https://www.faz.net/-gq5-7y9xt

China : Die Gleichschaltung des Denkens

  • -Aktualisiert am

Studenten in einer Bibliothek in Peking (Foto von 2013) Bild: AFP

Die Kommunistische Partei Chinas geht zunehmend gegen Freidenker an den Universitäten des Landes vor. China will an den Universitäten die Kernwerte des Sozialismus unterrichten lassen. Manche erinnert das schon an die Anfänge der Kulturrevolution.

          Die jüngste Kampagne zur ideologischen Gleichschaltung von Chinas Universitäten und Einschüchterung der Hochschullehrer begann mit angeblichen Beschwerden von Studenten. Die Dozenten machten China schlecht, schimpften die Studenten in vermeintlichen Leserbriefen an die Parteizeitung der Provinz Liaoning. Die Hochschullehrer, hieß es darin, kritisierten das politische System Chinas und äußerten sich positiv über das westliche System. Die Parteizeitung schickte daraufhin ihre Journalisten in die Hörsäle – und sie bestätigten: Ja, es sei tatsächlich weit verbreitet, dass Hochschullehrer China „verleumdeten“.

          Das zog eine ganze Welle von ähnlicher Kritik nach sich. Auf Liaoning folgten andere Provinzen mit Kritik an angeblich zu prodemokratischer Haltung von Lehrern und Dozenten. Bildungseinrichtungen reagierten mit Gegenmaßnahmen: Vorlesungen wurden mit Videokameras überwacht – mit der offiziellen Begründung, so solle ihre Qualität überprüft werden. Viele Dozenten sehen dahinter aber eher eine Bespitzelung. Nicht ohne Grund: Als der uigurische Wirtschaftswissenschaftler Ilham Tohti im Sommer wegen Separatismus zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, waren Videoaufzeichnungen seiner Vorlesungen ein Beweismittel vor Gericht.

          Hochschullehrer wegen prodemokratischen Ansichten entlassen

          In den vergangenen zwei Jahren waren bereits einige Hochschullehrer wegen ihrer prodemokratischen Ansichten entlassen oder suspendiert worden. Im Jahr 2013 wurde der Dozent Xia Yeliang von der Peking-Universität wegen schlechten Unterrichts entlassen, er sagt aber, der wahre Grund seien seine politischen Ansichten. Zhang Xuezhong aus Schanghai wurde vorgeworfen, seine Stellung als Professor ausgenutzt zu haben, um seine politischen Meinungen in den Hörsälen zu verbreiten. Qiao Mu, ein Professor der Kommunikationswissenschaften in Peking, wurde entlassen, auch weil er positiv über freie Wahlen und Demokratie gesprochen hatte.

          Das hätten Einzelfälle und Übergriffe übereifriger Ideologen sein können, doch es häuften sich bald Nachrichten von verschärfter ideologischer Kontrolle. Einige Hochschullehrer wurden verwarnt: Projekte, die dem gegenwärtigen ideologischen Klima nicht entsprächen, wie etwa Fragen der Entwicklung der Zivilgesellschaft, seien kein gewünschtes Thema mehr. Die Peking-Universität rief Studenten und Dozenten auf, sich „Kritik an der Partei“ entgegenzustellen. In den Blogs der regierungsfreundlichen jungen „Patrioten“ wurde eifrig geschimpft, es dürfte nicht geduldet werden, dass das große China in seinen eigenen Universitäten verleumdet werde. Kritik wird als „nicht- patriotisch“ abgetan. In der Universität Wuhan müssen Studenten jetzt die sozialistischen Werte und den Inhalt von Parteichef Xi Jinpings Konzept des „chinesischen Traums“ auswendig rezitieren können, sonst droht ihnen der Verlust ihres Stipendiums.

          Das christliche Fest als Anlass für Partys und Geschenke

          Und dann kam die „Weihnachtskontroverse“: Das christliche Fest, das bei jungen Chinesen beliebt ist, nicht etwa wegen seines religiösen Inhaltes, sondern als Anlass für Partys und Geschenke, wurde Angriffsziel der Ideologen an den Universitäten. Die Nordwest-Universität in Xi’an verbot ihren Studenten kurzerhand jegliche Weihnachtsfeiern und verpflichtete 20000 dazu, stattdessen chinesische Filme über den Konfuzianismus anzusehen. Auf einem Spruchband, das im Internet verbreitet wurde hieß es: „Seid gute Söhne und Töchter eures Heimatlandes und widersteht westlichen Festen!“ Anderswo stürmten „patriotische Studenten“ vor. „Chinesen feiern keine ausländischen Feste“, hieß es bei einer Demonstration von Studenten, die sich gegen Weihnachten richtete.

          Weitere Themen

          Chinas Kulturkämpfer

          Westlicher Einfluss : Chinas Kulturkämpfer

          Xi Jinping hat seinem Volk mehr kulturelles Selbstbewusstsein verordnet. Deshalb sollen jetzt ausländische Namen aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Doch die Elite wohnt lieber im „Victoria Garden“ als im „Mao Inn“.

          Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten Video-Seite öffnen

          Fragestunde im Bundestag : Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten

          Bei ihrem letzten großen Auftritt vor der Sommerpause hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag den Fragen der Abgeordneten gestellt. Dabei stellt sie klar, dass eine globalisierte Weltordnung eine Wahrnehmung der Interessen anderer Staaten erfordere.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.
          Der Hedgefonds Elliott hat seinen Einstieg bei Bayer publik gemacht.

          Wegen seiner Mischstruktur : Elliott macht Bayer jetzt richtig Druck

          Der amerikanische Hedge-Fonds lässt Andeutungen fallen, die als Aufforderung zur Aufspaltung interpretiert werden können. Ganz nebenbei bestätigt er: Man ist mit einem 2-Prozent-Paket am Mischkonzern beteiligt.
          Nur schonungslose Aufklärung kann künftige Unfälle verhindert, sagt Peter Klement, General Flugsicherheit der Bundeswehr.

          Peter Klement : Dieser General untersucht den Eurofighter-Absturz

          Mit der Aufklärung des Absturzes eines Tiger-Kampfhubschraubers in Mali machte er sich im Bundestag einen Namen. Auch bei seinem jüngsten Fall verspricht er schonungslose Aufklärung. Ob es gefällt oder nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.