https://www.faz.net/-gq5-829k1

Genozid an Armeniern : Ein Platz im Gedächtnis der Welt

Ort des Geschehens: Das Völkermord-Mahnmal auf dem Berg Zizernakaberd in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Bild: Getty

Viele Armenier erhoffen sich hundert Jahre nach dem Völkermord mehr Aufmerksamkeit für das Schicksal ihres Volkes. Doch manche fürchten, dass die Erinnerung an die Vergangenheit zum Gefängnis wird.

          Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man nur schwer hierher. Entweder man steigt an einer der Haltestellen bei der „Dalma Garden Mall“ aus, dem größten Einkaufszentrum von Eriwan, auf dessen Parkplatz viele sehr teure Autos stehen; oder man nimmt eine der Buslinien zur „Karen-Demirtschan-Sport- und Konzerthalle“, wo internationale Rock- und Popstars auftreten, wenn sie einmal den Weg nach Armenien finden.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          So oder so: Es bleiben noch zehn Minuten Fußweg, bis man endlich oben an der Gedenkstätte für den Völkermord an den Armeniern auf dem Berg Zizernakaberd angelangt ist. Wird nicht gerade eine Jugendgruppe über das weitläufige Gelände geführt, dann ist es hier an normalen Tagen sehr ruhig.

          In dieser Ruhe arbeitet Haik Demojan seit Monaten wie ein Besessener: Er ist Leiter der Gedenkstätte und zugleich Sekretär der staatlichen Kommission, die die Gedenkfeiern zum Beginn des Völkermords im Osmanischen Reich vor hundert Jahren organisiert. Viele Kleinigkeiten sind zu regeln, bevor am 24. April führende Politiker aus ganz Europa – darunter die Präsidenten Polens und Frankreichs und, vielleicht, Russlands – sowie Tausende Armenier aus der über die ganze Welt verstreuten Diaspora nach Eriwan kommen.

          Es blieben nur leere Dörfer und Kirchen

          Und dann ist da ja noch das Genozid-Museum: Mit einer komplett neuen Ausstellung soll es am 24. April wiedereröffnet werden. Stunden verbringt Demojan damit, die Beschriftung der Exponate zu überprüfen: Zahlen, Daten, Ortsnamen.

          Der 24. April: An jenem Tag des Jahres 1915 wurden in Istanbul die 250 wichtigsten Führer der armenischen Gemeinschaft in der Stadt – Politiker, Geistliche, Intellektuelle, Geschäftsleute – verhaftet; die meisten von ihnen wurden wenig später ermordet; an jenem Tag wurden auch die ersten Befehle zur Deportation der Armenier aus ihren Siedlungsgebieten im Osten des Landes in die syrische Wüste erlassen. Begründet wurden diese Maßnahmen mit militärischer Notwendigkeit. Die Armenier waren die Sündenböcke für eine verheerende Niederlage, die die Armee des mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reichs im Winter 1914/15 an der Ostfront, dort wo auf beiden Seiten der Grenze Armenier lebten, gegen Russland erlitten hatte.

          Viele Armenier, vor allem Männer, wurden schon in unmittelbarer Nähe ihrer Heimatorte getötet, andere fielen auf den Todesmärschen der Gewalt der sie begleitenden Truppen, den Überfällen marodierender Banden, Hunger, Durst und Entkräftung zum Opfer. Ende 1915 blieben von der alten und reichen armenischen Kultur an den meisten Orten im Osten des Osmanischen Reiches nur leere Dörfer und Städte sowie Kirchen übrig. Armenische Historiker sprechen von 1,5 Millionen Toten. Nur etwa zehn Prozent der Armenier, die 1914 im Osmanischen Reich lebten, waren nach Schätzungen auch der neueren Forschung am Ende des Ersten Weltkriegs noch am Leben.

          „An den 24. April haben viele übersteigerte Erwartungen“, sagt Haik Demojan – er meint den Gedenktag in diesem Jahr. In Armenien gebe es die Illusion, der hundertste Jahrestag werde die Tragödie des armenischen Volkes endlich fest im Weltbewusstsein verankern, „und in der Türkei scheinen viele zu hoffen, dass sich die Armenier danach endlich beruhigen. Aber das wird nicht passieren.“ Es ist eines der zentralen Elemente der armenischen Außenpolitik, möglichst viele Länder dazu zu bringen, die Ereignisse des Jahres 1915 als Völkermord anzuerkennen.

          Weitere Themen

          „Es sollte um die Sache gehen“ Video-Seite öffnen

          Rackete in Italien : „Es sollte um die Sache gehen“

          Sie habe den italienischen Behörden alle Details zu der Rettungsaktion genannt, die die Sea-Watch 3 am 12. Juni durchgeführt habe, sagte die Kapitänin Carola Rackete nach der Befragung durch die italienischen Beamten.

          Rackete appelliert an die EU

          Aufnahme von Migranten : Rackete appelliert an die EU

          Nach ihrer Vernehmung in Agrigent fordert die Sea-Watch-Kapitänin eine rasche Lösung bei der Verteilung von Migranten. Der Bundesinnenminister wirbt unterdessen für einen „kontrollierten Notfallmechanismus“. Doch eine Einigung scheint fern.

          Topmeldungen

          Müssen sich auf Reformen einigen: Luigi Di Maio und Matteo Salvini im Februar in Rom

          Italiens Regierung : Salvini droht mit vorgezogenen Wahlen – mal wieder

          Italiens Innenminister steht wegen der Affäre um mögliche Parteispenden aus Russland unter Druck – und bedrängt nun seinen Koalitionspartner. Es sei noch genügend Zeit, das Parlament aufzulösen und nach der Sommerpause neu zu wählen.

          Bayern München : Die klare Botschaft des Manuel Neuer

          Dortmund hat kräftig aufgerüstet. Die Bayern indes kommen auf dem Transfermarkt nicht so richtig voran. Torwart Manuel Neuer sieht das gelassen – und verrät, welches besondere Ziel die Münchner antreibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.