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Aceh 2014 : Die Rebellen, die Welle und der Frieden

Staunen über den Frieden: Vor den Augen der Bevölkerung zerstört ein Mitglied der Beobachtermission für Aceh im September 2005 Waffen der Guerrilla-Kämpfer. Bild: Reuters

Weihnachten 2004 brachte ein Tsunami Aceh unbeschreibliches Leid. Doch er beendete auch einen Bürgerkrieg. Mit dem Ergebnis sind heute nicht alle Menschen der rebellischen Provinz mehr zufrieden - es brodelt.

          Das Dorf Lambaro Neujid liegt zwischen dichtbewachsenen Hügeln und dem Indischen Ozean, nicht weit von der Provinzhauptstadt Banda Aceh entfernt. Für die Bewohner war die malerische Lage des Dorfs über Jahre hinweg ein Fluch. Während die indonesische Armee die Ebene und das Meer kontrollierte, hielten sich in den Hügeln Guerrillatruppen versteckt, die für einen unabhängigen Staat kämpften. Immer wenn es zu Kampfhandlungen kam, gab es für die Dorfbewohner keinen Ausweg mehr, weder in die Berge noch durch die Ebene, geschweige denn über das Meer. „Wir waren wie eingeschlossen“, sagt eine 29 Jahre alte Lehrerin.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Alles änderte sich mit dem Tsunami am 26. Dezember 2004. Während die Katastrophe in Sri Lanka zu einer Verschärfung des Konflikts führte, brachte sie Aceh nicht nur unbeschreibliches Leid, sondern auch Frieden. Allein in dieser Provinz im Norden der indonesischen Insel Sumatra wurden 170.000 Menschen getötet. Leichenberge verstopften die Straßen. „Die Zerstörung war so stark, dass sich alle nur noch darauf konzentrierten, zu helfen und Beistand zu leisten“, sagt Bukhari Daud, der frühere Distriktschef von Aceh Besar, wo auch das Dorf Lambaro Neujid liegt. „Sie vergaßen, dass sie eigentlich Feinde waren“, sagt er.

          Der Tsunami brachte den Frieden

          Die Separatisten gaben ihre Forderung nach einem eigenen Staat auf. Ein 29 Jahre alter Konflikt, der mehr als 13.000 Menschen das Leben gekostet hatte, endete. Am 15. August 2005 schlossen die „Bewegung Freies Aceh“ (Gerakan Aceh Merdeka, Gam) und die indonesische Regierung in Helsinki einen Friedensvertrag ab. Unter Leitung der EU überwachte die „Aceh Monitoring Mission“ (AMM) die Entwaffnung von 3000 Guerrillakämpfern und den Abzug der indonesischen Kampftruppen. „Die Menschen wollten nicht mehr kämpfen, sie wollten ihre Häuser, ihr Leben wiederaufbauen“, sagt der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der nach dem Tsunami als erster Helfer in das Dorf Lambaro Neujid gekommen war. Aceh bekam eine Teilautonomie und die Rebellen das Recht, ihre eigene Partei zu gründen, die bis heute die Regierung stellt.

          Auch das Dorf Lambaro Neujid hatte die Wucht der Welle zu spüren bekommen. Udin (Name geändert) sitzt in seinem Haus auf einem Teppich und berichtet. Er war am Morgen wie viele Dorfbewohner zum Gebet in die Moschee gegangen. Nachdem die Dorfbewohner durch das Beben aufgeschreckt worden waren, hörten sie plötzlich drei kurz aufeinander folgende Schläge. „Es klang wie Bomben. Ich dachte: ‚Sogar bei einem Erdbeben hören sie nicht auf zu kämpfen‘“, berichtet Udin. Er selbst hatte jahrelang unter dem Konflikt gelitten. „Ich wollte mich keiner Seite anschließen, deshalb war ich für beide ein Ziel“, klagt er.

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          Die Erinnerungen an den Bürgerkrieg schmerzen

          Udin erzählt, wie auf die vermeintlichen Bombenschläge ein lautes Brausen folgte. Die Dorfbewohner schauten in Richtung des Meeres. Er habe einmal gelesen, dass auf ein Erdbeben eine Welle folgen könnte, erzählt Udin. Über einen schmalen Feldweg liefen er und die anderen einen der Hügel hinauf. Mit seinem Wissen konnte er rund 200 Menschen das Leben retten. Im Dorf ist er deshalb ein Held.

          Die Geflohenen verbrachten drei Tage in den Bergen, Seite an Seite mit den Rebellen. Sie stiegen erst wieder hinab, als die Nahrung ausging. Überall fanden sie Leichen, in Felsspalten, in Bäumen und in Häusern. Sie wollten es nicht glauben, nach so viel Krieg auch noch so ein unglaublicher Schicksalsschlag. Doch der Tsunami habe ihnen schließlich Freiheit und Perspektive gebracht, sagen die Dorfbewohner. „Vor dem Tsunami war es sehr schwierig, ein Auskommen zu haben. Seitdem können wir in die Berge gehen, Chili und Bohnen anbauen, und raus aufs Meer zum Fischen“, berichtet die junge Lehrerin.

          Während die Menschen in Aceh zwar emotional, aber immerhin offen über die Naturkatastrophe reden können, fällt es ihnen sichtlich schwer, den Bürgerkrieg zu thematisieren. Es scheint, als würden diese Erinnerungen sogar noch schmerzvoller. „Der Tsunami hat nur einmal zugeschlagen, der Konflikt wütete für dreißig Jahre“, sagt der Mitarbeiter der Hilfsorganisation. Über Jahre war die Provinz von der Außenwelt abgeschnitten, ausländische Journalisten bekamen erst mit dem Tsunami erstmals Zugang. Auch viele Dorfbewohner seien vom indonesischen Militär gefoltert worden, wie Udin berichtet. Das Militär wollte so an Informationen über die Rebellen herankommen. Unter den Kämpfern in den Bergen waren wohl auch Verwandte der Dorfbewohner.

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