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Projekt „Neue Seidenstraße“ : Die Stadt der unsichtbaren Einwohner

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Tradition und Moderne: Entlang der alten Seidenstraße soll eine neue Handelsroute nach Europa entstehen. Auch Lanzhou soll davon profitieren. Bild: INTERFOTO

In Neu-Lanzhou hat Chinas Führung Hochhäuser für eine Million Menschen gebaut. Sie sind Teil des Prestigeprojekts „Neue Seidenstraße“, mit dem China den Weg nach Westen verkürzen will. Doch noch stehen sie leer.

          In der unwirtlichen und trockenen Landschaft des Hexi-Korridors, im hohen Nordwesten Chinas auf der antiken Seidenstraße, wächst eine Stadt aus dem Nichts: Neu-Lanzhou. 70 Kilometer von der Provinzhauptstadt (Alt-)Lanzhou entfernt ragen Wolkenkratzer bezugsbereit in den Himmel. Weitläufige Industriegebiete sind angelegt, die Straßen schachbrettartig frisch asphaltiert. Doch Neu-Lanzhou ist leer.

          Auf den weiten Straßen sind nur wenige Fahrzeuge unterwegs, in den riesigen Hochhaussiedlungen wohnt niemand, in den weitläufigen Industrieparks gibt es nur wenige Unternehmen. Ein Vertreter der Stadtverwaltung führt durch die ebenfalls leeren gewaltigen Korridore eines supermodernen zwanzigstöckigen Verwaltungsgebäudes. Die aufwendig dekorierten Gasträume in dem leeren Wolkenkratzer lassen an Luxus nichts zu wünschen übrig. An goldenen Ornamenten und Marmor wurde nicht gespart. Besucher versinken in barocken Möbeln. Bis vor kurzem residierte hier die Verwaltung und das Parteikomitee von Neu-Lanzhou. Beide seien jetzt aber in ein kleineres Gebäude umgezogen, und der neue Hochhauskomplex diene als ein Büro- und Service-Gebäude für Unternehmen, wird mitgeteilt. Aber wo sind denn all die Mitarbeiter der Unternehmen, die hier arbeiten? Wohl gerade beim Mittagessen, sagte der Herr von der Stadtverwaltung.

          Besuchern wird ein aufwendig produzierter Film in einem supermodernen Vorführungssaal gezeigt. Da sieht man, wie alles in Zukunft aussehen soll, Hochhäuser, Seen, Fabriken und ein modernes Wohnparadies. Neu-Lanzhou ist eine der fünf von der chinesischen Regierung in Auftrag gegebenen Wirtschaftsentwicklungszonen Chinas - nur zwei davon sind wie Neu-Lanzhou im Landesinnern. Die Regierung lockt mit günstigem Bauland, verspricht gute Verkehrsanbindung und auch bessere Umweltbedingungen als in Alt-Lanzhou, das eine der am meisten verschmutzten Städte Chinas ist.

          34 von Chinas größten Unternehmen hätten sich hier bereits angesiedelt, sagt Guo Zhiqiang, der stellvertretende Parteichef von Neu-Lanzhou, der mit seinem Parteikomitee jetzt in einem bescheidenen Gebäude am Rand eines weitgehend leeren Industriegebiets residiert. Es sollen in Neu-Lanzhou bereits 200 000 Menschen wohnen, zu sehen sind sie allerdings nicht. In fünf Jahren sollen hier 600 000 Menschen angesiedelt werden, bis zum Jahr 2030 sind eine Million geplant.

          Das Projekt darf in keiner Rede fehlen

          Mit immensem Aufwand und Kosten wurde Neu-Lanzhou vor drei Jahren aus dem Boden gestampft. Trotz der Einwände von Ökologen wurden an die 700 Hügel abgetragen, damit die neue Stadt auf einer flachen Ebene gebaut werden konnte. Wasser, das ursprünglich der Landwirtschaft in dem Trockengebiet dienen sollte, wird aus einem weit entfernten Fluss umgeleitet. Nachhaltige Entwicklung? Für die Provinz Gansu, die ärmste in ganz China, ist Neu-Lanzhou das größte Prestigeprojekt, an dem Zweifel nicht geäußert werden dürfen. Die neue Stadt inmitten der Steinwüste soll ein Knotenpunkt werden auf der „Neuen Seidenstraße“, die Chinas Parteichef Xi Jinping ausgerufen hat.

          Vor zwei Jahren hatte Xi Jinping bei einem Besuch in Kasachstan das neue Konzept eines „Wirtschaftsgürtels der Seidenstraße“ aus der Taufe gehoben, das nun in keiner Rede und in keiner offiziellen Veröffentlichung mehr fehlen darf. Mit dem „Wirtschaftsgürtel der Seidenstraße“ will China eine Brücke schlagen über Zentralasien und den Mittleren Osten bis nach Europa. Die antike Seidenstraße, auf der jahrhundertelang der Handel zwischen China und dem Westen auf Kamelen und Karawanen abgewickelt wurde, steht Pate.

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