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Hinrichtung in Nordkorea : Kims Werk, Lenins Beitrag

Öffentliche Demütigung im Gerichtssaal: Jang Song-thaek vor seiner Hinrichtung Bild: REUTERS

Von einem Augenblick zum anderen wird ein Mächtiger zum Verbrecher. Der Sturz von Nordkoreas Nummer Zwei wird groß inszeniert. Hinter den bizarr anmutenden Szenen steckt ein über 90 Jahre altes Prinzip.

          6 Min.

          Historiker lernen, Geschichte wiederhole sich nicht. Aber die Bilder und Nachrichten der vergangenen Tage aus Nordkorea erinnern so sehr an die Zeit Stalins, dass man Zweifel an der These haben kann.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Natürlich weisen die politischen Systeme der Sowjetunion und ihrer ehemaligen Satellitenstaaten in Mittel- und Osteuropa im Vergleich zu Nordkorea Unterschiede auf. Den Versuch, die Macht über mehrere Generationen in der Hand einer Familie zu konzentrieren, hat allenfalls in Ansätzen der rumänische Führer Ceausescu unternommen. Aber ein entscheidendes Element ist allen in Rede stehenden Systemen gemeinsam. Ihre Ursprünge liegen in politischem Untergrundkampf. Und ein konspiratives Leben erzeugt ganz eigene Regeln und Verhaltensweisen.

          Kims Kaderkonzept fußt auf Lenin

          Zwar war die Unterdrückung im russischen Zarenreich im Vergleich zu vielem, was danach kam, relativ milde. Aber Wladimir Lenin, der in der revolutionären Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg rasch Karriere machte, kam für sich zu dem Ergebnis, eine revolutionäre Partei müsse nach dem Kaderprinzip aufgebaut sein. Sein Konzept war elitär und auf dem Prinzip der Abschottung gegründet. Diese Abschottung sollte aber nicht nur – was verständlich gewesen wäre – gegenüber den staatlichen Strukturen gelten, sondern auch potentiellen Bundesgenossen. Entsprechend wurde auch das Innenleben der Partei organisiert. Das Prinzip von Befehl und Gehorsam von oben nach unten wurde später mit dem verharmlosenden Begriff „Demokratischer Zentralismus“ umschrieben. Theorie und Praxis klafften aber schon in der Frühzeit der Lenin’schen Partei auseinander. Zum Beispiel waren durchaus nicht alle seine Genossen für den Versuch, im November 1917 den Umsturz zu wagen. Und auch nach der Machtübernahme durch die Bolschewiki ließen sich nicht alle Größen der Partei den Mund verbieten, was für Intellektuelle kein Wunder ist, den Vorgaben Lenins aber zuwider lief.

          Dieser setzte aber sein Kaderkonzept durch, indem er 1921 von einem Parteitag festschreiben ließ, künftig seien „Fraktionsbildungen“ aller Art innerhalb der Partei strikt verboten. Dieser Begriff zieht sich seitdem durch die Geschichte der Bewegung als eine der am schwersten wiegenden Sünden eines guten Kommunisten. Auch in Nordkorea wurde in dieser Woche dem gestürzten Jang Song-taek unter anderem „Fraktionstätigkeit“ vorgeworfen.

          Die eigenen Reihen „sauber“ halten

          Unmittelbare Auswirkungen auf den politischen Alltag hatte das Verbot innerhalb der Kommunistischen Internationale (KI), jenem Zusammenschluss Kommunistischer Parteien aus aller Welt, der 1919 in Moskau gegründet worden war und im Laufe der Zeit in immer stärkere Abhängigkeit von der sowjetischen Partei geriet. Die Parteien in vielen Ländern, in aller Regel ohnehin ziemlich klein, waren über Jahre hinweg hauptsächlich damit beschäftigt, die eigenen Reihen „sauber“ zu halten. Die Werbung für das Programm der „Kommunistischen Weltpartei“, wie die KI auch gerne genannt wurde, trat oft dahinter zurück. Dieses zuweilen selbstzerstörerische Ausmaße annehmende Treiben wurde nur in der Sowjetunion staatspolitisch relevant, weil die Kommunisten nur dort regierten. Hier führten die persönliche Disposition der Führer in Kombination mit ideologischen „Gesetzmäßigkeiten“ und dem Parteistatut zu einer zunehmend irrationalen Atmosphäre.

