. Die Fassade um Kim Jong-un ist mindestens so dicht, wie es die um die alten Männer des europäischen Ostblocks war. Es kann also durchaus sein, dass er viele Realitäten nicht kennt. Was immer das Ausland tut, hinter der nordkoreanischen Fassade wird sein Handeln anders ankommen,als es vor den Kulissen aussieht.

          Zwischen Größenwahn und Opferstatus

          Gibt man sich konziliant oder ausdrücklich nachgiebig, wirkt das in der Welt des Kim Jong-un als Bestätigung eigener Größe, Stärke, ja Unverwundbarkeit. Und ein solcher „Triumph“ verführt sehr leicht zu einem immer höheren Einsatz. Die Geschichte kennt Beispiele, in welche Abgründe so etwas führen kann. Zeigt sich das Ausland hingegen hart, wirkt das hinter den Kulissen von Pjöngjang schnell wie eine Angriffsdrohung. Dann entspricht das Ausland nämlich vollkommen dem Weltbild, wonach der „Hort der Revolution“, eben weil er das ist, von lauter Feinden umgeben ist, die nichts anderes im Sinn haben, als diesen Hort zu vernichten.

          Wir befinden uns also in einem Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen in dem Sinne zu geben scheint, dass man zu einer (kleinen) Vertrauensbasis kommen könnte. Was also tun mit einem Herrscher, der womöglich wirklich nicht weiß, wie er „draußen“ ankommt? Vielleicht bleibt am Ende nur die Hoffnung darauf, dass es auch in Nordkorea ein paar ökonomische Zwänge gibt, die das System erodieren oder implodieren lassen. Dass Kim Jong-un in einem solchen Fall nicht wissen wird, wie ihm geschieht, ist sein persönliches Pech. Bedauern wird ihn außerhalb der Familie kaum jemand. Der nicht blutsverwandte Teil der Elite wird sich wohl auch in anderen politischen Verhältnissen über kurz oder lang zurechtfinden. Auch dafür gibt es viele historische Beispiele.

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