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IS in Afghanistan : Verdächtig auffällige Kämpfer

„Die meisten Daesh-Kämpfer sind Pakistaner“

Ghalib ist aber auch ein alter Bekannter von Abdul Rahim Muslim Dost, der so etwas wie der geistige Führer des afghanisch-pakistanischen IS-Ablegers ist. Die beiden Männer waren früher Zellennachbarn in Guantánamo. „Muslim Dost war ein so brillanter Redner, dass sogar den Arabern in Guantánamo die Tränen gekommen sind, wenn er gesprochen hat“, sagt Ghalib, der vier Jahre in dem Gefangenenlager verbrachte, weil amerikanische Soldaten ein Schreiben mit dem vermeintlichen Briefkopf von Mullah Omar, dem langjährigen Talibanführer, bei ihm entdeckten. „Muslim Dost ist ein Gelehrter, kein einfacher Mann“, sagt der Distriktgouverneur, und es klingt fast, als bewundere er ihn. Aus dieser Zeit in Guantánamo habe Muslim Dost die Kontakte zum Umfeld der IS-Führung in Syrien und im Irak, sagt Ghalib. Fachleute vermuten, dass über den prominenten Salafisten eine der ganz wenigen Kommunikationslinien zur Mutterorganisation bestehen.

„Die allermeisten Daesh-Kämpfer sind aber Pakistaner“, sagt Ghalib. Genauer gesagt, frühere Mitglieder der pakistanischen Taliban (TTP) und Angehörige des Orakzai-Stammes, so wie ihr Anführer Saeed Hafiz. „Dies ist ein Krieg der Geheimdienste. Niemand weiß, was dahinter steht“, sagt der Distriktgouverneur noch. Inzwischen aber hätten sich die Kämpfer wieder über die Grenze zurückgezogen, nur in drei Distrikten seien sie noch aktiv.

„IS ist einfach kein Afghanending“

Ein anderer Mann, der sich gut auskennt mit dem IS-Phänomen in Afghanistan, sieht selbst aus wie ein Talib. Er sitzt grinsend in einem Garten im Kabuler Mittelklasse-Stadtteil Taimani und erzählt, dass er wegen seines zotteligen Barts und seiner wallenden Haare ziemlich häufig Ärger mit der Polizei und auch mit seiner Mutter habe. „Ich bin ein Muttersöhnchen“, scherzt er - und kommt dann zum Thema: „So etwas wie IS kann in Afghanistan nicht erfolgreich sein. Es ist einfach kein Afghanending“, sagt der Extremismusforscher, der lieber ungenannt bleiben will. Schon wegen der salafistischen Ideologie, die die in Afghanistan verbreiteten Sufischreine und den Glauben an die heilende Wirkung von Amuletten mit Koranversen ablehne.

„Nur mit Geld können sie Leute dazu bringen, ihre Ideologie zu unterstützen.“ Zudem seien in Afghanistan die Taliban zu einflussreich, um einer rivalisierenden Gruppe dauerhaft viel Raum zu geben. Viele der selbsternannten IS-Kommandeure sind selbst frühere Taliban, die sich im Streit um Geld und Posten abgewandt haben. „Sie haben nur ihren Namen geändert“, sagt der Forscher. Und in vielen Fällen, etwa in den Provinzen Kandahar, Farah und Logar hätten die Taliban solche Abtrünnigen rasch ausgeschaltet.

Trotzdem ist die Furcht vor dem vermeintlich neuen Feind in Afghanistan allgegenwärtig. Sie scheint gar zuzunehmen, je weiter man sich von Nangarhar entfernt. So erzählt man sich im Norden, in Nangarhar habe der IS gezielt Frauen und Kinder ermordet; dort am Ort ist davon aber nichts zu hören. Das liege daran, sagt der Kabuler Extremismusforscher, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung die dünnen Nachrichten über IS-Kämpfer in Afghanistan mit den grausamen Fernsehbildern aus dem Irak und Syrien vermischten. Demnach wäre es vor allem die Namensgleichheit, die den Schrecken potenziert. Und die multimediale Inszenierung von Grausamkeit.

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