https://www.faz.net/-gq5-7iptj

China : Regimekritik auf der Titelseite

  • Aktualisiert am

„Bitte lasst ihn frei“: Die Titelseite der Mittwochsausgabe des „New Express“ Bild: screenshot

Der „Neue Express“ zeigt Rückgrat: Auf ihrer Titelseite fordert die chinesische Zeitung die Behörden auf, einen ihrer inhaftierten Journalisten freizulassen. Der Mann hatte über Korruption berichtet.

          2 Min.

          Eine chinesische Zeitung hat am Mittwoch auf ihrer Titelseite die Freilassung eines ihres von der Polizei festgehaltenen Journalisten gefordert. Das in der südlichen Stadt Guangzhou erscheinende Blatt „Neuer Express“ brachte den ganzseitigen Artikel unter der Überschrift „Bitte lasst unseren Mann frei!“. Der Reporter Chen Yongzhou ist seit dem 18. Oktober in Polizeigewahrsam. Im repressiven China gilt diese Form der Veröffentlichung als mutiger Schritt.

          „Wir sind eine kleine Zeitung, aber wir haben Rückgrat - so arm wir auch sein mögen“, heißt es in dem Leitartikel. Die Zeitung schrieb außerdem, dass sie sich schäme, nicht früher an die Öffentlichkeit  gegangen zu sein. Sie habe Misshandlungen Chens durch die Polizei befürchtet. Man habe sich zu der Veröffentlichung erst entschieden, nachdem Proteste über andere Kanäle keine Wirkung erzielten.

          Festgenommen worden sei der Reporter Chen unter dem Verdacht der „Schädigung des guten Rufes“ einer Baufirma. Der Reporter hatte über „finanzielle Probleme“ und betrügerische Buchführung bei dem Bautechnikunternehmen Zoomlion berichtet. Die an den Börsen in Shenzhen und Hongkong notierte Firma ist zu etwa einem Fünftel in staatlichem Besitz. Sie verzeichnete nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr Einnahmen von mehr als 1,4 Milliarden Euro. Nach Veröffentlichung der Berichte über manipulierte Unternehmenszahlen war der Handel mit Zoomlion-Aktien für eine Zeit lang ausgesetzt worden.

          Eine Anklage oder formale Beschuldigen gegen Chen veröffentlichten die Behörden bislang nicht. Chen ist bereits der zweite Journalist der Zeitung, der in den vergangenen Monaten festgenommen wurde. Im August war Liu Hu festgenommen worden unter dem Vorwurf, Behördenvertreter „diffamiert“ zu haben. Liu hatte über Korruption in Lokalbehörden berichtet, darunter auch der Polizeichef der Provinz Shaanxi.

          Wirtschaftsressortleiter untergetaucht

          Die Polizei verfolge auch den Wirtschaftsdirektor der Zeitung, der seit einigen Wochen „untergetaucht“ sei. Der „New Express“ teilte mit, dass der Reporter Chen insgesamt 15 Artikel zu dem Fall veröffentlicht habe, in dem insgesamt nur in einem Artikel ein kleiner Fehler gemacht worden sei. Der „New Express“ gilt als rauflustiges Boulevardblatt.

          Ein Screenshot der Titelseite (siehe Bild) mit dem Protest gegen die Behörden soll nach Angaben der „New York Times“ heftig in den sozialen Netzen Chinas zirkulieren. Zudem signalisierte mindestens eine chinesische Zeitung, die „Beijing News“, ihre Unterstützung für den „Neuen Express“: „Lassen Sie das Gesetz entscheiden, ob er freigelassen oder in Haft genommen werden muss - und nicht jenen, der mehr Macht oder die lauteste Stimme hat“, heißt es in dem Blatt.

          Die Provinz Guangdong, in der der „Neue Express“ erscheint, beheimatet eine Reihe verhältnismäßig kritischer Medienhäuser. Dies liegt auch an der regionalen Nähe zur chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Hongkong verfügt über eine relativ freie Presselandschaft.

          Weitere Themen

          Verbindungen zum NSU?

          Mordfall Lübcke : Verbindungen zum NSU?

          Im Zusammenhang mit dem Mord an Walter Lübcke könnte auch ein anderer Fall noch einmal aufgegriffen werden: Die Tötung von Halit Yozgat in einem Kasseler Internetcafé durch den NSU.

          Topmeldungen

          Die Spieleentwickler Michael Geithner und Martin Thiele-Schwez

          Kartenspiel zur DDR-Geschichte : „Am Ende verliert die Stasi immer“

          Vor dem Ende der DDR versuchten Stasi-Mitarbeiter, massenhaft Akten zu vernichten. Das ist auch das Ziel eines neuen Spiels: Dokumente verschwinden lassen. Was Spieler dabei über die deutsche Geschichte lernen, erklärt einer der Entwickler im Interview.
          Ein DHL-Paketbote auf Tour

          F.A.Z. exklusiv : Post soll Paketpreise senken

          Kunden der Deutschen Post müssen seit einiger Zeit deutlich tiefer in die Tasche greifen. Jetzt hat die Bundesnetzagentur ein Verfahren eingeleitet – sie pocht auf eine Rücknahme der Preiserhöhungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.