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Bundeswehr in Afghanistan : Abschied vom Außenposten

Herantasten am OP North: Verteidigungsminister Thomas de Maizière im Gespräch mit einem Soldaten Bild: dpa

Verteidigungsminister Thomas de Maizière besucht den „OP North“, der bald aufgegeben werden soll. Hier hat sich die Bundeswehr Anerkennung und ein neues Selbstverständnis erworben - und das mit bitteren Verlusten bezahlt.

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          Das Rohr der schweren Panzerhaubitze schweigt jetzt schon seit vielen Wochen. Vor drei Jahren war aus diesem Geschütz erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten eine scharfe Artilleriegranate im Gefecht abgefeuert worden - ein Schuss, der für die Bundeswehr eine Zeitenwende markierte. Der Beobachtungsposten über dem geschäftigen Tal sollte zum Schauplatz der heftigsten Verluste und schlimmsten Schusswechsel werden, den das deutsche Kontingent im Afghanistan-Einsatz erlitt und erlebte. Den „OP-North“ in der Provinz Baghlan machten diese Kämpfe zum Begriff. Jetzt wird mit dem Abbau des Lagers begonnen, das auf mehreren kargen Hügeln thront, an einer Stelle, von denen aus sich zwei der wichtigsten Straßen im Norden Afghanistans einsehen lassen: Die Nationalstraße 7, die Kabul mit Kundus und dem Norden verbindet, und die Straße A76, die nur wenige Kilometer südlich vom Beobachtungsposten nach Westen abzweigt und von Kabul aus Masar-i-Sharif erschließt - den Garnisonsort des deutschen Regionalhauptquartiers.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der Zufall will es, dass erst kürzlich wieder viele Soldaten jenes Gebirgsjäger-Bataillons am OP-North Stellung bezogen haben, die das Lager einst terrassenförmig aus den Hügeln schnitten. Sie können Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der morgens mit dem Hubschrauber aus Mazar-i-Sharif gekommen ist, die wildesten Geschichten über die ersten Wochen erzählen - Schilderungen weitaus kargerer und notdürftigerer Zustände, als sie jüngst vom Wehrbeauftragten des Bundestages aus der Türkei berichtet wurden, wo sich gerade zwei Luftabwehrbatterien der Bundeswehr einrichten.

          De Maizière musste sich entschuldigen

          Der Minister hat sich auf dem Flug nach Afghanistan ein paar Worte zurechtgelegt über den Ort, den er an diesem Tag besucht: Eine besondere Stätte für die Bundeswehr sei dies, er sei für die Armee als „Einsatzarmee“ wichtig geworden. „Hier musste sich die Bundeswehr beweisen, und zeigen, dass sie kämpfen kann.“ Das habe ihr Anerkennung gebracht, nicht nur in der Heimat, sondern auch bei den Verbündeten. Der frühere deutsche Regionalkommandeur, General Hans-Werner Fritz, der jetzt den Minister als zuständiger Abteilungsleiter für die Einsätze begleitet, erinnert sich an eine Begehung des OP-North mit dem damaligen amerikanischen Oberkommandierenden David Petraeus. Der habe öffentlich als vorbildlich gelobt, was die Bundeswehr an diesem Ort leiste - Hilfe für die Einheimischen, Härte im Kampf gegen die islamistischen Aufständischen.

          Wenn der Verteidigungsminister zögernd in den Kreis der Soldaten tritt, die mittags im Verpflegungszelt auf ihn gewartet haben, wenn er ihnen dann mehrfach Anerkennung zollt, wenn er am Ende der Visite dem Kommandeur des Postens seinen ministerielles Dienstwappen als Andenken überreicht - dann könnte das den Eindruck erwecken, als taste sich de Maizière hier unsicher heran. Vor einiger Zeit schon in einer Rede, dann vor zehn Tagen im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hatte er gesagt: Viele Soldaten seien fast süchtig nach Anerkennung, sie wollten unbedingt geliebt werden.

          De Maizière hatte sich dafür kurz vor dem Abflug zu seiner Afghanistan-Visite zu entschuldigen: Die Wortwahl habe die Absicht seiner Äußerungen konterkariert. Doch einkassieren wollte er die Feststellungen über die soldatische Sehnsucht nach Anerkennung damit keineswegs. Es sei ihm um Ermunterung der Soldaten gegangen, darum, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Denn die Armee hat nach dem Empfinden des Ministers nicht mehr viel zu tun mit jener Bundeswehr, die als gesellschaftliches Stiefkind der Bundesrepublik galt, mit der Truppe von Wehrpflichtigen, die über Jahrzehnte hinweg ein Bild der Armee als Produktionsstätte sinnentleerter Langeweile vermittelt haben.

