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Tschetschenische Autonomie : Sieht so Russlands Zukunft aus?

Spezialkräfte der Teilrepublik Tschetschenien am „Tag des Sieges“, dem 9. Mai in Grosnyj Bild: Reuters

In Tschetschenien duldet der Kreml die Aushöhlung seines Rechtssystems. Doch die Kaukasusrepublik gehört nur formell zu Russland, Kriminelle finden dort Asyl vor der russischen Gesetzgebung.

          Die Kaukasusrepublik Tschetschenien, die der russische Staatshaushalt großzügig alimentiert dafür, dass der Präsident der Teilrepublik, Ramsan Kadyrow, sie mit harter Hand regiert, ist womöglich zugleich ein Testgelände, auf dem die Machthaber ausprobieren, was ganz Russland in Zukunft erwarten könnte. Das jedenfalls argwöhnt der Moskauer Theologe und Missionar Andrej Kurajew, nachdem jüngst in Grosnyj maskierte Schläger das Büro der Menschenrechtsorganisation „Komitee gegen Folter“ verwüsteten und ausraubten, während die deswegen alarmierte Polizei keinen Finger rührte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese Zerstörungsaktion hatte mit einer organisierten Demonstration von herbeigekarrten Frauen begonnen, die dagegen protestierten, dass die – sämtlich russischen – Menschenrechtler nicht gegen jene gleichfalls russischen Sonderpolizisten aktiv geworden seien, die im April den von der Moskauer Kripo gesuchten tschetschenischen Geschäftsmann Dschambulat Dadajew in Grosnyj festzunehmen versuchten und dabei töteten.

          Tschetschenien ist zwar formell ein Teil Russlands, doch nur aufgrund der persönlichen Loyalität Kadyrows gegenüber Putin: Russische Gesetze gelten hier nicht. Weshalb viele Tschetschenen, die wegen Mordes oder krimineller Geschäfte von Moskauer Ordnungshütern gesucht werden, dort Asyl finden. Zu ihnen gehört beispielsweise Ruslan Geremejew, der verdächtigt wird, den Oppositionspolitiker Boris Nemzow ermordet zu haben.

          Kadyrow droht russischen Ordnungshütern

          Das von Nischni Nowgorod aus geleitete „Komitee gegen Folter“, dessen Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen nicht ständig in Grosnyj wohnen und alle zwei Monate ausgewechselt werden, war bisher ein letzter russischer Brückenkopf; wie es die Sondereinheit der Bundespolizei im Grosnyjer Stadtviertel Chankala bis heute bleibt, die die Jagd auf Dadajew koordinierte und Kadyrow ein Dorn im Auge ist. Der Republikchef hatte damals im hellen Zorn gedroht, wenn sich wieder einmal russische Ordnungshüter ohne sein Wissen in Tschetschenien sehen ließen, würden sie sofort erschossen.

          Das war eine verfassungswidrige Äußerung, die die Moskauer Zentralmacht herausforderte. Sie blieb von Putin aber unbeantwortet. Jetzt verbreitet Kadyrow über Instagram, die Mitarbeiter des „Komitees gegen Folter“ hätten den Überfall auf ihr Büro in Grosnyj selber provoziert, weil sie dadurch die Aufmerksamkeit der internationalen Medien und neue amerikanische Fördergelder zu erlangen hofften.

          Befehligt er ein Testgelände für Russland? Tschetscheniens Republikchef Ramsan Kadyrow

          Für Andrej Kurajew ergibt sich ein Bild schweigender Zustimmung durch Nichthandeln, welche die Moskauer Haltung gegenüber Grosnyj auszeichne. Die Autosuggestion, eine belagerte Militärfestung zu sein, beschere Russland einen regelrechten „Orgasmus“, erklärte Kurajew gegenüber dem Radiosender „Echo Moskwy“. Im Kreml, der russische Menschenrechtler als „ausländische Agenten“ brandmarkt und drangsaliert, sehe man das, was mit dem Anti-Folter-Komitee in Grosnyj passiert, gar nicht ungern und habe nichts dagegen, wenn dergleichen Schule machte, glaubt der orthodoxe Aktivist und angesehene Gelehrte, der aber von der Moskauer Staatsuniversität MGU gejagt wurde, weil er die Staatshörigkeit und blind repressive Haltung seiner Kirche kritisiert.

          Moskauer Kirche auf dem Weg zur Gewaltbehörde

          In Tschetschenien würden Erfahrungen gesammelt und Muskeln gestählt, die eines Tages landesweit zum Einsatz kommen könnten, befürchtet Kurajew, den es zugleich beunruhigt, dass tschetschenische Diaspora-Gemeinden ihre exterritorialen Rechtsräume auch nach Russland mitbringen. Orthodoxe Kleriker betonen oft, dass die Moralvorstellungen des Islams ihnen viel näher stünden als die westlicher Konfessionen. Erzpriester Tschaplin, der im Patriarchat für den gesellschaftspolitischen Kurs der Kirche zuständig ist und erbittert gegen die Homo-Ehe ficht, verteidigt sogar die muslimische Vielehe, wie sie beispielsweise in Tschetschenien praktiziert wird, weil sie Teil einer traditionellen religiösen Kultur sei.

          Unter Steuermann Tschaplin verwandle die Moskauer Kirche sich zusehends in eine wenig christliche Gewalt- und Verbotsbehörde, beobachtet Kurajew. Das jüngste, besonders absurde Beispiel dafür ist die Ermittlung der Staatsanwaltschaft gegen die Journalistin Xenia Sobtschak, die ein scherzhaftes Foto von sich im Popenkostüm mit umgehängtem Bart in Umlauf brachte. Nach Auffassung orthodoxer Fundamentalisten beleidigt sie damit religiöse Gefühle, was seit 2013 strafrechtlich geahndet werden kann. Die Kirchenführung müsse wissen, so Kurajew, dass sie mit einem solchen Kurs nur Rebellion oder gar eine Spaltung heraufbeschwöre.

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