          Zwar war Lenin pragmatisch genug, trotz seiner ideologischen Festlegung zum Beispiel eine partielle wirtschaftliche Öffnung des Landes zuzulassen. Diese „Neue Ökonomische Politik“ zeitigte auch einige Erfolge. Aber man darf annehmen, dass Lenin diese pragmatische Phase nach Erreichen der wichtigsten Ziele wieder beendet hätte. Dies zu tun, blieb dann seinem Nachfolger Josef Stalin überlassen. Seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist von vielen Anhängern des sowjetischen Systems gesagt worden, wenn nur Parteiführer wie Lenin (gestorben 1924) oder der schon 1919 gestorbene Jakow Swerdlow länger gelebt hätten, wäre es nicht zum Terror der Stalinzeit gekommen. Die Frage „was wäre gewesen wenn“, darf ein Historiker zwar nicht stellen. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht nicht für die These vom „guten“ Lenin und „bösen“ Stalin. Als Systemüberwinder sah sich Lenin nämlich ganz bestimmt nicht.

          Erst wie gerügt, später dann gemordet

          Die Brutalität der Durchsetzung des „Fraktionsverbots“ innerhalb der Partei steigerte sich. Anfangs gab es Rügen, später dann Parteiausschlüsse. Diese empfanden übrigens viele Betroffene schon als so etwas wie die Höchststrafe, weil sie sich innerlich der Partei und ihren im Untergrund geformten Regeln mit Leib und Seele verschrieben hatten. Viele von ihnen sollten schmerzhaft erleben, dass damit das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht war. Leo Trotzki, der sich Stalin überlegen wähnte, wurde aus der Sowjetunion ausgewiesen und 1940 in Mexiko ermordet. Andere wurden im Land verhaftet, in Schauprozessen vorgeführt und schließlich umgebracht. Ein erster Vorläufer des „Großen Terrors“ war der Prozess gegen die „Industriepartei“ im Jahre 1930. Hier waren Wirtschaftsfachleute, die sich während der „Neuen Ökonomischen Politik“ verdient gemacht hatten, wegen „Sabotage“ angeklagt. Wenige Jahre später traf es dann hohe und höchste Parteifunktionäre. Es ging schon längst nicht mehr um ideologische „Reinheit“, sondern nur noch um blinden Gehorsam.

          An der Echtheit der Bilder der öffentlichen Festname von Jang Song-thaek bei einer Sitzung des Politbüros der Arbeiterpartei bestehen Zweifel Bilderstrecke

          Zwischen 1936 und 1938 wurden mehrere Schauprozesse abgehalten. Andrej Wyschinski, Stalins Chefankläger, entwickelte damals die „Theorie“, die höchste Form des Beweises in einem Strafprozess sei das Geständnis des Angeklagten. Die bekam Wyschinski reichlich, wofür schon die „Fachleute“ der Geheimpolizei bei der Vorbereitung der Prozesse gesorgt hatten. Die meisten Angeklagten spielten ohne Widerspruch die ihnen zugedachten Rollen. Schriftliche Zeugnisse legen nahe, dass zumindest einige von ihnen ernsthaft glaubten, sie hätten sich wirklich schuldig gemacht. Fast schon skurril mutet an, dass es Angeklagte gab, die sich hilfesuchend an Stalin wandten, weil sie davon überzeugt waren, dieser könne das alles unmöglich gutgeheißen haben.

          Lenins willige, asiatische Schüler

          Die Memoirenliteratur liefert beklemmend eindrucksvolle Schilderungen über Sitzungen verschiedenster Gremien in dieser Zeit. „Volksfeinde“ mussten bei solchen Gelegenheiten öffentlich verdammt werden. Jeder Redner musste aber damit rechnen, dass er mangelnder Wachsamkeit geziehen wurde. Immerhin hatte ja so gut wie jeder neu entdeckte „Volksfeind“ längere Zeit im Apparat gewirkt. Dieser immense Druck führte zu heute grotesk anmutenden Ritualen. Das nannte man „Kritik und Selbstkritik“, in anderen Worten totale öffentliche Selbstdemütigung. Auf diese Weise konnte man – mit Glück – das eigene physische Überleben sichern. Persönliche Beziehungen reduzierten sich auf ein Minimum. Die Gefahr, plötzlich nur noch „falsche“ Menschen zu kennen, war einfach zu groß. Andererseits forderte die Partei aber von jedem lautstarkes Engagement für ihre Ziele und grenzenlose Liebe zum Führer. Man braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, was das aus Menschen macht. Besagter Führer, Stalin, hatte Ende der dreißiger Jahre zwar einerseits erreicht, dass es nirgendwo mehr Widerspruch gab. Andererseits wollte und konnte er aber nicht glauben, dass es wirklich so sei. Die daraus resultierende Lähmung wirkte sich auf die ganze Sowjetunion aus.

