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Indien : Essen für alle

  • -Aktualisiert am

Billiger Reis: Sonia Gandhi (Dritte von links) von der regierenden Kongresspartei präsentiert die Berechtigtenkarte Bild: AP

Die indische Regierung will Armen Zugang zu verbilligten Lebensmitteln verschaffen. Die Opposition hält das für ein Wahlgeschenk. Viele zweifeln, ob das wirklich hilft.

          Es ist das größte Ernährungsprogramm der Welt. Sonia Gandhi, die Grande Dame der indischen Politik, hat es am Dienstag persönlich im Talkatora Stadion von Delhi gestartet. Die Vorsitzende der regierenden Kongresspartei versprach, dass „von nun an kein armer Menschen mehr hungrig sein werde“. Durch die „Food Security Bill“ sollen rund 800 Millionen Menschen aus Hunger und Armut geholt werden. Über das Ziel sind sich Politiker, Wissenschaftler und Analysten einig. Dennoch bezeichnet die Opposition das Gesetz als reines Wahlgeschenk, Wissenschaftler kritisieren es als alten Wein, der Indiens Finanzkrise weiter verschärfen könnte.

          Zwar ist das entsprechende Gesetz bisher nur per Rechtsverordnung in Kraft, das indische Parlament muss noch endgültig zustimmen, doch Sonia Gandhi wollten diesen symbolträchtigen Tag nicht verstreichen lassen: Am 69. Geburtstag ihres verstorbenen Mannes, dem früheren Premierminister Rajiv Gandhi, sagte sie: „Es war sein Traum, dass dies heute geschieht.“

          Erstmals ein Rechtsanspruch auf Nahrung

          Durch das Gesetz erhalten knapp 70 Prozent der 1,2 Milliarden Inder erstmals einen Rechtsanspruch auf Nahrung, der 75 Prozent der ländlichen und 50 Prozent der städtischen Bevölkerung Indiens. Anspruchsberechtigte sollen eine Zuteilungskarte bekommen und somit Anrecht auf monatlich 5 Kilogramm Grundnahrungsmittel zu vergünstigten Preisen: Ein Kilogramm Reis für 3 Rupien (ungefähr 4 Cent), Weizen für 2 Rupien und Getreide für 1 Rupien. Die Nahrungsmittel sind vom Staat stark subventioniert, im freien Handel kostet das Kilo Reis derzeit circa 20 bis 25 Rupien. Schwangere und stillende Mütter erhalten während der Schwangerschaft und bis zu sechs Monate nach der Geburt Anspruch auf eine kostenlose Mahlzeit. Das gilt auch für Kinder unter 14 Jahren. Verteilt werden die Nahrungsmittel mithilfe der staatlichen „Food Corporation India“, verkauft werden sie in sogenannten Fair-Preis-Läden. 2011, zum Zeitpunkt der letzten Erhebung, gab es in ganz Indien 505.000 solcher Läden.

          Im Welthungerindex 2012 des International Food Policy Research Institute wird die Ernährungssituation in Indien als alarmierend bezeichnet - schlimmer als etwa in Zimbabwe und dem Sudan. Einem Bericht der Weltbank zufolge leben in Indien ein Drittel der ärmsten Menschen der Welt. Fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren ist chronisch unterernährt. An der Notwendigkeit, den Hunger zu bekämpfen, herrscht also kein Zweifel. Wohl aber an der Effizienz des neu aufgelegten Programms. Schon jetzt gibt es in Indien zahlreiche Subventionsprogramme, die aber die Notleidenden kaum erreichen. In Bihar etwa, einer der ärmsten Regionen Indiens, haben laut Studien nur 16 Prozent der armen Haushalte Zugang zu verbilligten Lebensmitteln.

          Ein Grund ist die fehlerhafte Erfassung der Bezugsberechtigten. „Darin spiegeln sich deutlich die lokalen Machtverhältnisse wieder. Vor allem in Regionen mit Kastenwesen werden die untersten Kasten ausgeschlossen“, sagt Joachim Schwarz, Programmleiter der Welthungerhilfe in Asien. Hinzu kommen Korruption und Misswirtschaft. „Es gibt im Grunde gar keine Nahrungsmittelkrise“, sagt Devinder Sharma, Experte für Nahrungsmittel- und Handelspolitik. Die Kornspeicher der Regierung seien randvoll. In ihnen verrotten tonnenweise Reis, Weizen und Getreide, während Millionen Menschen auf dem Land hungern. Schlechte Logistik, mangelnde Infrastruktur und grassierende Korruption sind die Gründe.

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