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Proteste in Indonesien : Die alten Ressentiments kehren zurück

Die „Flammen des Dschihad“? In Jakarta ist es am Freitag zu gewalttätigen Demonstrationen gekommen. Bild: AP

In Jakarta demonstrieren Tausende Islamisten gegen den Gouverneur – weil er Chinese ist und Christ. Sie werfen dem Politiker Blasphemie vor. Daran ist auch die Regierung schuld.

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          Im Herzen Jakartas, wo sonst der Verkehr stockt und Menschen verschiedener Ethnien, Religionen und sozialer Herkunft durch die Einkaufszentren bummeln, waren nach dem muslimischen Freitagsgebet Tausende weiß gekleidete Männer mit weißen Kappen unterwegs. Ein großer Teil von ihnen gehört zur „Islamischen Verteidigungsfront“ (FPI). Diese islamistische Gruppierung ist dafür bekannt, dass sie ihre Moralvorstellungen auch mit rabiaten Mitteln durchzusetzen versucht. Ihre Schlägertrupps nehmen sich besonders im Fastenmonat Ramadan immer wieder Spielhöllen, Sexshops und Lokale mit Alkoholausschank vor.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Mit ihren Massendemonstrationen hatte die Gruppe auch schon einmal ein in Jakarta geplantes Konzert von Lady Gaga verhindert. Die Islamverteidiger hatten der amerikanischen Pop-Sängerin „Pornographie“ vorgeworfen. Doch diesmal richtete sich ihr Protest gegen einen Einheimischen: den Gouverneur der Metropole, Basuki Tjahaja Purnama. Der 50 Jahre alte Politiker, der meist mit seinem Spitznamen „Ahok“ angesprochen wird, unterscheidet sich von den meisten anderen ranghohen Politikern Indonesiens, dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt: Er ist ethnischer Chinese und dazu auch noch Christ.

          Für die Islamisten sind Herkunft und Religionszugehörigkeit Grund genug, dem Gouverneur zu misstrauen. Sie hängen den immer noch verbreiteten Ressentiments gegen die nicht einmal zwei Prozent ethnischen Chinesen in Indonesien an. Demnach sind die Chinesen reicher als die übrige Bevölkerung und dominieren Teile der Wirtschaft. In der Vergangenheit ist es in Indonesien daher wiederholt zu Gewalt gegenüber Chinesen gekommen, etwa im Jahr 1965, als Jagd auf „Kommunisten“ gemacht wurde. In der Öffentlichkeit wie in der Politik hielten sich Chinesen deshalb traditionell sehr zurück. Bis „Ahok“ die Bühne betrat.

          Demokratisierung mit Rückschlägen

          Zuletzt starben im Jahr 1998 bei anti-chinesischen Unruhen Hunderte Menschen. Die damaligen Demonstrationen endeten im Rücktritt des Diktators Suharto. Seither ist das Land einen bemerkenswerten Weg der Demokratisierung gegangen, der auch immer wieder als beispielhaft für andere muslimische Länder dargestellt wird.

          Rückschläge gibt es trotzdem. So wendeten sich manche Bevölkerungsteile in den vergangenen Jahren einem orthodoxeren Islam zu. Das tolerante und liberale Indonesien hat vor einigen Jahren auch ein strenges Anti-Pornografie-Gesetz erlassen. Seit einiger Zeit versuchen die Islamisten auch, ein landesweites Alkoholverbot durchzusetzen.

          An der Spitze solcher Bemühungen stehen Gruppierungen wie die FPI. Den Anlass für ihre Demonstration lieferte diesmal eine Äußerung, die Gouverneur Purnama von den Islamisten als „Blasphemie“ ausgelegt worden war. Der Gouverneur hatte sich dagegen gewehrt, dass die Islamisten eine Passage im Koran so ausgelegt hatten, dass es Muslimen verboten sei, bei Wahlen für einen Nichtmuslimen zu stimmen. „Wenn ihr Angst habt, für mich zu stimmen, weil Ihr dann in die Hölle kommt: Macht Euch keine Sorgen, Ihr wurdet angelogen“, sagte der Gouverneur. Dies wurde von den Hardlinern als Kritik an der Textstelle selbst interpretiert. Die Islamisten riefen zur Verhaftung und sogar zur Ermordung des Gouverneurs auf.

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