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Georgien : Warten auf alles und auf nichts

Schlingerkurs gen Westen: Georgische Armeehubschrauber bei der Parade zum Tag der Unabhängigkeit am 26. Mai in Tiflis. Bild: AFP

Eigentlich strebt Georgien nach Westen. Aber weil die EU nichts Rechtes anzubieten hat, wenden sich manche wieder Moskau zu.

          Moskaus Machtbasis in Georgien beginnt zwischen grünen Wiesen. Pappeln rascheln, Disteln blühen, ein Schwein, die Borsten grau von Schlamm, kreuzt den Feldweg. Er endet an einer Rolle aus Stacheldraht, einen Meter hoch. „Achtung! Staatsgrenze! Durchfahrt verboten!“ steht dahinter auf einem Schild. Auf Englisch und Georgisch. Nicht auf Russisch, obwohl dort der russische Grenzschutz patrouillieren soll. Er soll auch den Zaun gezogen haben. Wenige Meter dahinter ein Unterstand aus Wellblech, für Posten. Doch jetzt ist niemand zu sehen. Auf beiden Seiten des Zauns biegen sich Grashalme im Wind, die Sonne scheint. In der Ferne die Gipfel des Großen Kaukasus. Ruhe.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ein Idyll im eingefrorenen Konflikt um Südossetien und Abchasien. Russland kontrolliert die beiden von Georgien abtrünnigen Gebiete mit Geld und Tausenden Soldaten. Churwaleti heißt das Dorf, das an dem Zaun unmittelbar an der Demarkationslinie liegt. Das Gebiet dahinter bezeichnet sich als Südossetien und als Staat. Im Einklang nur mit Venezuela, Nicaragua, Nauru und Russland.

          Die georgischen Sicherheitskräfte an der Demarkationslinie, lässige Männer mit Sonnenbrillen auf der Nase und Sturmgewehren vor der Brust, sprechen von „besetztem Gebiet“. Russland, das sie als Besatzungsmacht wahrnehmen, kennen die Männer nur von Urlaubsreisen oder weil ihre Verwandten in Moskau arbeiten. Das Dorf, das sie bewachen, liegt zwei Kilometer nördlich der Autobahn, die quer durch Georgien führt. Schilder weisen von dort in die Ferne. Richtung Osten nach Teheran, Richtung Westen nach Istanbul und nach Suchumi, der Hauptstadt Abchasiens. Für die Georgier ist der nahe Schwarzmeerkurort Suchumi, anders als die beiden jeweils weit mehr als 1000 Kilometer entfernten Metropolen, faktisch unerreichbar. Eine Lösung für die Territorialkonflikte ist nicht in Sicht. Georgien müht sich weiter, EU und Nato näherzukommen, was Russland mit Drohungen begleitet. Und mit Vorstößen, die beiden Gebiete weiter ins Herrschaftsgebiet zu „integrieren“, etwa über weitgehende Partnerschaftsabkommen. Georgien reagiert mit Kritik – ist aber hilflos.

          „Die Politik spielt ihr Spiel“

          EU oder Russland, Krieg und Frieden: Die großen Fragen treffen in Churwaleti, einer Ansammlung von drei Dutzend Häusern an einer Sandpiste, auf die Mühen des Alltags. Ein Hausbesitzer, der längst in der Hauptstadt Tiflis lebt, klagt, seine Felder lägen jenseits des Zauns, für ihn unerreichbar. Am Wegesrand im Dorf steht einer, der geblieben ist. Ein Bauer im Polohemd, der mit Ende 50 kaum noch Zähne hat. Er beschwert sich darüber, dass die Leute hinter dem Zaun dem Dorf nach dem Krieg mit Russland vor bald sieben Jahren das Wasser abgestellt hätten. Seither könne er kaum noch Obst und Gemüse anbauen. Im kleinen Dorfladen sitzt ein etwas jüngerer Bauer, über dessen Bauch sich ein Karohemd spannt. Auch er klagt. Über Wasser, das ausbleibe, Gas, das entgegen von Versprechen aus Tiflis nicht komme, über die Holperpiste ins Dorf. EU? Russland? „Wasser, Gas und schlechte Straßen, das sind unsere Probleme. Um den Rest kümmern wir uns selbst“, sagt er.

          Wenige hundert Meter weiter, zwischen Dorf und Autobahn, hat Europa Spuren hinterlassen. Dort liegt eine Siedlung für Binnenflüchtlinge. Ein Schild weist darauf hin, dass sie aus EU-Mitteln bezahlt wurde. Einige Dutzend gleichförmiger Häuser im Karree zwischen Feldern, permanente Provisorien. Einige Männer warten am Wegesrand in der Sonne. Auf alles, auf nichts. Sie sagen, sie seien im Krieg aus Südossetien geflohen und wohnten seither hier. Verwandte seien drüben geblieben. Wo sehen sie sich? „Die Politik spielt ihr Spiel“, sagt einer.

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