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Genozid an Armeniern : Ein Platz im Gedächtnis der Welt

Ort des Geschehens: Das Völkermord-Mahnmal auf dem Berg Zizernakaberd in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Bild: Getty

Viele Armenier erhoffen sich hundert Jahre nach dem Völkermord mehr Aufmerksamkeit für das Schicksal ihres Volkes. Doch manche fürchten, dass die Erinnerung an die Vergangenheit zum Gefängnis wird.

          Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man nur schwer hierher. Entweder man steigt an einer der Haltestellen bei der „Dalma Garden Mall“ aus, dem größten Einkaufszentrum von Eriwan, auf dessen Parkplatz viele sehr teure Autos stehen; oder man nimmt eine der Buslinien zur „Karen-Demirtschan-Sport- und Konzerthalle“, wo internationale Rock- und Popstars auftreten, wenn sie einmal den Weg nach Armenien finden.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          So oder so: Es bleiben noch zehn Minuten Fußweg, bis man endlich oben an der Gedenkstätte für den Völkermord an den Armeniern auf dem Berg Zizernakaberd angelangt ist. Wird nicht gerade eine Jugendgruppe über das weitläufige Gelände geführt, dann ist es hier an normalen Tagen sehr ruhig.

          In dieser Ruhe arbeitet Haik Demojan seit Monaten wie ein Besessener: Er ist Leiter der Gedenkstätte und zugleich Sekretär der staatlichen Kommission, die die Gedenkfeiern zum Beginn des Völkermords im Osmanischen Reich vor hundert Jahren organisiert. Viele Kleinigkeiten sind zu regeln, bevor am 24. April führende Politiker aus ganz Europa – darunter die Präsidenten Polens und Frankreichs und, vielleicht, Russlands – sowie Tausende Armenier aus der über die ganze Welt verstreuten Diaspora nach Eriwan kommen.

          Es blieben nur leere Dörfer und Kirchen

          Und dann ist da ja noch das Genozid-Museum: Mit einer komplett neuen Ausstellung soll es am 24. April wiedereröffnet werden. Stunden verbringt Demojan damit, die Beschriftung der Exponate zu überprüfen: Zahlen, Daten, Ortsnamen.

          Der 24. April: An jenem Tag des Jahres 1915 wurden in Istanbul die 250 wichtigsten Führer der armenischen Gemeinschaft in der Stadt – Politiker, Geistliche, Intellektuelle, Geschäftsleute – verhaftet; die meisten von ihnen wurden wenig später ermordet; an jenem Tag wurden auch die ersten Befehle zur Deportation der Armenier aus ihren Siedlungsgebieten im Osten des Landes in die syrische Wüste erlassen. Begründet wurden diese Maßnahmen mit militärischer Notwendigkeit. Die Armenier waren die Sündenböcke für eine verheerende Niederlage, die die Armee des mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reichs im Winter 1914/15 an der Ostfront, dort wo auf beiden Seiten der Grenze Armenier lebten, gegen Russland erlitten hatte.

          Viele Armenier, vor allem Männer, wurden schon in unmittelbarer Nähe ihrer Heimatorte getötet, andere fielen auf den Todesmärschen der Gewalt der sie begleitenden Truppen, den Überfällen marodierender Banden, Hunger, Durst und Entkräftung zum Opfer. Ende 1915 blieben von der alten und reichen armenischen Kultur an den meisten Orten im Osten des Osmanischen Reiches nur leere Dörfer und Städte sowie Kirchen übrig. Armenische Historiker sprechen von 1,5 Millionen Toten. Nur etwa zehn Prozent der Armenier, die 1914 im Osmanischen Reich lebten, waren nach Schätzungen auch der neueren Forschung am Ende des Ersten Weltkriegs noch am Leben.

          „An den 24. April haben viele übersteigerte Erwartungen“, sagt Haik Demojan – er meint den Gedenktag in diesem Jahr. In Armenien gebe es die Illusion, der hundertste Jahrestag werde die Tragödie des armenischen Volkes endlich fest im Weltbewusstsein verankern, „und in der Türkei scheinen viele zu hoffen, dass sich die Armenier danach endlich beruhigen. Aber das wird nicht passieren.“ Es ist eines der zentralen Elemente der armenischen Außenpolitik, möglichst viele Länder dazu zu bringen, die Ereignisse des Jahres 1915 als Völkermord anzuerkennen.

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