          Ein Ort in Deutschland soll an die Verluste erinnern

          Die neuen Gesten, die der Minister den alten Eindrücken entgegensetzen will, ergeben noch keine stimmige Bewegung. Es ist so vieles neu. Die Mitte des Gebirgspostens OP-North prägt das Ehrenmal. Nur eine kleine Anlage, vielleicht zwanzig Stufen über der staubigen Straße in den Hang hineingesetzt. Doch der Ort, einsehbar aus fast jedem Winkel des hügeligen Lagers, zieht den Blick durch seine Ordnung auf sich: fünf Holzkreuze, eine Einfriedung aus sauberen Kieseln, einige Farbtupfer aus dem Rot und dem Gelb eines schwarzrotgoldenen Plastikblumenkranzes. Die Oleanderstecklinge in den Terrakotta-Töpfchen, die links und rechts an diesem Gedenkviereck stehen, hat der harte Frost des Winters ausgetrocknet.

          Es werde am Ehrenmal noch ein letzter Besuch von Angehörigen der elf Gefallenen erwartet, deren hier gedacht wird, berichtet der Oberstleutnant der Gebirgsjäger, der als letzter Kommandeur den Beobachterposten in den nächsten Monaten auflösen soll. Dann muss die Anlage auseinandergenommen, verpackt und nach Mazar-i-Sharif ins deutsche Hauptquartier verfrachtet werden - gemeinsam mit dem gesamten Inventar des Vorpostens, mit rund 200 gepanzerten Fahrzeugen, mit Zelten, Feldküchen, Sanitätsstation, mit den Dixi-Klos und den Stromaggregaten. Auch im Feldlager von Mazar-i-Sharif haben die Gefallenen ihre Gedenkstätte, vielleicht könnten die Kreuze und Plaketten aus dem OP-North dort vorübergehend installiert werden.

          Für später soll ein Ort in Deutschland gefunden werden, der die Erinnerung an die bitteren Verluste wach hält, unter denen die Bundeswehr in Pul-i-Khumri und anderswo ihr neues Selbstverständnis erworben hat. De Maiziere spricht mit dem Kommandeur des Postens über Erwägungen und Pläne, Festlegungen gibt es noch nicht. Auf den Hügeln um das OP-North hat die Sonne erst vor wenigen Tagen den Schnee besiegt, jetzt liegt auf ihnen schon ein grüner Flaum. Waagerechte Gräben sind in viele Hänge gezogen, eine Pistazienplantage könnte hier entstehen, wenn die Bundeswehr abgezogen ist. Es ist ein warmer Frühlingsmorgen; aber auch ein Tag, an dem die Panzergrenadiere im Lager sagen: „Jetzt beginnt bald wieder die Kampf-Saison“.

          Der einfachste Weg, 800 Millionen Dollar zu stehlen

          Der Skandal ist beispielhaft für die Dreistigkeit, mit der sich Teile der afghanischen Elite bereichern: Am Dienstag wurde der frühere Vorstandsvorsitzenden der Kabul Bank und deren früherer Geschäftsführer von einem Sondergericht wegen Unterschlagung und Betrugs zu je fünf Jahren Haft und zur Rückzahlung von mehr als 800 Millionen Dollar verurteilt. Der 2010 als Vorstandschef entlassene Scher Khan Farnood stahl demnach 287 Millionen Dollar, der 2010 als Geschäftsführer entlassene Khalilullah Fruzi 530 Millionen Dollar. Ferner wurden 19 weitere Bankangestellte und Regierungsvertreter zu Haftstrafen zwischen sechs Monaten und vier Jahren verurteilt. Unter ihnen ist auch der 2011 in die Vereinigten Staaten geflohene frühere Chef der afghanischen Zentralbank, Abdul Qadir Fitrat. Insgesamt sollen nach einem Untersuchungsbericht von 2012 mehr als 900 Millionen veruntreut worden sein; Millionen von Dollar wurden demnach in Servicewagen von Flugzeugen der inzwischen eingestellten Fluggesellschaft Pamir ins Ausland geschafft.

          Farnood, der zuvor als Sieger von Pokerturnieren Aufsehen erregt hatte, und sein ehemaliger Leibwächter Fruzi hatten bei ihren Geschäften von der Nähe ihrer Bank zu den Mächtigen des Landes profitiert. Über die Bank, die 2010 fast zusammengebrochen war und von der afghanischen Zentralbank übernommen wurde, ist der große Teil Gehaltszahlungen für die öffentlichen Bediensteten abgewickelt worden, weshalb die Betrüger mit einem steten Zufluss frischen Geldes Geschäfte machen konnten. Die Bank unterstützte großzügig den Präsidentschaftswahlkampf Hamid Karzais. Unter anderen gehörten Karzais Bruder Mahmud und Hasin Fahim, der Bruder des als Kriegsverbrecher geltenden Vizepräsidenten Muhammad Qasim Fahim zu den Profiteuren der betrügerischen Bankgeschäfte. Sie waren Anteilseigner und Kreditnehmer, kamen aber ungeschoren davon. In dem Untersuchungsbericht war von Behinderung der Ermittlungen die Rede. Die Bank hatte einst mit einer Lotterie und dem Slogan „der einfachste Weg, eine Million zu verdienen“ um neue Kunden geworben.

          Christoph Ehrhardt

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