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China : Was Mainstream ist, bestimmen wir

Wohlstand und Stärke

Zugleich durchlaufen die Kulturformen und Ideen, sobald sie in eine größere Öffentlichkeit gelangen, einen zweifachen Filter: Wahrgenommen werden sie dort vornehmlich unter den Aspekten, wie gut sie sich auf dem Markt behaupten können und inwiefern sie der nationalen Macht nutzen oder schaden. Auch so etwas ist den Kulturindustrien und Soft-Power-Strategen der westlichen Moderne vertraut. Doch ihre speziell chinesische Färbung erhalten sie durch ihre gegenseitige Verflechtung, ihre Verbindung mit den Direktiven des Parteiapparats und ihre Dominanz.

Wohlstand und Stärke der Nation sind seit mehr als hundert Jahren zentrale Motive der chinesischen Intellektuellen (auch der Demonstranten auf dem Tiananmen) gewesen, doch erst nach 1989 drängten Nationalismus und Kommerz das zuvor gleichfalls omnipräsente Thema der Demokratisierung zusehends in die dafür zuständigen Expertenzirkel ab. Für diejenigen, die in der Ära des leninistisch organisierten Kapitalismus groß geworden sind, sind Geld und Macht dagegen letzte, unüberbietbare, jeglicher Ideologie unverdächtige Kategorien, gewissermaßen der harte Kern der Wirklichkeit.

Entweder industriell oder patriotisch

Insofern verbinden sie auch jene Teile des Volkes mit der Regierung, die sonst mit ihr unzufrieden sind, und es ist keineswegs nur die Zensur, die für die Einhaltung der „Kultursicherheit“ sorgt und dafür, dass Ideen und Praktiken entweder industriell oder patriotisch sind oder am besten beides. So erklärt es sich, dass es an der Front der Ideen eigenartig ruhig ist in China. An tausend anderen Ecken gärt es und bricht sich der Unmut über Funktionärswillkür, Korruption und Enteignungen in mehr oder weniger großen Zusammenstößen mit der Staatsmacht Bahn.

Aber zur Abwehr widerspenstiger Gedanken kann es sich die Propaganda heute ungestraft erlauben, sie mit Verweise auf ihre Instrumentalisierung durch das Ausland und das, was alle meinen, noch nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen. Diese Immunisierung funktioniert nicht nur für politische Ideen im engeren Sinn. Die zahllosen Gelehrten, die in China mit der Verwaltung des nationalen Erbes befasst sind, haben beispielsweise in den vergangenen Jahrzehnten bei der Aktualisierung und Weiterentwicklung der Tradition kaum ein Ergebnis erzielt, das international wahrzunehmen gewesen wäre.

Plötzliche Überraschungen

Aus der Angst heraus, im sensiblen Bereich der nationalen Identitätspolitik keinen Fehler zu machen, wurden stattdessen die immer gleichen, starr kulturalistischen Formeln wiederholt, um Ausländern und sich selbst zu erklären, worin der grundsätzliche Unterschied zwischen dem „chinesischen“ und dem „westlichen“ Denken bestehe. So ist China trotz aller Konfuzius-Institute und Soft-Power-Ambitionen seltsam stumm geblieben. China sei „geistig in eine Epoche des Zynismus eingetreten“, schrieb schon vor Jahren Liu Xiaobo, der Friedensnobelpreisträger, der bei den Demonstrationen 1989 eine wichtige Figur war und den die Propaganda heute glaubt, als „Loser“ bezeichnen zu dürfen.

Doch wenn die jüngste Geschichte Chinas etwas gelehrt hat, dann ist es die Plötzlichkeit, mit der sie überraschen kann. In den vergangenen Wochen wurden Intellektuelle, die auch nur im privaten Rahmen über den 4. Juni sprechen wollten, festgenommen, ausländische Reporter, die Chinesen nach ihren Erinnerungen befragen wollten, wurden von der Polizei massiv bedrängt, seit Sonntag sind die meisten Google-Services in Festland-China nicht mehr zu erreichen. Das Regime scheint der Haltbarkeit seines Mainstreams selbst nicht zu trauen.

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