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Geister der Vergangenheit : Japans neuer Nationalismus

Wasser auf den Mühlen der Revisionisten: Stokes’ Buch spiegelt die altbekannten Thesen der japanischen Rechtsextremisten wider Bild: AP

Angespornt durch die Rhetorik von Ministerpräsident Abe wittern die Nationalisten im Land Morgenluft. Die Leugner japanischer Kriegsverbrechen wollen ihr Land reinwaschen. Tokio isoliert sich mit seinem Revisionismus zunehmend selbst.

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          Ausgerechnet am japanischen „Tag der Mädchen“ haben sich 500 Anhänger der nationalkonservativen Restaurationspartei in Tokio versammelt, um ihr Land von einem seiner Kriegsverbrechen reinzuwaschen. Dem Beifall nach zu urteilen, sind sie begeistert von den Worten des Redners: „Ich habe von einem japanischen Soldaten gehört, dass sich die ,Trostfrauen‘ beim Militär bedankt haben, weil sie Geld zurück nach Hause schicken konnten.“ Das sagt Nariaki Nakayama, ein Abgeordneter.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Rund 200.000 Frauen, oft Minderjährige, hat die japanische Armee nach ihren Angriffskriegen gegen Korea und China verschleppt und zu Sexsklavinnen gemacht. „Trostfrauen“ werden sie im Japanischen euphemistisch genannt. Japans Nationalisten, angespornt durch die Rhetorik von Ministerpräsident Shinzo Abe, wittern Morgenluft. Die Leugner japanischer Kriegsverbrechen wollen ihr Land reinwaschen. Nakayama ist einer von ihnen.

          Unter den Gesinnungsgenossen Nakayamas war mancher, der in der Regierung Abe Einfluss hat, allen voran der stellvertretende Minister für Bildung, Yoshitaka Sakurada. Unter seiner Ägide hat die Regierung bereits Schulbücher umschreiben lassen. Abes Nationalismus ist künftig offizielles Lernprogramm, kritische Diskussion über Geschichte nicht erwünscht. Sakurada war von Kabinetts-Staatsminister Yoshihide Suga zwar gewarnt worden, seine Teilnahme an dem Treffen könne „Missverständnisse“ hervorrufen, entlassen wurde er aber nicht. „Missverständnisse“ meint hier nur, im Ausland könnte die Teilnahme an einem Treffen von Rechtsextremisten unangenehm auffallen. In der Sache stützen Abe und Suga ihren stellvertretenden Bildungsminister aber.

          „Das hat im Krieg doch jedes Land gemacht“

          Abe hat Geister geweckt, die der Regierung in Zukunft wachsende Probleme bereiten dürften. Seit dem Besuch im Yasukuni-Schrein am zweiten Weihnachtstag spüren die radikalen Nationalisten Aufwind. Wie die 500, die sich am „Tag der Mädchen“ versammelt haben, haben sie ein Ziel: Die japanische Regierung soll die Entschuldigung zurücknehmen, die das Land 1993 den Zehntausenden koreanischen Sexsklavinnen gemacht hatte.

          Wie sehr die Nationalisten Rückendeckung spüren, zeigt sich seit Monaten. So hat der von Abe im Januar neu eingesetzte Intendant des staatlichen Rundfunk- und Fernsehsenders NHK, Katsuo Momii, schon auf seiner ersten Pressekonferenz dieselben Thesen verkündet. Angesprochen auf die Sexsklavinnen, sagte Momii, das habe im Krieg doch jedes Land gemacht. Was damals passierte, werde nur vor dem Hintergrund der „heutigen Moral“ kritisiert. Dass Japans Armee damals generalstabsmäßig ein System der Sexsklaverei errichtet hat, leugnet Momii genauso wie Abe und seine Gesinnungsgenossen – entgegen allen Erkenntnissen internationaler Forschung. NHK wird unter dem Druck der Gefolgsleute Abes zusehends zu einem Propagandasender der Regierung. Ausländische Berichterstatter sprechen scherzhaft von „Abe TV“. Die geschichtspolitische Wende, die der Regierungschef eingeleitet hat, hinterlässt bereits ihre Spuren in der öffentlichen Meinung. 60 Prozent der Japaner stimmten in jüngsten Umfragen der Forderung zu, die nach dem früheren Kabinetts-Staatsminister als Kono-Erklärung bekannte Entschuldigung Japans bei den „Trostfrauen“ von 1993 zu überprüfen.

          Nationalismus zu Lasten der amerikanischen Beziehungen

          Ende vergangener Woche hatte Suga genau das angekündigt. Ein Gremium solle untersuchen, auf welcher Basis die damalige Regierung die Erklärung verfasst habe, sagte Suga. In der Erklärung hatte sich Japan dafür entschuldigt, dass die kaiserliche Armee direkt oder indirekt bei der Einrichtung und Unterhaltung von Frontbordellen involviert war. Zudem entschuldigte sich Japan dafür, Frauen in diese Bordelle gebracht zu haben. Historiker schätzen, dass es etwa 200.000 dieser sogenannten „Trostfrauen“ gegeben hat.

          Suga steckt erkennbar in der Zwickmühle. Im Kern teilt er die Ansichten der Revisionisten um Abe. Von Momiis Äußerungen hat er sich nie distanziert. Gleichzeitig weiß er, dass Abe Japan zunehmend international isoliert. So gibt er ohne Skrupel einerseits Bekenntnisse ab, Japan werde die Bewertung der Geschichte nicht umkehren – und treibt genau diese Umwertung aller Werte mit der neuen Prüfkommission massiv voran.

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