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Deutschland in Afghanistan : Zäsur in Kundus

Der Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt und die ständige Verkleinerung der in Afghanistan zu erreichenden Ziele sollte auch zum Nachdenken über die Grenzen des eigenen Idealismus führen.

          Was hatte die internationale Gemeinschaft sich nicht alles vorgenommen für Afghanistan? Demokratisierung, Frauenrechte und Wiederaufbau sollten dem Land Frieden und Wohlstand nach der Schreckensherrschaft der Taliban bringen. Gleichzeitig sollte dadurch verhindert werden, dass das entlegene Land noch einmal Rückzugsort international agierender Terroristen wie dem einst von Usama bin Ladin angeführten Terrornetzwerk Al Qaida würde.

          Für ihre sogenannten Visionen hat die Staatengemeinschaft einen hohen Blutzoll entrichtet. Mehr als 3000 Soldaten ließen dort ihr Leben, unter ihnen 54 Bundeswehrangehörige. Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat nun diesen Einsatz während der Abschiedszeremonie im Feldlager Kundus gewürdigt. Die Erfahrungen in Kundus, wo die Bundeswehr habe lernen müssen zu kämpfen, sei eine „Zäsur“ gewesen, und zwar „nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft“.

          Hohle Versprechen

          Das Afghanistan-Engagement ist nicht nur eine Zäsur, die zu einem neuen Nachdenken über den Einsatz militärischer Gewalt geführt hat. Der Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt und die ständige Verkleinerung der in Afghanistan zu erreichenden Ziele sollte auch zum Nachdenken über die Grenzen des eigenen – oft ziemlich selbstverliebten – Idealismus führen. Ob die Lage im Land wirklich so stabil ist, wie anlässlich des voranschreitenden Abzugs internationaler Truppen immer wieder beteuert wird, und ob die afghanischen Sicherheitskräfte fähig und willens sind, ihre Aufgaben wahrzunehmen, kann niemand verlässlich sagen. Mit Blick auf die Präsidentenwahl im April scheint die Unsicherheit im Land eher zu wachsen.

          Auf eines dürfte aber Verlass sein: Die Traditionen und Herrschaftsstrukturen am Hindukusch haben die vergangenen zehn Jahre überdauert. Es sind jetzt wohl nicht mehr die ziemlich zerriebenen Taliban, die die größte Gefahr darstellen. Vielmehr scheinen die alten Kriegsherren und Mudschaheddin-Kommandeure, die mit kriminellen Geschäften ihr Einkommen und das ihrer Anhänger sichern, nur darauf zu warten, das Land wieder unter sich aufzuteilen. Das Versprechen des afghanischen Innenministers im Beisein de Maizières und Außenminister Westerwelles, es werde alles gut, klingt hohl – aber vielleicht behält er ja recht, wenn auch auf eine etwas andere Art, als der Westen sich das einmal vorgestellt hat.

          Richard Wagner

          Verantwortlich für politische Nachrichten.

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