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Steinmeier in Zentralasien : Im Schatten des großen Spiels

  • -Aktualisiert am

Frank-Walter Steinmeier und Sirodschin Aslow, Außenminister von Tadschikistan, in Duschanbe. Der deutsche Außenminister besucht zusammen mit einer Wirtschafts- und Kulturdelegation Zentralasien. Bild: dpa

Nach zehn Jahren hat der Außenminister wieder Zentralasien besucht. Die Ansprüche Europas sind kleiner geworden, die Probleme der Region nicht – und das liegt an China und Russland.

          Das Mausoleum von Amir Timur alias Tamerlan hat schon mehrere deutsche Außenminister angezogen. Frank-Walter Steinmeier bewegt sich an diesem regnerischen Donnerstagmorgen in Samarkand auf den Spuren Joschka Fischers. Vor fünfzehn Jahren war dieser in einer Mischung aus spätjugendlicher Abenteuerlust und strategischer Ambition nach Zentralasien aufgebrochen, um Europa ins neue „great game“, in die Wiederauflage des Spiels der Großmächte um Einflusszonen, zu bringen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Zehn Jahre ist es her, dass Steinmeier zu Beginn seiner ersten Amtszeit selbst in die Region reiste und seine Zentralasien-Strategie verkündete, den Versuch, durch wirtschaftliche Verflechtung zu einer politischen Liberalisierung der Region beizutragen. Nun ist er zurückgekehrt in die „Perle des Ostens“, wie sich die usbekische Stadt nennt, und bestaunt die grasbewachsene Kuppel des Fürstengrabes. Immer wieder sagt Steinmeier auf seiner Reise, zehn Jahre seien vergangen, in denen sich die Welt verändert habe. Was er nicht sagt: Aus der Zentralasien-Strategie ist nichts geworden.

          Die Region, eingekeilt zwischen Russland und China, beide mit großen Begehrlichkeiten, ist Europa kaum nähergekommen, weder politisch noch wirtschaftlich. Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan – drei Länder in drei Tagen, eine typische Steinmeier-Reise in Zeiten, in denen die Schwerpunkte deutscher Außenpolitik anderswo liegen und es vor allem der deutsche Vorsitz in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ist, der ihn hierherführt und für kurze Zeit einmal nicht Syrien und die Flüchtlingskrise im Vordergrund stehen lässt.

          Taschkent, Bischkek und Duschanbe fürchten den IS-Terror

          Steinmeier sagt, die Region sei so überaus sensibel, weil hier die Interessen großer Regionalmächte aufeinanderstießen. Es gebe riesige Chancen auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber auch erhebliche Stabilitätsrisiken. An ein Wiederanknüpfen an seine Zentralasien-Strategie denkt er vorerst nicht, auch wenn die Mächtigen in der Region Berlin als Türöffner nach Europa betrachten. Steinmeier belässt es dabei, Zentralasien eine strategische Bedeutung zuzuschreiben – politisch, wirtschaftlich und „vor allem auch sicherheitspolitisch“.

          Was er damit meint, führt er auf dem Registan, dem Platz der drei prachtvollen islamischen Lehranstalten im Herzen Samarkands, aus. In der Sher-Dor-Madrasa trifft er sich mit geistlichen Würdenträgern und sagt, leider seien die Zeiten nicht so schön wie die Architektur, womit er deutlich macht, dass die Kriege in Syrien und dem Irak auch hierher ausstrahlen: Religion sei im Augenblick eher das Trennende als das Gemeinsame. In Usbekistan wurden ebenso wie in Tadschikistan lange Zeit die Gefahren, die von der Propaganda der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ausgehen, geleugnet. Inzwischen gehen beide Staaten damit genauso offensiv um, wie Kirgistan es von Beginn an getan hat.

          Die Staaten Zentralasiens betrifft das Treiben der Terrororganisation ähnlich wie die russische Kaukasus-Region. Die Mächtigen in Taschkent, Bischkek und Duschanbe fürchten, dass der Terror auch in ihre Länder exportiert werden könnte, zumal sich auch ihre Landsleute als ausländische Kämpfer vom IS rekrutieren lassen – und nach ihrer Verwendung im Nahen Osten in die Heimat zurückkehren. Steinmeier will die Staaten in Bälde zu einer Konferenz nach Berlin einladen, in der es um Prävention gegen Radikalisierung gehen soll.

          Sandwich-Lage zwischen Moskau und Peking

          In Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, gibt es wegen des Erdbebens vor 50 Jahren nur noch wenig Seidenstraßen-Idyll: Auf dem großen Platz vor der backsteinernen Barachan-Madrasa winken Mädchen schüchtern den Besuchern zu, während die Jungs stolz ihre Drachen steigen lassen, die im Frühjahrswind aufheulen wie kleine Mopeds. Neben der Koranschule steht ein Schrein und eine Art Schatzkammer, die einen Koran aus dem siebten Jahrhundert hütet.

          Der Islam in den postsowjetischen Staaten wurde und wird durch die Herrscher gleichsam weltlich eingehegt – in Usbekistan mit deutlich repressiveren Methoden als etwa in Kirgistan. Als nach dem Zerfall der Sowjetunion neben der Türkei mit Iran eine zweite Regionalmacht ihre Fühler nach Zentralasien ausstreckte, wurde Teheran höflich bedeutet: Wir können gerne enge Beziehungen pflegen, ihr könnt auch alles exportieren, nur den Islamismus – den lasst bitte zu Hause.

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