https://www.faz.net/-gq5-7p85s

Wahl in Indien : Die Götter und andere Wahlkampfthemen

Heldenverehrung: Modi-Anhänger in Varanasi feiern ihren Kandidaten Bild: Getty Images

Am letzten Tag der indischen Unterhauswahl beginnt die „Mutter aller Schlachten“ in Varanasi. Wer in der heiligen Stadt der Hindus siegt, der hat den Segen der Götter.

          Kein Bollywood-Regisseur hätte den Höhe- und Schlusspunkt des Wahlkampfs in Indien besser inszenieren können. Zehntausende säumten die Straßen von Varanasi, tanzten und warfen Blüten und Rosenblätter – zunächst am Donnerstag, als Narendra Modi, der aussichtsreichste Kandidat und Hoffnungsträger der Wirtschaftselite und der führenden Kasten, in der Stadt Hof hielt. Dann am Freitag, als sein Herausforderer Arvind Kejriwal von der Antikorruptionspartei AAP durch Varanasi zog.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Und ein letztes Mal am Samstag, als überraschend Rahul Gandhi von der regierenden Kongresspartei an den Ganges eilte, um vor dem entscheidenden Wahltag an diesem Montag Boden gutzumachen. Zur „Mutter aller Schlachten“ erklärten die Wahlkämpfer die Entscheidung in der heiligen Stadt der Hindus. Modi und Kejriwal haben hier ihren Wahlkreis, obwohl keiner der beiden aus dem früheren Benares im mit fast 200 Millionen Menschen größten indischen Bundesstaat Uttar Pradesh stammt.

          Wenn Gott zum Wahlkampfthema wird

          Doch suchen sie das Mandat der Hindu-Hochburg, weil diese und nur sie im Land der Mythen, des Spiritualismus und des Glaubens als der rechte Ort für den letzten Schritt auf dem Weg zur Regierungsmacht in Delhi erscheint. Wer in Varanasi siegt, der kann auch das ganze Land führen. Der hat den Segen der Götter. Dabei scheut Modi das Risiko. Der Kandidat der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) wäre nicht, wer er ist, hätte er sich nicht sicherheitshalber auch noch in Vadodara, in seinem Heimat-Bundesstaat Gujarat, aufstellen lassen.

          Öffentlich aber zählt nur das Ergebnis in Varanasi: Selbst der sich lange als Atheist bezeichnende Kejriwal kam nicht um das Bad im verehrten Fluss Ganges herum. „Mit Varanasi wurde Gott zu einem Wahlkampfthema wie die Gaspreise“, sagt Advait Ubhayakar, Hochschullehrer an der amerikanischen Rutgers-Universität. Kejriwal dagegen, der das Unerhörte wagte und dem Favoriten Modi ausgerechnet in der Hindu-Hochburg den Kampf ansagte, sucht die Provokation.

          Er stilisiert die Wahl in Varanasi zum Kampf zwischen Arm und Reich, David gegen Goliath – auch dies eine Geschichte, wie sie Indien liebt. „Varanasi ist nicht nur das, was sich zwischen seinen Heiligtümern abspielt. Hier leben Bauern, Muslime, enorm viel Arme und Einsame – sie zählen auf uns“, ruft Kejriwal den Massen zu. Modi der Mächtige gegen Kejriwal den Mutigen.

          Modi polarisiert und schürt Angst

          Mit seinem aggressiven Stil errang „NaMo“, wie Modi in Indien genannt wird, 14 Millionen „Gefällt mir“-Stimmen auf Facebook – Kejriwal kommt auf 5,6 Millionen. Beide wollen neue Verhältnisse: Modi will das Land wieder auf Wachstumskurs bringen. „Keine Arbeitsplätze. Keine Fabriken. Kein Geschäft. Keine Elektrizität. Kein Wasser. Keine Sicherheit. Keine Ordnung. Armut. Reispreise, die dir das Genick brechen. Illegale Einwanderer. Betrug. Und korrupte Führer“, fasst er die Lage Indiens unter der amtierenden Regierung zusammen. Er polarisiert, schürt Angst und demonstriert doch eine von vielen bewunderte Stärke.

