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Fanatismus in Pakistan : Im Zangengriff der Mullahs

Doch niemand weiß so gut wie Shakir, wie leicht der Staat in Pakistan einknickt, wenn es um den Vorwurf der Blasphemie geht. Der Anwalt hat die Christin Asia Bibi vertreten, die wegen angeblicher Schmähung des Propheten Mohammed seit vier Jahren in der Todeszelle sitzt. Der Fall hat international Empörung hervorgerufen. Die Folgen sind bis heute in Pakistan spürbar. Vor vier Monaten bestätigte das Oberste Gericht von Lahore das Urteil gegen Asia Bibi, obwohl sich die einzigen vermeintlichen Zeuginnen in eklatante Widersprüche verstrickten.

„Der Richter stand unter extremem Druck, weil während der Verhandlung Hunderte von Geistlichen im Gerichtssaal saßen und Koranverse gemurmelt haben“, sagt Shakir. „Eine klare Drohbotschaft.“ Nun muss das Verfassungsgericht über Asia Bibis Fall entscheiden. Shakir hat das Mandat allerdings inzwischen niedergelegt. Zu viele evangelikale Organisationen hätten in den Medien behauptet, sie seien an der Verteidigung Bibis beteiligt, um Spenden einzutreiben, sagt er zur Begründung.

Das liberale Pakistan beugt sich dem geistlichen Fanatismus

In Shakirs kleinem Studierzimmer im Advokatenviertel von Lahore ist noch der Geist des liberalen Pakistans zu spüren, der seit der verordneten Islamisierung des Landes durch den Militärherrscher Zia ul Haq nach 1977 – er ließ auch das Blasphemiegesetz verschärfen – immer mehr in die Defensive geraten ist. Shakir trägt Schlips zur Strickjacke, das graue Haar akkurat gescheitelt, und bei jedem dritten Wort zieht er bedeutungsvoll die Augenbraue hoch. „Jetzt können wir offen sprechen“, sagt er und wechselt mitten im Gespräch die Tonart. „Mein muslimischer Bürogehilfe ist gerade gegangen.“ Artikel 295c des pakistanischen Strafgesetzbuches, der Blasphemie-Paragraph, könne allzu leicht missbraucht werden und verstoße gegen die in der Verfassung festgeschriebene Religionsfreiheit, klagt er.

Doch eine Reform des Blasphemiegesetzes oder auch nur Maßnahmen gegen dessen Missbrauch sind undenkbar geworden, seit der Gouverneur von Punjab, Salman Taseer, im Jahr 2011 von seinem Leibwächter im Zentrum der Hauptstadt Islamabad von 26 Kugeln getroffen wurde. Taseer hatte Asia Bibi im Gefängnis besucht und den Blasphemie-Paragraphen als „schlechtes Gesetz“ bezeichnet.

Sein verurteilter Mörder, Mumtaz Qadri, gilt vielen Pakistanern als Held. In Islamabad ist eine Moschee nach ihm benannt. Das liberale Pakistan verstummte, nachdem es erschrocken mit ansehen musste, wie der Staat sich dem Druck der Extremisten ohne jedes Rückgrat beugte.

Blasphemiegesetz-Abschaffung ist Landesverrat

Weder der Ministerpräsident noch eine Mehrheit der hohen Provinzbeamten trauten sich, der Beerdigung des ermordeten Gouverneurs beizuwohnen. Viele der islamistisch gesinnten urdusprachigen Medien gaben dem Mörder Qadri viel Sendezeit, um sich der Tat zu brüsten. Der Richter, der den Mörder zum Tode verurteilte, musste anschließend ins Exil gehen.

Seit dieser Woche steht Qadri wieder vor Gericht, weil er Berufung eingelegt hat. Noch hat sich kein Staatsanwalt gefunden, der bereit ist, den Fall zu übernehmen. Im Büro des Generalstaatsanwalts ist Qadris Akte auf wundersame Weise verlorengegangen. Eine ganze Entourage von fünfzig Juristen begleitete den Mörder am Dienstag jubelnd und Koranverse rezitierend in den Gerichtssaal.

Der Richter stellte der Staatsanwaltschaft eine Frist von einer Woche, um ihren Part zu übernehmen. Denn es sei wichtig, „den Eindruck zu zerstreuen, dass Richter oder Staatsanwälte den Fall aus Angst verzögern“. Qadris Verteidigung haben derweil mehrere pensionierte Richter des Obersten Gerichtshofs von Lahore übernommen. Einer von ihnen hat nun erklärt, eine Abschaffung des Blasphemiegesetzes wäre Landesverrat. Auch dann, wenn eine Mehrheit des Parlaments dafür stimmen würde.

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