https://www.faz.net/-gq5-79uqr

Heroin aus Afghanistan : Tödliche Ware vom Hindukusch

  • -Aktualisiert am

Einfallstor: An der tadschikisch-afghanischen Grenze standen 2004 noch russische Grenzschützer - sie sollen wiederkommen Bild: Polaris/laif

Nach dem Nato-Abzug aus Afghanistan fürchtet Russland, mit Heroin überschwemmt zu werden. Das Land sucht nun nach Verbündeten im Drogenkrieg.

          6 Min.

          Russland sieht eine Drogenwelle apokalyptischen Ausmaßes aus Afghanistan auf sich zurollen, wenn Amerikaner und Nato-Staaten die Mehrheit ihrer Kampftruppen bis Ende 2014 vom Hindukusch abgezogen haben und es bis dahin nicht gelingt, das Land zu stabilisieren und wirtschaftlich voranzubringen. Eine Datensammlung der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti, die auf zwei Jahre alten Angaben von UN-Behörden und der russischen Drogenkontrollbehörde FSKN basiert, zeigt, wie katastrophal die Lage bereits heute ist.

          Zwischen zwei und zweieinhalb Millionen Russen sind drogenabhängig, 90 Prozent dieser Abhängigen konsumieren Heroin aus Afghanistan. Dort werden 95 Prozent des weltweit konsumierten Heroins produziert. Wie viel Tonnen des Rauschgifts Russland auf der sogenannten Nordroute durch das postsowjetische Zentralasien jährlich erreichen, ist zwar umstritten. Die Angaben schwanken zwischen 10 und 75 Tonnen. Sicher ist, dass in Russland jedes Jahr 30.000 Süchtige an den Folgen des Konsums der gefährlichen Ware vom Hindukusch sterben.

          In einer Studie der New Yorker Forschungseinrichtung „East-West-Institute“ hieß es jüngst, dass zwischen 2009 und 2010 etwa 90 Tonnen hochkonzentrierten Heroins, das entspräche einem Viertel der geschätzten afghanischen Produktion, nach Zentralasien geschleust worden seien. Drei Viertel dieser Menge sollen den russischen Drogenmarkt erreicht haben. Ein geringer Teil sei möglicherweise von Russland aus weiter nach Europa geschmuggelt worden, heißt es in der Studie.

          Tausende Tonnen Rohopium

          Dies wird von der russischen Drogenbehörde jedoch bestritten. Diese hat zugleich vorgerechnet, dass die afghanische Heroinproduktion seit dem Beginn der amerikanischen Militärintervention von 2001 um das Dreißig- bis Vierzigfache gestiegen sei und dass die Anbauflächen von Schlafmohn im vergangenen Jahr noch einmal um 20 Prozent vergrößert worden seien. Im laufenden Jahr sei mit einer Rekordernte von zwischen 7.000 und 8.000 Tonnen Rohopium zu rechnen, die zu maximal 800 Tonnen Heroin in höchster Konzentration verarbeitet werden könnte.

          Das würde mit den eingelagerten Reserven von schätzungsweise 60.000 Tonnen auf Jahre hinaus ausreichen, den russischen Markt über Zentralasien zu beliefern und über die Balkanroute Heroin auch nach Westeuropa zu bringen. Wiktor Iwanow, der Leiter des FSKN, würde es deshalb am liebsten sehen, wenn die Truppen der Vereinigten Staaten und Nato-Truppen in Afghanistan sämtliche „Heroin-Lager“ des Landes ausfindig machen und vernichten würden, ähnlich dem Drogenkrieg Washingtons in Lateinamerika.

          Diese russischen Hoffnungen werden wohl kaum erfüllt, da es keinen entsprechenden Kampfauftrag an die Militärs gibt. Westliche Soldaten erhalten offenbar teilweise sogar die Anweisung, Mohnfelder nicht anzutasten, um die Unterstützung von deren Besitzern im Kampf gegen die Taliban nicht zu verlieren. Russlands oberster Drogenfahnder Iwanow beklagt, dass der Drogenexport in den beiden weltweit größten Produktionszentren Lateinamerika (Kokain) und Afghanistan (Heroin) ganze Staaten destabilisierte und Bevölkerungen in die Abhängigkeit gerieten.

          „Schlimmer als Al Qaida“

          Internationale Drogenkartelle arbeiteten über Ländergrenzen hinweg, sie würden weder Vaterland noch Religion kennen. Das Volumen der illegalen Drogengeschäfte in aller Welt liege inzwischen bei 500 bis 800 Milliarden Dollar im Jahr, so Iwanow, und sei vergleichbar mit dem Umfang der globalen Gas- oder Ölmarkte. Das Drogengeschäft sei „schlimmer als Al Qaida“, das islamistische Terrornetzwerk, sagte Iwanow dieser Tage auf der 30. Internationalen Drogenkontrollkonferenz in Moskau.

