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Bombenangriff auf Klinik in Kundus : „Es gab zu dem Zeitpunkt keine Kämpfe“

Das Krankenhaus der Organisation in Kundus war bis zum Angriff die wichtigste medizinische Einrichtung in Nordafghanistan. Bild: dpa

22 Menschen starben beim Luftangriff der Amerikaner auf das Krankenhaus in Kundus. Selbst wenn von dort Kampfhandlungen ausgegangen wären, hätte er nicht geflogen werden dürfen, sagt Florian Westphal von Ärzte ohne Grenzen im FAZ.NET-Interview. 

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          Die afghanische Regierung behauptet, dass sich zum Zeitpunkt des Luftangriffs Talibankämpfer auf dem Gelände des Krankenhauses aufgehalten und von dort geschossen haben. Können Sie das ausschließen?

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Wir können uns auf das verlassen, was uns unsere 80 Mitarbeiter vor Ort berichtet haben, und die waren ganz klar in ihrer Aussage: Es gab zu dem Zeitpunkt keine Kämpfe und es gab keinerlei Anzeichen von Kämpfern auf dem Gelände des Krankenhauses.

          Ihre Organisation geht davon aus, dass es sich bei dem Angriff um ein Kriegsverbrechen handelt. Worauf beruht diese Annahme?

          Es kam zu wiederholten und präzisen Angriffen auf das Hauptgebäude des Krankenhauses. Es ist also nicht nur einmal anvisiert worden, sondern mehrfach in einem Zeitraum von etwa fünf Viertelstunden. Ein Krankenhaus ist durch das humanitäre Völkerrecht geschützt und als ziviles Ziel zu betrachten. Dadurch, dass es mehrfach zu gezielten Angriffen gekommen ist, muss man zu dem Schluss kommen, dass es sich um eine schwere Verletzung des humanitären Völkerrechts handelt. Selbst wenn von dem Krankenhausgelände Kampfhandlungen ausgegangen wären, wie behauptet wird, würde das diese Art von militärischer Antwort bei weitem nicht rechtfertigen. Deshalb fordern wir eine unabhängige internationale Ermittlung, damit man den Verlauf der Ereignisse und die Gründe dafür eruieren kann. Diese Untersuchung kann nicht allein in den Händen einer der Konfliktparteien gelassen werden.

          Können Sie sagen, wie viele Geschosse eingeschlagen sind und wo genau?

          Nein, das kann ich nicht sagen. Es hat aber mehrfach mit Unterbrechung Angriffe gegeben, und dabei ist wiederholt mit großer Präzision das Hauptgebäude des Krankenhauses getroffen worden, währenddessen der Rest des Geländes und die anderen Gebäude weitestgehend unberührt von diesen Einschlägen geblieben sind.

          Das heißt, Sie schließen aus, dass das Krankenhaus möglicherweise nicht direkt beschossen, sondern von herumfliegenden Schrapnell getroffen wurde, wie in Militärkreisen gemutmaßt wurde?

          Ich bin kein Militärexperte, aber das scheint eher unwahrscheinlich zu sein.

          Ihre Organisation hat erklärt, dass der Beschuss des Krankenhauses selbst dann noch fortgesetzt wurde, nachdem Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen das amerikanische und das afghanische Militär telefonisch benachrichtigt hatten. Welche Stellen wurden konkret informiert?

          Es wurden sowohl in Kabul als auch in Washington Regierungsstellen benachrichtigt. Mir liegen keine detaillierten Informationen dazu vor, aber meinen Informationen nach handelt es sich um Personen, die direkt mit den militärischen Aktionen zu tun hatten und darauf einen Einfluss hatten.  

          Was wurde im Vorfeld getan, um den Schutz des Krankenhauses zu erhöhen?

          Das Krankenhaus in Kundus gibt es ja schon seit vielen Jahren. Über die Jahre hinweg hat man immer wieder versucht, mit allen Konfliktparteien in Afghanistan Kontakt zu halten, um sicherzustellen, dass sie über die Aktivitäten des Krankenhauses informiert waren. Dabei sind auch wiederholt die GPS-Daten des Krankenhauses weitergegeben worden. Das ist zum letzten Mal am 29. September (dem Tag der Einnahme von Kundus durch die Taliban) geschehen.

          War es nach der Einnahme von Kundus nicht zu gefährlich, den Krankenhausbetrieb aufrecht zu erhalten?

          Ärzte ohne Grenzen arbeitet auch und vor allem in Konfliktregionen und ist den Prinzipien von Neutralität und Unabhängigkeit verpflichtet. Wir beziehen keinerlei Partei in politischen oder militärischen Konflikten. In Afghanistan haben wir unsere Unabhängigkeit noch dadurch untermauert, dass wir für unsere Arbeit dort keinerlei staatliche Hilfsgelder annehmen, sondern sie allein durch Privatspenden finanzieren, um Missverständnissen mit Blick auf unsere Unabhängigkeit vorzubeugen.

          Bedeutet Neutralität, dass Sie auch Talibankämpfer behandeln?

          Im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht bieten wir all denen, die verwundet sind, medizinische Hilfe an, das gilt auch für Kämpfer. Laut Völkerrechts sind verwundete Kämpfer als geschützte Personen zu betrachten. Das gilt auch in Afghanistan.

          Befanden sich zum Zeitpunkt des Angriffs verwundete Taliban im Krankenhaus?

          Das kann ich nicht ausschließen, genauso wenig wie ich ausschließen kann, dass sich verwundete Regierungssoldaten dort aufhielten. Für die Dauer ihrer Verwundung sind Kombattanten keine legitimen militärischen Ziele.

          Wie geht es Ihren Mitarbeitern, die den Angriff überlebt haben?

          Die internationalen Mitarbeiter sind unverletzt nach Kabul ausgeflogen worden. Sie werden jetzt unterstützt und betreut. Von den 19 nationalen Mitarbeitern, die verletzt wurden, befinden sich manche noch in Behandlung. Von den unverletzten haben scheinbar einige andere medizinische Strukturen gefunden, in denen sie momentan weiterarbeiten. Um die machen wir uns weiterhin große Sorgen. Der Schock und der Verlust ihrer Kollegen belastet sie sicherlich schwer.

          Ärzte ohne Grenze : „Kriegsverbrechen in Kundus“

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