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Südchinesisches Meer : Fischereistreit mit Sprengkraft

Abschreckungsstrategie: Zwei Fischerboote werden von der indonesischen Marine gesprengt. Bild: dpa

China ärgert im Südchinesischen Meer nun auch das bisher neutrale Indonesien. Die Regierung in Jakarta wehrt sich publikumswirksam.

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          Susi Pudjiastuti weiß, wie man ein Spektakel inszeniert. Regelmäßig lässt die indonesische Fischereiministerin zur Abschreckung ausländische Fischkutter mit Dynamit in die Luft jagen. Die Ministerin wirft den fremden Fischern vor, illegal in indonesischen Gewässern zu wildern. Seit ihrem Amtsantritt ließ sie schon 176 Schiffe auf diese Art versenken. Zuletzt sprengten die Behörden Anfang April zehn Boote aus Malaysia und 13 aus Vietnam in die Luft.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Allerdings wurde der Kampf der Ministerin gegen die Raubfischerei nun aus ganz anderen Gründen zum Thema. Das Problem vermengte sich mit den Gebietskonflikten im Südchinesischen Meer, als eine indonesische Patrouille versuchte, einen chinesischen Kutter festzusetzen. Sie wurde auf ziemlich rabiate Weise durch ein Boot der chinesischen Küstenwache daran gehindert.

          Der Kutter hatte in der Nähe der Natuna-Inseln gefischt. Die Inselgruppe im Südchinesischen Meer besteht aus 272 Eilanden zwischen Borneo und Vietnam. Anders als bei den Spratlys und Paracels ist die Hoheit über die Natuna-Inseln unumstritten. Auch China hat anerkannt, dass sie zu Indonesien gehören.

          Doch die Realität ist komplizierter. Denn zu jeder Insel gehört nach internationalem Recht eine 200 Seemeilen breite „ausschließliche Wirtschaftszone“ (EEZ). Diese Zone dürfen ausländische Schiffe laut Konvention zwar passieren. Aber über die dortigen Rohstoffe, inklusive der Meerestiere, darf das Land, dem die Insel gehört, allein verfügen.

          „Traditionelle chinesische Fischgründe“

          Darauf pocht Fischereiministerin Susi Pudjiastuti auch im Fall der Natuna-Inseln. Sie spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von der „wirtschaftlichen Souveränität“ ihres Landes. Diese Souveränität sieht sie durch die ausländischen Kutter verletzt. Vor allem das Gebiet um die Natunas sei bis zu 15.000 ausländischen Kuttern überlassen worden, die nach Angaben der Ministerin in ihren Gewässern unterwegs seien. „Und dies sind die reichhaltigsten Gebiete, die wir haben“, sagt die Ministerin.

          Doch in Bezug auf China kommt noch etwas anderes hinzu. China markiert seine Ansprüche im Südchinesischen Meer mit einer Linie aus neun Strichen, die fast das ganze Meer einschließt. Sie entspricht nicht internationalem Recht, sondern basiert auf alten Karten. Die Linie überschneidet sich allerdings mit der „ausschließlichen Wirtschaftszone“ der Natuna-Inseln und damit mit Indonesiens „wirtschaftlicher Souveränität“.

          Als sich Jakarta vehement über das Vorgehen der chinesischen Küstenwache beschwerte, lautete die Antwort aus Peking, der Kutter habe sich in „traditionellen chinesischen Fischgründen“ befunden – eine Aussage, die das ambivalente Verhältnis Pekings zu internationalem Recht zeigt. Denn darin gibt es keine „traditionellen Fischgründe“. Und: „Man kann nicht sagen, dies sind meine traditionellen Fischgründe, wenn es eigentlich die EEZ von jemand anderem ist“, sagt Susi Pudjiastuti. „Auf welcher Basis sagt man das? Nur aufgrund von ein paar alten Geschichten?“ So fragt die Ministerin.

          Stationierung von Kampfflugzeugen?

          Die Entrüstung ist verständlich, schließlich gehörte Indonesien bisher zu den Staaten, die sich im Konflikt um Inseln und Seegebiete im Südchinesischen Meer neutral hielten. Vier der zehn südostasiatischen Asean-Staaten erheben Ansprüche, die sich mit denen Chinas überlappen: Brunei, Malaysia, die Philippinen und Vietnam. Doch nun könnte auch Indonesien mehr Widerstand leisten. Besonders, weil Präsident Joko Widodo, der an diesem Montag Berlin besucht, den Schwerpunkt auf die maritime Entwicklung setzt.

          So erwägt Jakarta offenbar schon, Kampfflugzeuge auf den Natunas zu stationieren. Denn Indonesien sorgt sich auch über andere chinesische Aktivitäten wie die Aufschüttung künstlicher Inseln im Gebiet der Spratlys. Doch im Südchinesischen Meer geht es eben nicht nur um Souveränitätsfragen oder gar Öl- und Gasvorkommen, wie oft angenommen wird. Es tobt auch ein Wettbewerb um die besten Fischgründe.

          Die wohl größte Küstenwache weltweit

          Viele Asiaten bekommen ihr Protein vor allem durch den Verzehr von Meerestieren. Den größten Fang macht China mit seinen angeblich eine Million Fischerbooten. Außerdem verfügt China über die wohl größte Küstenwache weltweit. Viele von diesen Schiffen werden auch eingesetzt, um chinesische Kutter in internationalen Gewässern zu schützen.

          So betreibt China nebenbei auch Geopolitik. Die Streitigkeiten sollten fair besprochen werden, mahnt daher Ministerin Susi Pudjiastuti. Das gelte auch, wenn die Nachbarländer kleiner seien als China. Denn sonst wäre es ein Fall von „der Große tyrannisiert die Kleinen“, wobei der Große in diesem Falle China wäre.

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