          Auch der russische Präsident Wladimir Putin sprach von möglicherweise tragischen Folgen des Truppenrückzugs aus Afghanistan und forderte die Zusammenarbeit von Nato und CSTO – der von Russland geführten Organisation des Vertrags für kollektive Sicherheit, der Kirgistan, Tadschikistan, Kasachstan, Weißrussland und Armenien angehören – bei der Bekämpfung der Drogengefahr. Ein solches Bündnis könne die Antwort auf reale Bedrohungen sein.  Die Nato hat es indes immer abgelehnt, die lockere Vereinigung CSTO durch Aufnahme formeller Beziehungen „von Bündnis zu Bündnis“ aufzuwerten.

          Man fürchtete, Moskaus hegemoniale Führungsrolle im postsowjetischen Raum dadurch anzuerkennen, und bevorzugte deshalb die bilaterale Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten. FSKN-Leiter Iwanow war schon vor der Konferenz mit seinem Vorstoß gescheitert, das Drogenland Afghanistan durch die UN als globales Sicherheitsrisiko einstufen zu lassen. Eine solche Einstufung hätte es der Staatengemeinschaft möglich gemacht, geeignete Schritte zur Abwehr der von dort drohenden Drogengefahr zu ergreifen. So lange große Lösungen auf sich warten lassen, versucht Russland wenigstens kleinere Hebel zum eigenen Schutz in Bewegung zu setzen.

          Hunderte Drogenküchen

          Die Zusammenarbeit mit den Vereinigsten Staaten scheint auf dieser Ebene durchaus zu funktionieren. Etwa 90 Ermittler der amerikanischen Drogenkontrollbehörde Dea und eine unbekannte Zahl von Agenten des FSKN versuchen seit mehreren Jahren, in Afghanistan Drogenkartelle auszuspähen. Die Erkenntnisse werden der afghanischen Seite übermittelt, so dass die Drogenpolizei Afghanistans in bewaffneten Aktionen, bei deren Vorbereitung Dea und FSKN behilflich sind, Drogenküchen ausheben und Heroin-Lager zerstören kann.

          In den vergangenen Jahren hat es fast ein Dutzend Aktionen gegeben, bei denen Amerikaner und Russen im Hintergrund mitwirkten. Erst dieser Tage gelang es so, sieben Drogenlabors im afghanischen Grenzgebiet Badachschan zu zerstören. Dabei, so Iwanow, seien auch wertvolle Erkenntnisse über die Lage weiterer Labors, Schmuggelrouten und Drogenkuriere gewonnen worden.

          Aber die Zahl der afghanischen Drogenküchen geht in die Hunderte, und was Badachschan angeht, war früher schon bekannt, dass die Ware vom afghanischen in den tadschikischen Teil dieses Gebirgsmassivs, nach Gornyj Badachschan (Berg Badachschan), gebracht wird. In Tadschikistan werden große Mengen von Heroin dann in geheimen Lagern aufbewahrt und später durch Drogenkuriere („Kamele“) oder als Konterbande in Flugzeugen, Eisenbahnzügen, Lastwagen oder Personenautos nach Russland weitertransportiert. Je dichter die Verkehrsinfrastruktur in Zentralasien wird, desto vielfältigere Möglichkeiten ergeben sich für den Drogenschmuggel.

          Politik partizipiert am Drogenhandel

          Bisweilen gelingen dem FSKN und dessen Spezialeinheit Grom Erfolge, wenn sie in Russland große Mengen geschmuggelten Heroins beschlagnahmen oder Verbrecher aus einem der Drogenkartelle verhaften. Aber bislang ist der Plan fehlgeschlagen, um Afghanistan herum einen eisernen Ring zu legen, mit dem der Drogenschmuggel wenigstens entscheidend eingedämmt würde. Solange Regierungen in den Drogentransitländern Zentralasiens von Rauschgiftkartellen unterwandert sind – oder gar von sich aus die Beteiligung am Drogengeschäft anstreben –, wird sich kaum etwas ändern.

          Der vor drei Jahren gestürzte Präsident von Kirgistan, Kurmanbek Bakijew, hatte aller Welt vorgeführt, wie die Politik am illegalen Drogenhandel partizipiert. Um seinen Getreuen die Kontrolle über den Drogenumschlagplatz und die Transitrouten im Süden des Landes zu ermöglichen, ließ er die staatliche Drogenbehörde kurzerhand einfach auflösen. Ein hochgestellter Drogenpolizist aus Bischkek sorgte auf der Moskauer Drogenkonferenz aber allenfalls für betretenes Schweigen im Saal, als er daran erinnerte und darauf hinwies, dass Bakijew noch immer als Dauergast von Russlands engstem Verbündeten, dem weißrussischen Diktator Aleksandr Lukaschenka, unbehelligt sein Drogengeld genieße.

