https://www.faz.net/-gq5-7ud5q

Indien und die Not der Frauen : Frischer Wind in Rajasthan

Kleines Häuschen, große Erleichterung: Indische Frauen vor einer Dorftoilette in Madya Pradesh Bild: Sanjit Das/PANOS/VISUM

Chhavi Rajawat brachte ihrem Dorf in Indien Toiletten - eine Erlösung für die vielen Frauen, die ihre Notdurft des Nachts auf freiem Feld verrichten mussten. Doch mächtige Rivalen hatten etwas dagegen.

          Die Angreifer kamen mit Stöcken, Steinen und einer Axt. Auch Frauen und Kinder waren darunter. Chhavi Rajawat hatte geahnt, dass sie kommen würden, und die Polizei verständigt. Doch die Polizei kam nicht. Ihrem Vater schlugen sie den Wangenknochen ein. Chhavi selbst, wie sie hier alle nennen, wurde von einem Stein am Rücken getroffen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Angreifer hatten ihr die Bluse zerrissen. Wer weiß, was noch hätte passieren können, wenn nicht ein paar mutige Dorfbewohner eingeschritten wären. Manche ihrer Freunde in Jaipur und Delhi sagten, dass sie spätestens jetzt ihr Amt niederlegen müsse.

          Sie verschwende ihre Zeit, all das habe doch keinen Sinn. Doch Chhavi Rajawat ist noch immer Bürgermeisterin von Soda, einem 5500-Einwohner-Dorf im indischen Bundesstaat Rajasthan. Und sie will es bleiben. Wenigstens so lange, bis im Februar kommenden Jahres ihre fünf Jahre dauernde Amtszeit ausläuft.

          Chhavi sieht nicht unbedingt aus, wie man sich einen Serpanj, einen indischen Dorfverwalter, vorstellt. Sie trägt Baseballkappe, Kopfhörer, Sonnenbrille und Nike-Turnschuhe. Die Bürgermeisterin wirkt ein bisschen wie eine Touristin, wenn sie mit ihren Bürgern spricht: den Männern mit den roten und gelben Turbanen und den Frauen mit den großen Nasenringen, die ihr Gesicht häufig so weit bedecken, dass unter dem Schleier nur noch ein Auge hervorlugt.

          Indien ist in der Entwicklung hinter China zurückgefallen

          Bis vor fünf Jahren war Chhavi noch Managerin einer Telefongesellschaft, die stellvertretende Chefin der Zweigstelle in Jaipur. In Soda hatte Chhavi zwar regelmäßig die Ferien verbracht, bei ihrem Großvater, der selbst vor zwanzig Jahren Serpanj von Soda war. Aber ihr Leben war weit weg von den Problemen der Dorfbewohner.

          Ortstermin in Soda

          Die Geschichte von Chhavi Rajawat sagt viel darüber aus, warum Indien in den Entwicklungsstatistiken mittlerweile weit hinter China zurückgefallen ist. Warum die ländlichen Gebiete des Subkontinents trotz der wachsenden Mittelschicht in den Städten noch immer zu den ärmsten und unterentwickeltsten der Welt zählen. Und sie zeigt, wie es besser funktionieren könnte mit der ländlichen Entwicklung.

          Chhavis Geschichte beginnt mit dem indischen Quotensystem. Dieses besagte, dass sich im Jahr 2010 nur Frauen um das Amt der Dorfchefin von Soda bewerben durften, zum ersten Mal in der Geschichte. Gleich achtzehn Frauen wollten kandidieren, vorgeschoben von ihren Männern, denn sie alle waren Analphabeten.

          Vieles ist besser geworden im Dorf

          Da besannen sich die Bewohner ihres alten Dorfverwalters, der einer einflussreichen Familie von Rajputen entstammte: Er müsse seine Enkelin oder seine Schwiegertochter hergeben. „Ich war es, die sie hergebracht hat“, sagt Ladu Mali stolz.

          Der alte Mann mit der tiefdunklen Haut und den schlohweißen Haaren, die ihm nach hinduistischer Sitte in langen Strähnen vom Hinterkopf hängen, war früher der Stellvertreter von Chhavis Großvater, dem Serpanj. „Ich konnte damals noch nicht einmal die Straße vor meinem eigenen Haus ausbessern“, sagt er. Chhavi dagegen habe so viele Veränderungen gebracht. „Sauberkeit, Hygiene, Toiletten, Dorffrieden, ein anderes Denken.“

          Bis vor zwei Jahren hatten nur ein paar gebildete Haushalte in Soda eine Toilette. Inzwischen sind es 750. In zwei Monaten soll kein Haus mehr ohne Toilette im Dorf sein, als erstes Dorf des gesamten Distrikts. Auch Ladu Mali zählte zu jenen, die so etwas für reine Geldverschwendung hielten. Wozu sollte er Land und Rupien für den Bau eines Aborts opfern, wenn er sich genauso gut da draußen erleichtern konnte.

          Im Büro der Bürgermeisterin

          „Ich hab nie die Notwendigkeit dafür gesehen“, sagt er. Und seine Frau? Hat sie denn nicht danach gefragt? Schließlich müssen Frauen, anders als Männer, ihre „Geschäfte“ stundenlang bis zur Dunkelheit zurückhalten, um dabei von niemandem gesehen zu werden. An manchen Tagen müssen sie ganz auf den Toilettengang im Freien verzichten, etwa wenn Gäste da sind, die bewirtet werden müssen. Schwere Bauchbeschwerden sind die Folge.

          Weitere Themen

          Scheuer eröffnet Teststrecke für vernetztes Fahren Video-Seite öffnen

          DAI-Labor der TU Berlin : Scheuer eröffnet Teststrecke für vernetztes Fahren

          Bei der Einweihung des Testgeländes sprach Scheuer auch über die anstehende Klimadebatte im Bundestag. Auch hierbei soll die Über 100 Sensoren entlang der Strecke erfassen unter anderem das Wetter, den Verkehr, die Parksituation und die Umweltbelastung.

          Der Politik-Star stellt sich den Wählern

          Wahlkampf in Kanada : Der Politik-Star stellt sich den Wählern

          Ende Oktober wird in Kanada gewählt. Premierminister Justin Trudeau, der seiner liberalen Partei vor vier Jahren einen Rekordsieg einbrachte, führt einen Wahlkampf mit Startschwierigkeiten.

          Topmeldungen

          Ein Hoeneß vergisst nichts : Hauruck – und Zefix!

          Dass der scheidende Präsident des FC Bayern noch einmal einen großen Angriff in Richtung DFB inszeniert, ist kein Zufall. Vielmehr steckt dahinter besonderes Kalkül. Denn der eigentliche Kern der Debatte ist Bundestrainer Joachim Löw.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.