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Japan : Politik als Familiengeschäft

Bild: AFP

Dynastien dominieren die japanische Politik – sie machen unter sich aus, wer Regierungschef wird. Der wiedergewählte Ministerpräsident Abe ist da keine Ausnahme. Und seine nationalistische Agenda ist auch dem Großvater geschuldet.

          Ernsthaft an ihrer Wiederwahl gezweifelt hat Yuko Obuchi trotz der gegen sie erhobenen Korruptionsvorwürfe wohl nicht. Gerade mal einen Monat stand sie im Herbst an der Spitze des einflussreichen Wirtschafts-, Industrie- und Handelsministeriums (Meti) in Tokio, dann musste sie wegen Ungereimtheiten bei den Parteifinanzen in ihrem Wahlkreis zurücktreten.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Fünf Mal in Folge hatte sie zuvor ihren Wahlkreis in der Präfektur Gunma, gut hundert Kilometer nordwestlich von Tokio, mit mehr als 100.000 Stimmen Vorsprung vor ihren Gegenkandidaten gewonnen. Das müsse doch auch dieses Mal klappen, hoffte sie. Obuchi gehört schließlich zu einer der wichtigsten politischen Dynastien Japans.

          Ihr Vater Keizo Obuchi war Ministerpräsident, als er 2000 im Amt an einem Herzinfarkt starb. Die jüngere Tochter, damals gerade 27 Jahre alt, „erbte“ den Wahlkreis und die gut eingespielte Parteiorganisation des Vaters. Als begabter Spross einer der politischen Dynastien schien ihr Weg an die Spitze vorgezeichnet. Im September dieses Jahres holte Regierungschef Shinzo Abe die Mutter von zwei kleinen Kindern in sein Kabinett. Und prompt begann ihr Absturz.

          Vor allem in ländlichen Regionen gibt es politische „Erbhöfe“

          Für Obuchi ist die Wahl dieses Mal ganz anders gewesen als alle ihre Wahlkämpfe zuvor. Monate nachdem viele japanische Medien sie bereits als neue Hoffnungsträgerin, als mögliche Abe-Nachfolgerin und damit vielleicht erste Frau an der Spitze der japanischen Regierung gefeiert hatten, musste sie als einfache Abgeordnete jetzt in ihrem Wahlkreis an vielen Türen klingeln gehen. „Es tut mir leid, aus der Tiefe meines Herzens“, sagte sie immer wieder vor den Geschäften und Supermärkten und entschuldigte sich mit tiefen Verbeugungen für die Korruptionsaffäre. „Ich verspreche Ihnen einen neuen Start. Bitte leihen Sie mir Ihre Stimme.“ Die frühere Ministerin zeigt Demut. „Wir hatten keine andere Wahl“, erklärt einer ihrer Wahlkampfmanager die Ochsentour des Politstars.

          Für jemanden, der aus einer der politischen Erbdynastien stammt, der zum politischen Establishment der LDP Japans gehört, ist Klinkenputzen üblicherweise nicht notwendig. Im Dezember 2012, als der Wahlsieg Abes und seiner Liberaldemokraten so erdrutschartig war, wie er sich auch dieses Mal schon bald nach Schließung der Wahllokale abzeichnete, hat sich Obuchi in der heißen Phase des Wahlkampfs gerade mal sieben Stunden in ihrem eigenen Wahlkreis aufgehalten, heißt es. Dieses Mal kommt sie in die kleinsten Dörfer, hält bis zu dreißig, vierzig kurze Ansprachen am Tag. Vor allem in den ländlichen Regionen Japans gibt es diese politischen „Erbhöfe“, erklärt der Politologe Koichi Nakano von der Sophia-Universität in Tokio.

          In Gunma hat sich der Sozialdemokrat Hitoshi Kobayashi trotz Obuchis Skandal nie Hoffnung gemacht zu gewinnen. Die größte Oppositionspartei, die Demokratische Partei (DPJ), hat es nicht einmal geschafft, einen Gegenkandidaten aufzustellen. Obuchi kann Politik auch in den kommenden Jahren als Familiengeschäft weiter betreiben.

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