          In Tadschikistan wiederum werden vermutlich bis zu 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes durch Drogengeschäfte erwirtschaftet. Als sich im vergangenen Jahr Regierungstruppen mit den Gefolgschaften ehemaliger Feldkommandeure aus der Bürgerkriegszeit in Gornyj Badachschan Gefechte lieferten, waren sich Kenner der tadschikischen Drogenszene einig, dass es dabei nicht etwa um die Eindämmung des Heroinschmuggels aus Afghanistan über den Grenzfluss Pjansch ging, sondern eher um Verteilungskämpfe im illegalen Drogenhandel in diesem Gebiet.

          Nach Einschätzung internationaler Beobachter wird daran auch auf höchster politischer Ebene in Duschanbe kräftig mitverdient. Die Durchlässigkeit der Grenze zu Afghanistan hat die Russen dazu veranlasst, in Duschanbe vorzuschlagen, das tadschikisch-afghanische Grenzland wie vor 2005 wieder von russischen Soldaten bewachen zu lassen. Dies scheint vorläufig der einzige Weg für mehr Sicherheit vor dem Drogenfluss, weil die bereits früher nur schwach bewachte Südgrenze Russlands zu Kasachstan praktisch nicht mehr existiert, seit sich Russland mit Weißrussland und Kasachstan zur Zollunion zusammengeschlossen hat.

          Die Grenze ist damit gewissermaßen nach Zentralasien vorverlegt worden und das Grenzregime an die Kasachen übergegangen, denen man aber nicht zutraut, das Einfallstor für afghanisches Heroin zu schließen. Die tadschikische Staatsführung zögert bisher, russische Soldaten auf eigenes Terrain zu holen. Sie fürchtet den Verlust von Souveränität, möglicherweise fürchten Eliten auch um ihr lukratives Drogengeschäft. Russland gerät durch derartige Vorschläge wiederum in den Verdacht, das Drogenproblem als Vorwand zur Wiederherstellung des Imperiums nutzen zu wollen.

          Im FSKN denkt man indessen nicht nur an Drogenproduktion und Handelswege. Auch die dringend notwendige Verbesserung der Rehabilitationsmöglichkeiten für Drogensüchtige in Russland ist ein Thema. Auch die Idee eines Präventionsprogramms für die Transitländer wird in Moskau diskutiert. Ein Entwicklungsfonds mit russischem Geld könnte dazu beitragen, dass Tadschiken, Usbeken oder Kirgisen nicht mehr als „Kamele“ Drogen nach Moskau schmuggeln, sondern irgendwann in ihrer Heimat einer normalen Arbeit nachgehen können. Aber die neuen Ansätze kommen spät, während eine andere Gefahr, die von den synthetischen Designerdrogen ausgeht, in rasendem Tempo zunimmt.

          Weitere Themen

          Die kalte Wut des Nicolas Sarkozy

          Korruptionsverfahren : Die kalte Wut des Nicolas Sarkozy

          Der frühere französische Präsident Sarkozy muss sich vor Gericht wegen Korruptionsverdachts verantworten. Er tritt selbstbewusst auf – und der wichtigste Zeuge erscheint am ersten Verhandlungstag nicht.

          Er versuchte Wunden zu heilen

          Harald Ringstorff gestorben : Er versuchte Wunden zu heilen

          Als Ministerpräsident führte er Mecklenburg-Vorpommern nach der Einheit durch schwierige Jahre - und schaffte der SPD eine strategische Schlüsselposition. Zum Tod von Harald Ringstorff.

          Topmeldungen

          Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy am 23. November auf dem Weg in den Gerichtssaal

          Korruptionsverfahren : Die kalte Wut des Nicolas Sarkozy

          Der frühere französische Präsident Sarkozy muss sich vor Gericht wegen Korruptionsverdachts verantworten. Er tritt selbstbewusst auf – und der wichtigste Zeuge erscheint am ersten Verhandlungstag nicht.

          Aufregung beim FC Barcelona : „Messis Verhalten war jämmerlich“

          Als wäre die sportliche Krise nicht genug. Beim FC Barcelona gibt es mal wieder mächtig Stunk. Im Mittelpunkt stehen diesmal Lionel Messi, ein nachtretender Berater und Steuerfahnder. Und das ist noch nicht alles.
          Schüler stecken sich vornehmlich außerhalb der Schule mit Corona an

          Corona in Schulen : Ansteckungen abseits des Pausenhofs

          Befürworter von Schulschließungen argumentieren mit einer hohen Dunkelziffer von Corona-Infektionen – doch die gibt es gar nicht, wie jüngste Zahlen zeigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.