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Die Türkei und die Krimtataren : Hilflose Blutsbrüder

Ansturm von Krimtataren Ende Februar auf das Krim-Parlamentsgebäude in Simferopol: Sie protestierten dort gegen eine mögliche Abtrennung der Krim von der Ukraine. Bild: dpa

Rund 280.000 Tataren leben auf der nun russisch besetzten Halbinsel Krim. Die Türkei sieht sich als Schutzmacht der Krimtataren. Doch die Krise in der Ukraine zeigt, dass sie nicht in derselben Gewichtsklasse boxt wie Russland.

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          Aus Syrien hat die Türkei, nach Russland der zweitgrößte Schwarzmeeranrainer, schon mehrere hunderttausend Flüchtlinge aufgenommen. Sollte sich nach dem Blutvergießen dort nun auch die Krise in der Ukraine verschärfen, wäre ein weiterer Staat in der türkischen Nachbarschaft vom Zerfall bedroht. Schon wird gewarnt, bald sei womöglich die Errichtung neuer Flüchtlingslager nötig, diesmal für Krimtataren und andere Fliehende aus dem Norden.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das erste Gebot Ankaras in dieser Lage lautet: sich nicht provozieren, sich nicht hineinziehen lassen. Fremde Mächte könnten bestrebt sein, „das Krim-Thema erst in eine tatarisch-russische und dann in eine türkisch-russische Krise zu verwandeln. Das werden wir nicht zulassen“, sagte Außenminister Ahmet Davutoglu nach einem Blitzbesuch bei der Kiewer Interimsregierung. Die Krimtataren in der Ukraine – nach Angaben des türkischen Außenministeriums sind es 280.000, von denen die meisten auf der Halbinsel selbst leben – dürften sich nicht in die „Falle“ eines Konflikts (mit Russland) ziehen lassen, sagte Davutoglu. Durch die Präsenz der Tataren und das kulturelle Erbe der Türkei auf der Halbinsel sei die Krim aber von großer Bedeutung für sein Land. „Die Türkei ruft alle Führer von ethnischen und religiösen Gruppen auf der Krim auf, zusammen für die Stabilität und den Frieden zu arbeiten“, sagte Davutoglu weiter.

          Gute Beziehungen zu Kiew und Moskau

          Das sind Aussagen, die ebenso unangreifbar wie hilflos wirken. Gewiss: Ankara sieht sich den Krimtataren gegenüber in der Pflicht. Es hat einst ihre Rückkehr in die angestammte Heimat unterstützt und setzt die Unterstützung heute fort, etwa durch Wohnungsbauprojekte. Als Brüder, gar „Blutsbrüder“ werden die Krimtataren in türkischen Medien, aber auch in offiziellen Stellungnahmen bezeichnet. Doch die Türkei muss auch ihre Interessen zwischen Kiew und Moskau zum Ausgleich bringen. Zwar ist man mit dem Kreml in syrischen Angelegenheiten über Kreuz, abgesehen davon aber sind die Beziehungen gut, vor allem wirtschaftlich. Weil Kiew kein Vetorecht im UN-Sicherheitsrat hat und auch sonst türkische Ambitionen nicht stört, gilt das für die Beziehungen zur Ukraine allemal.

          Selbst die türkische Beteiligung an russischen Gasleitungsprojekten zur Umgehung der Ukraine („South Stream“) konnte den Beziehungen bisher nichts anhaben. Seit Anfang 2011 existiert zwischen der Ukraine und der Türkei ein „strategischer Kooperationsrat“, der eine immer engere Verzahnung der Interessen vorsieht. Als der damalige Präsident Viktor Janukowitsch, mit dem man gut auskam, im Dezember desselben Jahres von Ministerpräsident Tayyip Erdogan in der Türkei empfangen wurde, unterzeichnete man überdies ein Abkommen zur Aufhebung der Visumpflicht. Seit August 2012 ist es in Kraft. Über ein türkisch-ukrainisches Freihandelsabkommen wird verhandelt. Unstimmigkeiten über den Agrarexport verhinderten bisher einen Abschluss, aber zuletzt gaben sich die Delegationen zuversichtlich, dass eine Lösung möglich sei.

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