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Regime in Tadschikistan : Die Düsternis des goldenen Zeitalters

Der Anwalt Busurgmechir Jorow machte den Fall eines Führungsmitgliedes der Wiedergeburtspartei publik, der festgenommen, verprügelt und erst wieder freigelassen worden war, nachdem er unterschrieben hatte, er sei nicht geschlagen worden. Seit Ende September sitzt Jorow selbst in dem Gefängnis im Zentrum von Duschanbe ein. Mit ihm seien bis zu 30 Leute in einer Zelle, sagt sein Vater Rafschan. Er will nicht schweigen – obwohl der Geheimdienst die Familie gewarnt habe.

Der Alte lebt eigentlich in einem Haus direkt hinter dem Prachtbau der Präsidententochter. Aber jetzt verbringt er die meiste Zeit in seiner Datscha am Ende einer Buckelpiste nahe der Hauptstadt. Er hat sie sich von dem Geld gekauft, das er als Übersetzer in der sowjetischen Botschaft in Kabul in den siebziger Jahren verdiente. Rafschan Jorow sagt, aus Bürgerpflicht habe sein Sohn die Opfer der politischen Prozesse vertreten wollen. Dafür zahle er mit seiner Freiheit. Gerade wurde die Untersuchungshaft verlängert. Er ist stolz auf seinen Sohn: „Er geht den richtigen Weg.“

„Im goldenen Zeitalter“ Tadschikistans

Beobachter in Duschanbe sagen, die Wiedergeburtspartei hätte Rachmon gefährlich werden können, sollte sich die soziale Lage im Land verschärfen. Aber ob sich die Krise politisch auswirkt, ist unklar. Eine der wenigen, die sich noch trauen, offen die Regierung zu kritisieren, ist die Juristin und Menschenrechtlerin Ojnihol Bobonasarowa. 67 Jahre ist sie alt und gestählt in langen Jahren der Opposition. Die Tadschiken, klagt Bobonasarowa, seien „zu einer Herde“ gemacht worden.

Sie erinnert sich an ein Gespräch mit einem Schuldirektor auf dem Land, dessen Brillengläser zersplittert waren. Armut allenthalben, der Mann aber versicherte ihr, wie gesegnet er sich fühle, dank Rachmon und den Seinen „im goldenen Zeitalter“ Tadschikistans zu leben. „Wenn dem Volk seine Rechte geraubt werden und es dazu klatscht, ist es gefährlich“, sagt Bobonasarowa. Vor drei Jahren, bei der jüngsten Präsidentenwahl, wollte sie selbst für die Islamisten gegen Rachmon antreten, als Frau und ohne Schleier. Unter einem Vorwand wurde ihr die Kandidatur verwehrt. Rachmon habe Angst bekommen zu verlieren, sagt Bobonasarowa.

Während die Führung ihre Hexenjagd auf politische Gegner veranstaltet, kämpfen tatsächlich Hunderte Tadschiken in Syrien und im Irak für den „Islamischen Staat“. Viele aus wirtschaftlichen Gründen: Der IS soll 300 Dollar im Monat zahlen, doppelt so viel wie die Taliban in Afghanistan. Besonders beunruhigend ist aus Sicht der Führung in Duschanbe ein Drohvideo des IS vom Mai vorigen Jahres: Darin ruft ein früherer Leiter der Sondereinsatztruppen des tadschikischen Innenministeriums, der in den Vereinigten Staaten und Russland ausgebildet wurde, Regierungsmitarbeiter und frustrierte Arbeitsmigranten zum Aufstand gegen die „Hunde“ in Duschanbe auf.

Korrupte Behördenvertreter verdienen mit

Auch die Schutzmacht Russland spricht von der Gefahr, die für Tadschikistan und ganz Zentralasien von radikalen Islamisten ausgeht. In Moskau wird der militärische Einsatz in Syrien unter anderem deshalb gefeiert, weil die Streitkräfte dort Erfahrungen für Zentralasien sammelten, den Schauplatz künftiger Kämpfe. Am Rande von Duschanbe unterhält Moskau eine Militärbasis mit Tausenden Soldaten. Moskaus Schutz garantiert Einfluss. Doch bei der Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Duschanbe heißt es, für eine Unterwanderung Tadschikistans durch radikale Gruppen gebe es „keine Belege“.

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