          Zeitlich parallel erwies sich in China Mao Tse-tung als guter Schüler des Meisters in Moskau. Zwar war Mao immer auf relativ große Eigenständigkeit bedacht. Aber die sowjetischen Methoden übernahm der später so genannte „Große Steuermann“ willig und gern. Nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 sollten unzählige Funktionäre und Millionen „einfache“ Chinesen erfahren, zu welch mörderischen Exzessen Mao und die Partei fähig waren. Der Koreaner Kim Il-sung ist auch so ein Spross des Terrors. Wie groß sein konkretes Verdienst an der Vertreibung der japanischen Kolonialmacht aus Korea wirklich war, ist bis heute unklar. Jedenfalls kam Kim mit sowjetischer Hilfe an die Macht. Und dann schrieb er die Geschichte so um, dass er immer größer wurde. Die Methoden der Machtsicherung hatten sich „bewährt“. Dabei ist es in Nordkorea bis heute geblieben.

          Der Feind sitzt immer im Ausland

          Mittel- und Osteuropa haben auch ihre einschlägigen Erfahrungen machen müssen. Nach 1945 fanden sich viele Länder der Region in der sowjetischen Einflusssphäre wieder. In den meisten Ländern waren die neuen Führungen aus der Perspektive Stalins sehr heterogen, das heißt, es gab reichlich „verdächtige Elemente“. Funktionäre, die sich vor Hitler in westliche Länder geflüchtet hatten, waren ebenso suspekt wie ehemalige Sozialdemokraten, die sich in den Dienst der neuen Regime stellten. Das Ergebnis waren auch in diesen Ländern umfangreiche „Säuberungen“. Bei der Suche nach „geeigneten“ Angeklagten wird es aus westlicher Sicht schnell wieder grotesk. Einer derjenigen, die sich plötzlich vor Gericht wiederfanden, war Rudolf Slansky von der tschechoslowakischen Partei. Slansky war ein eifriger Stalinist gewesen und gegen „Feinde“ keineswegs zimperlich. Als er aber verhaftet wurde, spielte er als treuer Parteisoldat seine Rolle bis zum tödlichen Ende. Ähnlich erging es zum Beispiel in Ungarn Laszlo Rajk.

          Zur Begründung für die vielen Prozesse musste natürlich ein ausländischer Feind gefunden werden. In der Zwischenkriegszeit war dies Großbritannien gewesen, nun waren es die Vereinigten Staaten. Stellvertretend für Amerika erfanden die kommunistischen Geheimpolizeien einen „Superspion“, den amerikanischen Kommunisten Noel Field. Der hatte für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet und sich während des Krieges um Flüchtlinge (auch Kommunisten) im westliche Ausland gekümmert. Im Jahre 1949 wurde er verhaftet und bis 1955 festgehalten. Nach außen wurde er als „Kopf“ einer großen amerikanischen Spionageorganisation vorgeführt, der alle möglichen bösen Dinge angelastet wurden. Noel Fields vermeintliche Agenten überlebten im Gegensatz zu ihrem angeblichen Chef ihre Haft nicht.

          Viele der Opfer waren Juden. Das gilt auch für die letzte „Verschwörung“, die Stalin im Jahre 1952 noch „aufdecken“ ließ. Die Leidtragenden in diesem Falle waren Kremlärzte, die nur der Tod des Diktators rettete. Das System Stalin überlebte in seinen Grundzügen bis 1991. Die Methoden verfeinerten sich aber. Funktionäre mussten aufhorchen, wenn ihre Führung einen „Austausch der Parteidokumente“ ankündigte. Dann wurden die Reihen gelichtet, wenn auch nur noch administrativ.

          So vergleichsweise subtil geht es in Nordkorea bis heute nicht zu. Die vor Kameras inszenierte Festnahme Jang Song-taeks, die folgenden öffentlichen Beschimpfungen und die schnelle Hinrichtung wirken für die arglose westliche Öffentlichkeit wie aus der Zeit gefallen. Diese Methoden stehen aber in der unmittelbaren Tradition der Gründungsväter dessen, was einmal Weltkommunismus hieß. Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht. Aber sie setzt sich fort – immer noch.

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