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Regime in Tadschikistan : Die Düsternis des goldenen Zeitalters

Immerwährender Jubel des Volkes: Eine Kundgebung zur Unterstützung von Präsident Emomali Rachmon in Duschanbe Bild: AFP

Tadschikistan ist das ärmste Land im armen Zentralasien. Nun wird es von Russlands Krise in einen Abwärtsstrudel gezogen. Was tut das Regime von Präsident Rachmon?

          8 Min.

          In Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, sind die Mächtigen und ihre Opfer Nachbarn. Die Präsidententochter Osoda Rachmon lebt in einem Prunkbau mit Säulen und Schnörkeln an der Mirsu-Tursunsoda-Straße, benannt nach einem Dichter und Sowjetpolitiker. Gerade hat ihr Vater, Präsident Emomali Rachmon, sie an die Spitze seiner Verwaltung beordert. Zuvor war sie stellvertretende Außenministerin, ihr Mann ist stellvertretender Leiter der Zentralbank.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Macht ist in Tadschikistan Familiensache und soll es bleiben: Wenn Osoda Rachmon aus dem Fenster schaut, sieht sie gleich auf der anderen Seite der Straße das Gefängnis, in dem Dutzende Gegner ihres Vaters hinter Mauern und Stacheldraht auf ihre Prozesse warten. Die meisten von ihnen sind Mitglieder der oppositionellen Partei der Islamischen Wiedergeburt Tadschikistans, die seit Herbst als Terroristen gelten.

          Vom Abwärtsstrudel der russischen Krise erfasst

          Seit 1992 führt Rachmon das nördliche Nachbarland Afghanistans, seit 1994 als Präsident. Mehrfach hat er die Verfassung ändern lassen, um im Amt bleiben zu können. Bald soll ein neuerliches Referendum das Alter herabsetzen, ab dem man Präsident werden kann. So soll ein heute 28 Jahre alter Sohn Rachmons, der derzeit als oberster Korruptionsbekämpfer des Landes waltet, Präsident werden können. Ob 2020, wenn Rachmons Amtszeit abläuft, die nächste Generation übernimmt, ist aber nicht ausgemacht: Der 63 Jahre alte Präsident darf seit kurzem als „Führer der Nation“ antreten, sooft er will, außerdem soll der neue Titel ihn und seine Familie lebenslang vor Strafverfolgung schützen.

          Wer durch Tadschikistan fährt, wird regelmäßig von Verkehrspolizisten zur Kasse gebeten, kann aber allerorten den Präsidenten von bunten Bildern lächeln sehen. Mal steht er inmitten von Schulkindern, mal riecht er an einem Obstbaum. Ein stattlicher Mann mit buschigen Brauen, die Ältere ebenso an Leonid Breschnew, den Sowjetführer von 1964 bis 1982, erinnern wie die Lähmung im Land. Tadschikistan gilt als das ärmste Land im ohnehin armen Zentralasien – und ist nun auch noch vom Abwärtsstrudel der russischen Krise erfasst.

          Denn in den vergangenen Jahren machten Transferzahlungen von Arbeitsmigranten, zumeist aus Russland, bis zu 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Im vergangenen Jahr sollen es statt vier Milliarden Dollar nur noch rund 1,7 Milliarden Dollar gewesen sein. Unternehmen schließen, Löhne sinken, Preise steigen. Aber außer Planspielen zu Machterhalt und Repression hat Rachmon nichts zu bieten. Seine Politik könnte, so warnte vor kurzem die International Crisis Group, zu „Staatsversagen“ führen.

          Wer nicht mit dem herrschenden Clan verbunden ist, hat es schwer. Nicht weit vom Haus der Präsidententochter lebt der Tagelöhner Farruch mit Frau und vier Kindern in einem winzigen Häuschen, immerhin mit Stereoanlage und Fernseher im Wohnzimmer. Farruch traut den Lobeshymnen der Staatssender nicht. „Bald rufen sie den Präsidenten noch zum Propheten aus“, sagt er. Er ist Anfang 30, hat in Duschanbe Wirtschaft studiert. Arbeit gab es nicht ohne Beziehungen.

          Einreiseverbot für 300.000 Tadschiken

          Er ging nach Afghanistan, arbeitete in Kabul auf dem Bau, bis man ihn um seinen Lohn betrog. Dann ging Farruch immer wieder nach Russland – er machte es so, wie es vor der Krise bis zu anderthalb Millionen der gut acht Millionen Tadschiken machten, vor allem junge Männer. Auch Farruchs drei Brüder und sein Vater arbeiteten regelmäßig in Russland. Einer der Brüder studiert mittlerweile in Irkutsk, weil er es leid gewesen sei, die Professoren in Duschanbe für jede Prüfung zu schmieren, erzählt Farruch. Er selbst setzte Wohnungen instand, vor allem in Moskau; was vom Lohn übrig blieb, schickte er seiner Frau.

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