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Fanatismus in Pakistan : Im Zangengriff der Mullahs

Shahzads Bruder, der selbst in der Ziegelei arbeitete, wirft dem Firmenchef vor, den Blasphemievorwurf nur konstruiert zu haben. Andere sagen, dass die Mullahs der Umgebung es darauf angelegt hätten, einen Gotteslästerer zu bestrafen, aufgeheizt durch eine Jubelfeier zu Ehren des 1929 hingerichteten Mörders Ilm ud Din, der einen Verleger wegen angeblich blasphemischer Schriften getötet hatte.

„Er kam mit schmutzigen Händen ins Gericht“

In jedem Fall hetzten die Mullahs der Dörfer 59 und 60 die Bewohner über die Lautsprecher ihrer Moscheen auf. Die Meute soll den beiden Opfern die Kleider vom Leib gerissen und sie prügelnd zum Hochofen getrieben haben. In den Schornstein haben viele Christen ihre Namen eingeritzt. „Aus eurem Blut wird eine Revolution entstehen“, steht dort in großen Lettern.

Auch der Imam der berühmten Badshahi-Moschee in Lahore hat hier eine Bestrafung der Täter gefordert. Die Regierung hat umgerechnet 9000 Euro und ein Stück Land für die Kinder der Opfer bereitgestellt, um deren Sorgerecht sich jetzt fünf verschiedene Parteien streiten: Shamas Vater, zwei Brüder Shahzads, ein evangelikaler Verein und eine muslimische Mitarbeiterin des Jugendamts. Der Streit wird mit harten Bandagen gekämpft: „Er kam mit schmutzigen Händen ins Gericht“, heißt es etwa in der Klageschrift des Großvaters, die die Tauglichkeit eines der beiden Onkel in Frage stellt.

Dorf 59 und 60: In dem Dörfern in der Nähe von Lahore tobte der Lynchmob.

Auf einmal braust ein Geländewagen auf den Hof. Ein stattlicher Mann in einem schneeweißen traditionellen Shalwar Kamiz und ein Kleinerer in beigefarbenem Gewand eilen heran. „Sie dürfen sich hier nicht aufhalten“, ruft der eine. Es ist der Bruder des Ziegeleibesitzers. Doch bald darauf wird er gesprächig. Sein Bruder sei wie ein Vater für Shama und Shahzad gewesen, behauptet er. Zum Zeitpunkt des Verbrechens habe sein Bruder zu Hause krank im Bett gelegen. „Die Polizei hat ihn nur festgenommen, weil sie nicht wollte, dass es aussieht wie ein religiöser Fall, sondern als wäre es um Geld gegangen“, sagt Shahdin Gujjir.

Im Polizeibericht heißt es, der Besitzer sei eine von zehn Personen gewesen, die das Ehepaar misshandelt und in den Ofen gestoßen hätten. Der Bruder sagt außerdem, er habe der Familie der Opfer Hilfe angeboten – doch die Masihs sagen das Gegenteil: Er habe sie bedroht und verlangt, dass sie ihre Aussagen zurückziehen.

In den vergangenen 20 Jahren sind in Pakistan 62 Menschen Opfer von Selbstjustiz geworden, nachdem sie der Gotteslästerung bezichtigt worden waren. Mehr als die Hälfte von ihnen gehörte religiösen Minderheiten an, obwohl diese nur vier Prozent der pakistanischen Bevölkerung ausmachen. In den allermeisten Fällen blieben die Täter unbehelligt. Fast 1500 Personen wurden zudem wegen Blasphemie angezeigt, auch hier zur Hälfte Christen, Hindus und Ahmadis.

Geistliche setzen Justiz unter Druck

„Der Prozess gegen die Mörder der Masihs ist ein Testfall“, sagt Naeem Shakir, ein christlicher Anwalt, der schon viele Blasphemiefälle begleitet hat. Denn nach einem Anschlag auf eine Kirche in Peshawar mit mehr als 120 Toten hat das pakistanische Verfassungsgericht im Juni 2014 in einem laut Shakir „historischen Urteil“ die Rechte religiöser Minderheiten gestärkt. Immerhin: Noch sitzen alle 59 Angeklagten in Untersuchungshaft.

Nicht einmal der reiche Ziegeleibesitzer konnte sich auf Kaution freikaufen. Das Verfassungsgericht hat eine Kommission eingerichtet, die den Fall kritisch begleitet. Sie hat verlangt, dass auch die vier Polizisten, die während des Verbrechens anwesend waren, aber nicht eingriffen, angeklagt werden sollen.

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