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Hinrichtung in Nordkorea : Kims Werk, Lenins Beitrag

Öffentliche Demütigung im Gerichtssaal: Jang Song-thaek vor seiner Hinrichtung Bild: REUTERS

Von einem Augenblick zum anderen wird ein Mächtiger zum Verbrecher. Der Sturz von Nordkoreas Nummer Zwei wird groß inszeniert. Hinter den bizarr anmutenden Szenen steckt ein über 90 Jahre altes Prinzip.

          Historiker lernen, Geschichte wiederhole sich nicht. Aber die Bilder und Nachrichten der vergangenen Tage aus Nordkorea erinnern so sehr an die Zeit Stalins, dass man Zweifel an der These haben kann.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Natürlich weisen die politischen Systeme der Sowjetunion und ihrer ehemaligen Satellitenstaaten in Mittel- und Osteuropa im Vergleich zu Nordkorea Unterschiede auf. Den Versuch, die Macht über mehrere Generationen in der Hand einer Familie zu konzentrieren, hat allenfalls in Ansätzen der rumänische Führer Ceausescu unternommen. Aber ein entscheidendes Element ist allen in Rede stehenden Systemen gemeinsam. Ihre Ursprünge liegen in politischem Untergrundkampf. Und ein konspiratives Leben erzeugt ganz eigene Regeln und Verhaltensweisen.

          Kims Kaderkonzept fußt auf Lenin

          Zwar war die Unterdrückung im russischen Zarenreich im Vergleich zu vielem, was danach kam, relativ milde. Aber Wladimir Lenin, der in der revolutionären Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg rasch Karriere machte, kam für sich zu dem Ergebnis, eine revolutionäre Partei müsse nach dem Kaderprinzip aufgebaut sein. Sein Konzept war elitär und auf dem Prinzip der Abschottung gegründet. Diese Abschottung sollte aber nicht nur – was verständlich gewesen wäre – gegenüber den staatlichen Strukturen gelten, sondern auch potentiellen Bundesgenossen. Entsprechend wurde auch das Innenleben der Partei organisiert. Das Prinzip von Befehl und Gehorsam von oben nach unten wurde später mit dem verharmlosenden Begriff „Demokratischer Zentralismus“ umschrieben. Theorie und Praxis klafften aber schon in der Frühzeit der Lenin’schen Partei auseinander. Zum Beispiel waren durchaus nicht alle seine Genossen für den Versuch, im November 1917 den Umsturz zu wagen. Und auch nach der Machtübernahme durch die Bolschewiki ließen sich nicht alle Größen der Partei den Mund verbieten, was für Intellektuelle kein Wunder ist, den Vorgaben Lenins aber zuwider lief.

          Dieser setzte aber sein Kaderkonzept durch, indem er 1921 von einem Parteitag festschreiben ließ, künftig seien „Fraktionsbildungen“ aller Art innerhalb der Partei strikt verboten. Dieser Begriff zieht sich seitdem durch die Geschichte der Bewegung als eine der am schwersten wiegenden Sünden eines guten Kommunisten. Auch in Nordkorea wurde in dieser Woche dem gestürzten Jang Song-taek unter anderem „Fraktionstätigkeit“ vorgeworfen.

          Die eigenen Reihen „sauber“ halten

          Unmittelbare Auswirkungen auf den politischen Alltag hatte das Verbot innerhalb der Kommunistischen Internationale (KI), jenem Zusammenschluss Kommunistischer Parteien aus aller Welt, der 1919 in Moskau gegründet worden war und im Laufe der Zeit in immer stärkere Abhängigkeit von der sowjetischen Partei geriet. Die Parteien in vielen Ländern, in aller Regel ohnehin ziemlich klein, waren über Jahre hinweg hauptsächlich damit beschäftigt, die eigenen Reihen „sauber“ zu halten. Die Werbung für das Programm der „Kommunistischen Weltpartei“, wie die KI auch gerne genannt wurde, trat oft dahinter zurück. Dieses zuweilen selbstzerstörerische Ausmaße annehmende Treiben wurde nur in der Sowjetunion staatspolitisch relevant, weil die Kommunisten nur dort regierten. Hier führten die persönliche Disposition der Führer in Kombination mit ideologischen „Gesetzmäßigkeiten“ und dem Parteistatut zu einer zunehmend irrationalen Atmosphäre.

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