          Gegen diesen unbedingten Machtwillen wirkt der schmächtige Kejriwal fast zerbrechlich. Modi fliegt mit dem Hubschrauber in Varanasi ein, Kejriwal kommt mit dem Zug. Modi taucht die Stadt in ein Meer aus Orange, die Farbe der Hindu-Nationalisten. Die AAP-Kämpfer gehen von Haus zu Haus, klopfen an Türen, halten Wahldebatten ab. Auch Kejriwal will einen anderen, funktionierenden Staat. Doch einen Staat, der einbindet, der nicht den wenigen Mächtigen gehört, sondern allen, der faire Preise bietet und endlich die grassierende Korruption bekämpft, der die Reichen – die Modi hofiert – in ihre Grenzen weist.

          Bewusste Anspielung auf Mahatma Gandhi

          Naiv erscheint das angesichts der indischen Verhältnisse, unausgegoren – und doch sympathisch und ehrlich. Nicht nur die Menschen in Varanasi verstehen die Symbolik: Ist Modi der mächtige Gott Brahma, der Neues schaffen will, der Indien Entwicklung und Zukunft verspricht, ist Kejriwal Shiva, der das Alte zerstört, aufräumt. Oft mit Besen in der Hand, als Zeichen für das Säubern Indiens von der Korruption, ziehen die angereisten Unterstützer der AAP durch Varanasi. Sie fragen, welcher Kandidat Schnaps oder einen Sari für eine Stimme geboten habe. Es ist die aufgeklärte Mittelschicht, die endlich für ein menschenwürdiges Indien auf die Straße geht.

          Der ehemalige Beamte Kejriwal spielt in seinem Äußeren ganz bewusst auf die Ikone Mahatma Gandhi an. Zudem ist Kejriwal auch für die Muslime in Varanasi wählbar – anders als Modi, der Hindu-Nationalist, dem eine politische Mitverantwortung an einem Massaker an Hunderten von Muslimen im Jahr 2002 in dem von ihm regierten Bundesstaat Gujarat vorgeworfen wird.

          Immer wieder flackerten auch im Wahlkampf muslimfeindliche Parolen auf. Zuletzt dröhnte Modi, die Flüchtlinge aus dem muslimischen Nachbarland Bangladesch zurückschicken zu wollen. Nicht ohne Grund hinderte die Wahlkommission Modi und seine Mannen daran, das Muslimviertel Beniyabagh in Varanasi zu betreten. Dorthin aber zog es Rahul Gandhi – dessen Abschneiden die große Unbekannte dieser Wahlen ist. Er mobilisierte am Samstag ebenfalls Zehntausende Anhänger der regierenden Kongresspartei.

          Im Dreigestirn der Hindu-Götter kommt dem jungen Gandhi die Rolle des Vishnu zu, des Bewahrers, der das Bestehende schützt. Modi hatte den Sohn von Parteichefin Sonia Gandhi provoziert, weil er – gegen die üblichen Sitten – in Gandhis Wahlkreis Amethi aufgetreten war und auch noch Gandhis 1991 ermordeten Vater, den früheren Ministerpräsidenten Rajiv Gandhi, attackierte. In der Hindu-Stadt will Gandhi wie Kejriwal vor allem die Stimmen der Muslime für sich gewinnen, um Modi auf der Zielgeraden noch abzufangen.

          Weitere Themen

          Tausende protestieren gegen rechte Demo Video-Seite öffnen

          Kassel : Tausende protestieren gegen rechte Demo

          Die Stadt Kassel war vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof mit dem Versuch gescheitert, den Aufmarsch der Rechtsextremen der Kleinstpartei „Die Rechte“ zu verbieten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.