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China : Was Mainstream ist, bestimmen wir

  • -Aktualisiert am

In Gedenken der Tiananmen-Toten: Aktivisten demonstrieren in Hongkong Bild: Getty Images

25 Jahre nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat die chinesische Führung subtilere Mittel, um Abweichler mundtot zu machen: Ideen werden neutralisiert.

          Wer wissen will, wie China sich selbst und die Geschichte in den 25 Jahren seit der kalkuliert brutalen Niederschlagung der Protestbewegung auf dem Tiananmen-Platz verändert hat, sollte auf ein Wort wie „Mainstream“ achten und auf die Bedeutungsverschiebung, die sich die Propaganda heute mit ihm erlauben kann. Zum Beispiel in dem Artikel, mit dem die Parteizeitung „Global Times“ vergangene Woche wieder einmal die inhaftierten Dissidenten Liu Xiaobo und Xu Zhiyong heruntermachte.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Blatt bemüht für seine Kritik bemerkenswerterweise keinen einzigen Gedanken: Weder werden die Ideen der Regierungskritiker ihrer Falschheit oder Gefährlichkeit überführt, noch wird für das Handeln des Staats eine leitende Idee in Anspruch genommen. Stattdessen genügt der Zeitung zur Diskreditierung der Dissidenten folgende Feststellung: „Sie haben sich seit langem vom gesellschaftlichen Mainstream Chinas abgesondert und spielten innerhalb der marginalisierten Zone mit dem Feuer.“

          Mainstream ist das, was die KP als akzeptabel definiert

          Mainstream, auf Chinesisch „zhu liu“, ist, wie in aller Welt, erst einmal eine soziologische Kategorie, die beschreibt, was die meisten denken und tun. Doch dieses beschreibende Wort wird hier und auch sonst gern im offiziellen China heute als normativer Begriff für das gebraucht, was die Kommunistische Partei als akzeptabel definiert hat – und dies mit unverhohlen drohendem Unterton: Je mehr Macht China erringt, desto totaler werden die Isolation und die historische Verlorenheit derer sein, die sich seinen Bestimmungen nicht fügen.

          „China wird sich in Zukunft einer noch besseren Entwicklung erfreuen“, schreibt die „Global Times“ und folgert daraus: Die Leute außerhalb des Mainstreams „werden weiterhin als Loser betrachtet werden“. Wenn das Blatt vor diesem Hintergrund die westlichen Ehrungen für die Dissidenten als „ideologiegeleitet“ charakterisiert, spricht daraus der reine Hohn. Je reicher und mächtiger China wird, soll das wohl heißen, desto mehr kann es auf Ideen und Ideologien schlechthin verzichten, während diese für den Westen die letzte Stütze sein werden.

          So pluralistisch, wie man es gewohnt ist

          Das Perfide ist, dass das gar nicht so unrealistisch ist. Das Regime hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht bloß eine gut funktionierende Marktwirtschaft installiert. Es hat in dem Willen, dass sich so etwas wie die Konfrontation auf dem Platz des Himmlischen Friedens niemals wiederholen solle, auch ein System entwickelt, in dem Ideen, welcher Art auch immer, verblüffend erfolgreich neutralisiert sind. Den heutigen Chinesen stehen natürlich, nicht zuletzt durch das Internet, ungleich mehr Ideen, Informationen und kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten als den Chinesen in den achtziger Jahren zur Verfügung. Insofern ist die Welt tatsächlich viel flacher für sie geworden.

          Als vor kurzem die Chicagoer Postrock-Band Tortoise in Peking auftrat, die ihre größte Zeit zu Beginn der neunziger Jahre hatte, als China noch vergleichsweise abgeschottet war, da jubelte das sehr junge Publikum schon nach den ersten Takten jedes einzelnen Stücks; ihm war das komplette Werkverzeichnis der Gruppe durch das Internet gut vertraut.

          Nicht anders verhält es sich im Kunstmilieu mit allem, was von Berlin bis New York als „zeitgenössisch“ gilt, oder bei eher theoretisch Interessierten mit den international geläufigsten Thesen von Žižek bis Piketty: Das heutige China ist auf den ersten Blick so pluralistisch, wie man das von modernen Gesellschaften gewohnt ist, weit mehr jedenfalls, als man das vor 25 Jahren bei einem kommunistisch beherrschten Staat jemals für möglich gehalten hätte.

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