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Chinas Ein-Kind-Politik : Als sie zu sich kam, war alles vorbei

  • -Aktualisiert am

Vater, Mutter, Kind: Der Zwangsapparat der Familienplanungsbürokratie verhindert größere Familien Bild: dpa

Eine rücksichtslose Ein-Kind-Politik, die auch vor Zwangsabtreibungen nicht zurückschreckt, führt bei vielen Chinesinnen zu schweren Traumata. Wer sich beschwert, muss mit weiteren Schikanen rechnen.

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          Zhang Wenfang war mit ihrem zweiten Kind im neunten Monat schwanger, als ein Dutzend Funktionäre der Familienplanungsbehörde von Honghu sie abholen kamen. Das Kind müsse abgetrieben werden, sagten sie der entsetzten Frau. Alle Widerworte und auch ihr Angebot, ein Bußgeld für das nach der Ein-Kind-Politik „illegale“ zweite Kind zu zahlen, nutzten nichts. Die Beamten zerrten sie in einen Wagen und brachte sie in ein Krankenhaus. Dort bekam sie eine Spritze, die die Wehen auslösen sollte, und wurde in ein Krankenzimmer gesperrt.

          Sie verlor das Bewusstsein, und als sie wieder zu sich kam, war alles vorbei. Zhangs Mutter und ihr Ehemann saßen an ihrem Bett. Ein anonymer Anrufer hatte sie informiert, dass Zhang Wenfang im Krankenhaus sei und operiert werden müsse. Dem Ehepaar wurde gesagt, dass sein Kind tot sei. Zehn Tage später musste Frau Zhang wegen Nierenversagens noch einmal operiert werden. Weil sie kein Geld hatte und die Familienplanungsbehörde nur für die Abtreibung, aber nicht für andere Kosten aufkommen wollte, musste sie das Krankenhaus verlassen. Ihr Zustand verschlechterte sich, drei Monate musste sie das Bett hüten.

          „Geschichten, die man in China nicht erzählen darf“

          Schließlich ließ sie sich in einem anderen Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Wuhan untersuchen. Dort stellten die Ärzte fest, dass ihre Gebärmutter samt Gebärmutterhals und der rechte Eierstock entfernt worden waren. „Meine Fortpflanzungsorgane waren nicht nur ohne mein Einverständnis entfernt worden, man hat mir nachher noch nicht einmal etwas davon gesagt“, klagt Frau Zhang. Sie beschwerte sich beim lokalen Familienplanungsamt. Ein Funktionär sagte ihr, sie habe diese Behandlung verdient, weil sie gegen die Ein-Kind-Politik verstoßen habe.

          Das war im Jahr 2008. Seit der Zwangsabtreibung und der Entfernung ihrer Fortpflanzungsorgane ist Zhang Wenfang behindert. Sie sitzt im Rollstuhl. Ihr Mann hat sie verlassen. Ihr erstes Kind lebt bei ihrem Mann, und sie sieht es nur selten. Sie muss sich ganz auf ihre alten Eltern verlassen, die selbst kein Geld und keine Arbeit haben. 3.000 Yuan (360 Euro) braucht sie im Monat allein für Medikamente. 600.000 Yuan (72.000 Euro) Schulden haben sich über die Jahre angesammelt. Vom Staat hat sie noch keinen Cent bekommen.

          Seit Jahren führt Frau Zhang, die vor der Zwangsabtreibung und Zwangsoperation mit Müllabfuhren ihr Geld verdiente, einen einsamen Kampf um die Anerkennung des Unrechts, das ihr angetan wurde. Mit ihren Dokumenten ging sie von Amt zu Amt, zuerst in ihrer Heimatprovinz Hunan, dann in Peking. „Es kommt öfter vor, dass – wie ich – Frauen gesundheitliche Schäden durch Abtreibungen oder andere Familienplanungsmaßnahmen davontragen. Doch das sind Geschichten, die man in China nicht erzählen darf“, sagt sie.

          Der Zwangsapparat bleibt

          Ende vergangenen Jahres hat China die Ein-Kind-Politik gelockert. Jetzt dürfen Ehepaare, von denen ein Partner ein Einzelkind ist, zwei Kinder bekommen. Das wurde als Verbesserung begrüßt, doch der Zwangsapparat der staatlichen Familienplanungsbürokratie bleibt bestehen. Weiterhin müssen Ehepaare für jedes Kind umständlich eine Geburtserlaubnis beantragen, weiterhin werden „außerplanmäßige Geburten“ mit hohen Bußgeldern bestraft oder durch Abtreibungen verhindert. Und weiterhin wird die staatliche Politik auf Kosten der Gesundheit der Frauen ausgetragen.

          Die staatlich verordnete Familienplanung habe über die 30 Jahre ihrer Existenz mehr als 300 Millionen Geburten in China verhindert, vermelden die chinesischen Behörden stolz. Doch was hinter dieser Zahl an psychischen und physischen Traumata für die betroffenen Frauen steht, darüber wird kaum gesprochen. „Die wenigsten Frauen wehren oder beschweren sich. Viele wollen solche peinlichen und privaten Dinge nicht öffentlich machen“, sagt Lin Lixia von der Zhongze-Rechtsberatung für Frauen in Peking.

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