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Islamisten in Afghanistan : Zwischen Angst und Anziehung

Protest von schiitischen Hazara in der südlichen Provinz Zabul Bild: AP

Unter dem Banner des IS könnten sich extremistische Splittergruppen in Afghanistan neu formieren. Zwar hat der IS in dem von Krieg zerrissenen Land am Hindukusch bisher noch keine „tiefen Wurzeln“ schlagen können, doch die Islamisten erzeugen viel Angst.

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          In Afghanistan sei der IS, so formulierte es der UN-Sondergesandte Nicholas Haysom, ein „alternativer Fahnenmast“, um den sich extremistische Splittergruppen, die bislang marginalisiert waren, scharen könnten. Ein Referenzpunkt also für all jene Dschihadisten, die sich von den in der Region dominanten Taliban abgewandt haben – sei es aus ideologischen Gründen, aufgrund von Stammeskonflikten oder internen Machtkämpfen, sei es, weil sie sich von einer Assoziierung mit dem IS eine bessere Bezahlung oder ein größeres Drohpotential versprechen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Ein gut dokumentierter Fall ist der des früheren Taliban-Kommandeurs Rauf Khadim, der 2007 aus dem amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo auf das Schlachtfeld zurückgekehrt war, sich jedoch mit den Taliban überworfen hatte. Nach einem Bericht der Denkfabrik „Afghanistan Analysts Network“ lag das an der schwachen Stellung seines Stammes und an ideologischen Differenzen, weil Khadim sich in Guantánamo dem Salafismus zugewandt und Verbindungen zu arabischen Dschihadisten geknüpft hatte, die ihm Zugang zu neuen Geldgebern eröffneten.

          Am 26. Januar verkündete der IS in einer Audiobotschaft seine „Expansion nach Khurasan“, eine historische Bezeichnung für ein Gebiet, das das heutige Afghanistan, Teile Pakistans und Zentralasiens umfasste. Khadim wurde zum Vizegouverneur dieser neuen „Provinz“ ernannt. Doch bevor er operative Kapazitäten für den IS aufbauen konnte, wurde er am 9. Februar mit einer amerikanischen Drohne getötet.

          Die Angst vor dem IS

          „Tiefe Wurzeln“, so die Einschätzung der UN, habe der IS in Afghanistan bisher nicht geschlagen. Doch schon die um sich greifenden (vielfach unbelegten) Gerüchte über IS-Aktivitäten in Afghanistan haben ihre eigene Wirkung entfaltet: Angst. Vor allem Schiiten fürchten, dass ein wachsender Einfluss des IS einen Religionskrieg entfachen könnte, den es in Afghanistan bislang so nicht gibt. Das veranlasste Stammesälteste der schiitischen Hazara kürzlich sogar zu dem bemerkenswerten Schritt, von lokalen Taliban-Kommandeuren Schutz zu erbitten, die ihrerseits den IS als Bedrohung ihres Machtanspruchs betrachten. Dabei hatten die Hazara unter der Herrschaft der radikalsunnitischen Taliban besonders gelitten.

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          Diese sind auch nach wie vor die mit Abstand größte Bedrohung für das Land. Dennoch warnen afghanische Provinzpolitiker vermehrt vor IS-Aktivitäten, um im Wettbewerb zusätzliche Truppen für ihre Region anzufordern. Auch Präsident Ashraf Ghani kam bei seiner Amerika-Reise vergangene Woche immer wieder auf die Bedrohung durch den IS zu sprechen und sicherte sich so die Aufmerksamkeit der amerikanischen Medien. Afghanistan, sagte Ghani dem Sender NBC, sei für den IS von „strategischer Bedeutung“ und „zentral für dessen Erzählung“, weil die Endschlacht laut der IS-Mythologie dereinst in Syrien durch eine aus Afghanistan kommende Macht geschlagen werde. In der Zwischenzeit dürfte der Schatten des IS in Afghanistan vor allem eine Fragmentierung der Taliban beschleunigen – und damit einen Friedensschluss erschweren.

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