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Hinrichtung in Nordkorea : Kims Werk, Lenins Beitrag

Zwar war Lenin pragmatisch genug, trotz seiner ideologischen Festlegung zum Beispiel eine partielle wirtschaftliche Öffnung des Landes zuzulassen. Diese „Neue Ökonomische Politik“ zeitigte auch einige Erfolge. Aber man darf annehmen, dass Lenin diese pragmatische Phase nach Erreichen der wichtigsten Ziele wieder beendet hätte. Dies zu tun, blieb dann seinem Nachfolger Josef Stalin überlassen. Seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist von vielen Anhängern des sowjetischen Systems gesagt worden, wenn nur Parteiführer wie Lenin (gestorben 1924) oder der schon 1919 gestorbene Jakow Swerdlow länger gelebt hätten, wäre es nicht zum Terror der Stalinzeit gekommen. Die Frage „was wäre gewesen wenn“, darf ein Historiker zwar nicht stellen. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht nicht für die These vom „guten“ Lenin und „bösen“ Stalin. Als Systemüberwinder sah sich Lenin nämlich ganz bestimmt nicht.

Erst wie gerügt, später dann gemordet

Die Brutalität der Durchsetzung des „Fraktionsverbots“ innerhalb der Partei steigerte sich. Anfangs gab es Rügen, später dann Parteiausschlüsse. Diese empfanden übrigens viele Betroffene schon als so etwas wie die Höchststrafe, weil sie sich innerlich der Partei und ihren im Untergrund geformten Regeln mit Leib und Seele verschrieben hatten. Viele von ihnen sollten schmerzhaft erleben, dass damit das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht war. Leo Trotzki, der sich Stalin überlegen wähnte, wurde aus der Sowjetunion ausgewiesen und 1940 in Mexiko ermordet. Andere wurden im Land verhaftet, in Schauprozessen vorgeführt und schließlich umgebracht. Ein erster Vorläufer des „Großen Terrors“ war der Prozess gegen die „Industriepartei“ im Jahre 1930. Hier waren Wirtschaftsfachleute, die sich während der „Neuen Ökonomischen Politik“ verdient gemacht hatten, wegen „Sabotage“ angeklagt. Wenige Jahre später traf es dann hohe und höchste Parteifunktionäre. Es ging schon längst nicht mehr um ideologische „Reinheit“, sondern nur noch um blinden Gehorsam.

An der Echtheit der Bilder der öffentlichen Festname von Jang Song-thaek bei einer Sitzung des Politbüros der Arbeiterpartei bestehen Zweifel Bilderstrecke

Zwischen 1936 und 1938 wurden mehrere Schauprozesse abgehalten. Andrej Wyschinski, Stalins Chefankläger, entwickelte damals die „Theorie“, die höchste Form des Beweises in einem Strafprozess sei das Geständnis des Angeklagten. Die bekam Wyschinski reichlich, wofür schon die „Fachleute“ der Geheimpolizei bei der Vorbereitung der Prozesse gesorgt hatten. Die meisten Angeklagten spielten ohne Widerspruch die ihnen zugedachten Rollen. Schriftliche Zeugnisse legen nahe, dass zumindest einige von ihnen ernsthaft glaubten, sie hätten sich wirklich schuldig gemacht. Fast schon skurril mutet an, dass es Angeklagte gab, die sich hilfesuchend an Stalin wandten, weil sie davon überzeugt waren, dieser könne das alles unmöglich gutgeheißen haben.

Lenins willige, asiatische Schüler

Die Memoirenliteratur liefert beklemmend eindrucksvolle Schilderungen über Sitzungen verschiedenster Gremien in dieser Zeit. „Volksfeinde“ mussten bei solchen Gelegenheiten öffentlich verdammt werden. Jeder Redner musste aber damit rechnen, dass er mangelnder Wachsamkeit geziehen wurde. Immerhin hatte ja so gut wie jeder neu entdeckte „Volksfeind“ längere Zeit im Apparat gewirkt. Dieser immense Druck führte zu heute grotesk anmutenden Ritualen. Das nannte man „Kritik und Selbstkritik“, in anderen Worten totale öffentliche Selbstdemütigung. Auf diese Weise konnte man – mit Glück – das eigene physische Überleben sichern. Persönliche Beziehungen reduzierten sich auf ein Minimum. Die Gefahr, plötzlich nur noch „falsche“ Menschen zu kennen, war einfach zu groß. Andererseits forderte die Partei aber von jedem lautstarkes Engagement für ihre Ziele und grenzenlose Liebe zum Führer. Man braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, was das aus Menschen macht. Besagter Führer, Stalin, hatte Ende der dreißiger Jahre zwar einerseits erreicht, dass es nirgendwo mehr Widerspruch gab. Andererseits wollte und konnte er aber nicht glauben, dass es wirklich so sei. Die daraus resultierende Lähmung wirkte sich auf die ganze Sowjetunion aus.

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