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Kasachstan : Ethnische Zwietracht unter Kontrolle

Der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew bei einem Besuch im Kanzleramt 2012. Bild: dpa

In Kasachstan, dem Reich Nursultan Nasarbajews, leben viele ethnische Russen. Doch separatistische Ideen oder kritische Töne lässt der alte Putin-Verbündete gar nicht erst aufkommen.

          Weit im Osten Kasachstans, in Ust-Kamenogorsk, liegt Russland ziemlich nah und auch China und die Mongolei sind nicht sehr weit weg – jedenfalls nach kasachischen Maßstäben. Auf einem Hügel oberhalb der Stadt steht in weißen Buchstaben nach Hollywooder Muster „Kasachstan“. Man blickt hinunter in den Dunst über den Dächern. Ust-Kamenogorsk mit seinen 300000 Einwohnern heißt auf Kasachisch Öskemen. Es ist ein Industriezentrum, Schwerpunkt Buntmetalle. Aus Fabrikschloten steigen gelbliche Abgase auf. Wo der Fluss Ulba in den Irtysch fließt, ragt eine Stele in den Himmel, vor der sich Hochzeitspaare fotografieren lassen. Sie erinnert an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Allein aus Ust-Kamenogorsk waren es 7199, steht da auf Russisch und Kasachisch. Die Völker kämpften gemeinsam, starben gemeinsam, leben gemeinsam. Und sollen am Sonntag gemeinsam wählen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Wen, daran lassen die Plakate und Banner in der Stadt keinen Zweifel: den Präsidenten, Nursultan Nasarbajew. Obwohl er seit fünf Jahren „Führer der Nation“ auf Lebenszeit ist, mit Vollmachten und Immunität vor Strafverfolgung. Echte Mitbewerber hat Nasarbajew, der schon seit sowjetischer Zeit herrscht, nicht. Dennoch wird eifrig mobilisiert. Die allgegenwärtige Wahlwerbung der Präsidentenpartei „Nur Otan“ (Strahlendes Vaterland) verspricht in den Landesfarben Gold und Himmelblau „Gemeinsam zu neuen Siegen“ und mahnt: „Deine Stimme – dein Schicksal“.

          Ust-Kamenogorsk entstand aus einer 1720 auf Anweisung des Zaren gegründeten Festung. Beschlüsse, von denen einst kaum jemand Notiz nahm, führten dazu, dass die Stadt nach dem Ende der Sowjetunion auf dem Gebiet der neuen Republik lag. Auch das interessierte lange niemanden – bis zur Krim-Annexion. Im vergangenen Jahr, als Russland unter Berufung auf „Bedrohungen“ seiner Landsleute die ukrainische Halbinsel annektierte, wurden die ethnischen Russen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion auf einmal beachtet. Präsident Wladimir Putin hatte sich schließlich zu ihrem Schutzherrn aufgeschwungen. In Kasachstan sind mehr als ein Fünftel der gut 17 Millionen Einwohner ethnische Russen. Sie leben vor allem in den nördlichen und östlichen Gebieten. Wie eben in Ust-Kamenogorsk.

          Weiterhin besitzt die Stadt den spröden Charme der russischen Provinz. Wohnblocks des Sozialismus prägen das Straßenbild. Straßen sind nach Bolschewiken benannt. In den Kinos laufen Filme in russischer Sprache, in den Parks erklingen russische Schlager aus Lautsprechern. Auch jetzt, nach einem Vierteljahrhundert kasachischer Unabhängigkeit und trotz Abwanderung nach Russland, ist mehr als jeder zweite Einwohner der Stadt ethnischer Russe. Auch viele Eltern, die zu den ethnischen Kasachen zählen, reden mit ihren Kindern Russisch. Die Lenin-Statuen, die einst Straßen und Plätze zierten, sind mittlerweile in einen „Ethno-Park“ verbannt, stehen dort neben Panzern. Ein „ethnographischer Komplex“, der traditionelle Bauten der Volksgruppen von Wehrturm bis Holzhütte nachstellt, feiert die Vielfalt des Landes mit offiziell rund 130 Ethnien.

          Haftstrafen für Aufrührer

          Die Harmonie ist Programm. Nasarbajew präsentiert sich als loyaler Verbündeter Putins im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsunion, die zudem Weißrussland umfasst. Auch die Idee des Integrationsprozesses wird dem Kasachen zugeschrieben. Doch mit Blick auf die Ukraine-Politik hat Nasarbajew mehrfach vorsichtig den Nachbarn kritisiert und im eigenen Land reagiert. Seit April vorigen Jahres können separatistische Aufrufe mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Im Dezember wurde ein kasachischer Staatsbürger, der im Donbass für die Separatisten gekämpft hatte, zu fünf Jahren Haft verurteilt. Anfang Februar wurden zwei weitere Donbass-Veteranen festgenommen. Erst am Donnerstag sagte Nasarbajew, man werde „alle Formen von nationalem Radikalismus“ unterbinden. Er äußerte sich auf einer Sitzung der „Versammlung des Volkes Kasachstans“ in der Hauptstadt Astana. Die Einzahl ist wichtig: Aus den vielen Ethnien soll ein Volk geworden sein.

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