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Fanatismus in Pakistan : Im Zangengriff der Mullahs

Verzweifelter Protest: Christen verlangen die Verurteilung der Mörder von Shama und Shahzad Masih. Bild: dpa

In Pakistan verfolgen Islamisten immer häufiger religiöse Minderheiten. Ermutigt werden sie durch ein aberwitziges Blasphemiegesetz. Der Staat schaut ohnmächtig zu.

          Auf einer holprigen Sandstraße rollt der Wagen durch das Dorf 59. An den Hauswänden klebt Büffeldung zum Trocknen. Kinder in Schuluniform stehen am Straßenrand. Nichts erinnert mehr daran, dass sich hier vor drei Monaten ein Mob zusammengerottet und eine schwangere Frau und ihren Ehemann bei lebendigem Leibe in die Flammen der nahe gelegenen Ziegelei getrieben hat. Der örtliche Mullah hatte den Mob aufgehetzt. Wegen angeblicher Gotteslästerung – in Gestalt von ein paar weggeworfenen Papierschnipseln, auf die jemand Koranverse gekritzelt hatte.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          59 Dorfbewohner sitzen seither in Untersuchungshaft in der pakistanischen Kulturmetropole Lahore, eine Autostunde entfernt. Nach weiteren 60 wird noch gefahndet. Wochenlang war das Dorf 59 wie ausgestorben, weil die Bewohner aus Angst vor willkürlichen Massenfestnahmen das Weite gesucht hatten.

          Gerne wüsste man, was sie nun, da sie zurück sind, über das kollektive Verbrechen zu sagen haben, das sich hier am 5. November abspielte. Doch Ashar Nazir weigert sich anzuhalten. „Wir können hier nicht aussteigen“, sagt der Mitarbeiter des katholischen Friedenszentrums in Lahore. „Wegen der Karikaturen von ,Charlie Hebdo‘ ist die Lage zu angespannt.“ Erst auf dem Gelände der Ziegelei fühlt sich Nazir wieder sicher.

          Ein Ort moderner Sklaverei

          Die Ermordung des christlichen Ehepaars Shama und Shahzad Masih ist nur der jüngste Fall von Selbstjustiz islamistischer Eiferer in Pakistan gegen vermeintliche Gotteslästerer. Immer häufiger richtet sich der Furor der Extremisten gegen religiöse Minderheiten im Land – ermutigt durch ein aberwitziges Blasphemiegesetz, das für die Schmähung des Propheten die Todesstrafe vorsieht. In vielen solcher Fälle machen sich Teile von Pakistans Medien und Justiz gemein mit den Tätern, während die Regierung ohnmächtig zuschaut. Umso aufmerksamer beobachten Menschenrechtler und westliche Diplomaten nun den Umgang der pakistanischen Justiz mit den Mördern der Masihs.

          Die Ziegelei in Kot Radha Kishan ist ein Ort moderner Sklaverei. Shama und Shahzad Masih hatten hier gearbeitet, seit sie kleine Kinder waren, um die Schulden ihrer Familie abzutragen, die durch Hochzeits-, Arztkosten und horrende Zinsen auf mehr als 2000 Euro angewachsen waren. Wie alle Arbeiter wohnten sie auf dem Gelände der Ziegelei. Der winzige fensterlose Verschlag aus Ziegeln, in dem sie mit ihren drei Kindern lebten, ist nun verwaist.

          Weder Strom noch fließend Wasser gibt es hier. Eine kleine Feuerstelle im Hof erinnert daran, wo die Familie ihre Mahlzeiten einnahm; daneben ist hinter einer Ziegelwand ein Loch im Boden, das Klo. 1000 Ziegel schafft eine Familie samt Kindern pro Tag und bekommt dafür umgerechnet fünf bis sechs Euro. Schon Sechsjährige schuften hier. Viele Christen in Pakistan gehören zu den Ärmsten der Armen. Sie verrichten Arbeiten, die sonst niemand übernehmen will: Straßenfegen, Abwasser entsorgen oder eben Ziegel brennen.

          Das Mädchen konnte nicht mal lesen

          Angeblich gab es Streit um Geld mit dem Besitzer der Ziegelei. Yousaf Gujjar soll die Masihs daraufhin in der Abstellkammer neben seinem Büro eingesperrt haben, wo ihre Mörder sie fanden. Ein Loch im Strohdach der Kammer und das aufgebrochene Türschloss zeugen von der Raserei der Angreifer. Laut Polizeibericht waren es etwa 500 bis 600 Bewohner der Dörfer 59 und 60.

          Darüber, was an jenem 5. November genau geschah, gibt es unterschiedliche Versionen. Shama Masihs Vater sagt, seine Tochter habe wohl aus Versehen im Hausmüll kleine Zettel mit Koranversen verbrannt, wie sie von Mullahs als Talisman gegen Krankheiten geschrieben werden. Sie habe gar nicht lesen können, sagt Mukhtar Masih.

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