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Innerkoreanische Beziehungen : Lockruf aus Pjöngjang

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Nordkoreas Wirtschaft liegt am Boden – Diktator Kim Jong-un ist auf Hilfen aus Südkorea angewiesen. Bild: dpa

Die Stimmung zwischen Nord- und Südkorea war zuletzt besonders eisig. Kim Jong-uns Angebot zu einem innerkoreanischen Gipfeltreffen ist mit entsprechender Vorsicht zu genießen. Doch auch dem Süden ist an einem Treffen gelegen.

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          Zwei Jahre lang hat Nordkoreas Führer Kim Jong-un die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye von seinem Propaganda-Apparat beschimpfen und schmähen lassen. Jetzt will er sich doch mit ihr treffen. Kim nutzte seine Neujahrsansprache, um den Vorschlag, wenn auch in etwas verklausulierter Form, zu unterbreiten. Nun darf gerätselt werden, ob der junge Führer vielleicht sogar nach Südkorea kommen wird.

          Die bislang letzten beiden innerkoreanischen Gipfeltreffen fanden in Nordkorea statt und gerieten zu einem Propagandasieg für das kommunistische Regime im Norden. Als im Jahr 2007 der damalige Präsident Roh Moo-hyun nach Pjöngjang reiste, um dort den Vater des derzeitigen Machthabers, Kim Jong-il, zu treffen, wirkte er wie ein Bittsteller beim Sonnenkönig.

          Zuvor war im Jahr 2000 der südkoreanische Präsident Kim Dae-jung nach Pjöngjang gereist, und auch dieser erste Gipfel erwies sich im Nachhinein als skandalös. Nach Jahren wurde bekannt, dass die südkoreanische Regierung dem Regime im Norden für das Treffen 200 Millionen amerikanische Dollar bezahlt hatte. Es ging als der „gekaufte Gipfel“ in die Geschichte ein. Auch der Friedensnobelpreis, den Kim Dae-jung für seine Entspannungspolitik bekam, verlor damit an Glanz.

          Nordkorea braucht Wirtschaftshilfe

          Kim Dae-jung hatte die sogenannte Sonnenscheinpolitik der Entspannung mit Nordkorea eingeführt, die sein Nachfolger Roh Moo-hyun fortsetzte. Das abgewirtschaftete Nordkorea konnte davon profitieren. Es wurden Abkommen über Investitionen und humanitäre Hilfe abgeschlossen. Doch die derzeitige Präsidentin Park verfolgt wie schon ihr Vorgänger eine harte Linie. Ohne Vorleistungen will Südkorea dem Norden nichts mehr geben. Seoul verlangt auch Fortschritte beim Abbau des Atomprogramms in Nordkorea und hat hart auf die Atomtests reagiert.

          Diese Politik Südkoreas und ständige Provokationen Nordkoreas haben zu einer längeren Eiszeit in den Beziehungen geführt. Wenn Kim Jong-un jetzt doch über ein Treffen mit Park nachdenkt, so hat dies vor allem wirtschaftliche Gründe. Der „Oberste Führer“ hat seinen Untertanen versprochen, die wirtschaftliche Lage zu verbessern. In seiner Neujahrsansprache, die vom nordkoreanischen Fernsehen übertragen wurde und in der die Grundzüge der Politik für das kommende Jahr vorgestellt werden, sprach er von Wirtschaftssonderzonen.

          Nordkorea und China – abgekühlte Beziehung

          Aber das Land ist isoliert und durch Sanktionen der UN nach den Atom- und Raketentests geschwächt. Jetzt will Kim Jong-un anscheinend Wirtschaftsreformen nach chinesischem Vorbild zumindest in Sonderzonen zulassen. Dazu braucht er Hilfe von außen. Die Beziehungen zur Schutzmacht Chinas sind abgekühlt, da wendet sich der Machthaber wieder an den Süden.

          Allerdings wird auch Kim Jong-un klar sein, dass sich unter einer Präsidentin Park nicht mehr so viele Vorteile für Nordkorea aus einem Treffen erzielen lassen werden wie in der Vergangenheit. Allein ein Zustandekommen des Gipfels wird schon schwierig genug werden, haben doch beide Seiten Bedingungen für eine Annäherung gestellt, die von der jeweils anderen Seite schwer zu erfüllen sind.

          Nordkorea fordert eine Einstellung der gemeinsamen Manöver südkoreanischer und amerikanischer Truppen. Südkorea fordert eine Entschuldigung für die Versenkung eines seiner Kriegsschiffe durch ein nordkoreanisches Torpedo im Jahr 2010. Auch die von Nordkorea gewünschte Wiedereröffnung der gemeinsamen, seit Jahren brachliegenden Touristenzone im Kumgang-Gebirge wird nicht einfach sein. Südkorea fordert Sicherheitsgarantien, nachdem dort eine südkoreanische Touristin von einem nordkoreanischen Soldaten erschossen wurde.

          Park spricht von Wiedervereinigung

          Vielleicht ergibt sich aber in diesem Jahr ein Treffen zwischen den beiden koreanischen Führern an einem anderen Ort: Der russische Präsident Putin hat sowohl Kim Jong-un als auch Präsidentin Park nach Russland zu den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges eingeladen. Die beiden koreanischen Staaten feiern in diesem Jahr ihrerseits den 70. Jahrestag der Befreiung von der japanischen Kolonialherrschaft.

          Auch Präsidentin Park ist an einem Treffen mit Kim gelegen. Sie hatte ihre Amtszeit mit dem Versprechen einer Politik der Vertrauensbildung gegenüber dem Norden begonnen. Die Präsidentin steht in der Mitte ihrer fünfjährigen Amtsperiode unter Erfolgsdruck und spricht deshalb wieder öfter von einer Wiedervereinigung – zuletzt in ihrer Neujahrsansprache.

          Da kommt Kim Jong-uns Angebot zur rechten Zeit. Doch südkoreanische Beobachter warnen, trotz freundlicher Töne müsse man auf der Hut sein. Es wäre nicht das erste Mal, wenn Nordkorea seinen Friedensouvertüren Drohungen und Provokationen folgen ließe.

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