https://www.faz.net/-gq5-7jrh9

Atomgespräche in Genf : Irans grenzenlose Twitter-Diplomatie

Rohanis Twitter-Konto Bild: Twitter

Nach der Einigung von Genf twittern Irans Oberhaupt Chamenei und Präsident Rohani, als seien sie ein Herz und eine Seele. Rohani leitet gar Kurzmitteilungen des Erzfeindes Amerika weiter.

          3 Min.

          Just war in Genf in der Nacht zum Sonntag eine Einigung erreicht, da zwitscherte, früher hätte man gesagt: posaunte, der iranische Delegationsführer, Außenminister Mohammad Dschawad Zarif, in alle Welt, dass eben diese Einigung nun erreicht sei. Danach veröffentlichte er staatsmännisch auf Facebook, die Vereinbarung sei ein „wichtiger Erfolg“, wenn auch nur eine „erste Etappe“. Hernach ging das Zwitschern erst richtig los. Pressekonferenzen scheinen ein Relikt der Vergangenheit zu sein. Mit Twitter geht’s schneller  - und ohne lästige Nachfragen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Bei Betrachtung der Twitter-Nachrichten scheint es, es fänden sich alle großartig. Aus Washington twitterte das State Department, und auch der britische Außenminister ließ die Welt wissen: Die Einigung sei „gut für die Welt, einschließlich der Staaten des Nahen und Mittleren Ostens und für das iranische Volk.“ Nach einer kurzen Pause fügte er twitternd hinzu: „Die Einigung zeigt, dass es möglich ist, mit Iran zu arbeiten und sich schwieriger Probleme mittels der Diplomatie zu nähern.“

          Dem iranischen Präsidenten Hasan Rohani gefiel das alles offenbar, und er verschickte die Kurzmitteilungen als Retweet weiter. Dann ließ er die Welt und seine Fangemeinde wissen, das Abkommen eröffne „neue Horizonte“. Multiplikator wollte Rohani nicht nur für die andere Seite sein, sondern auch für den eigenen Chef, das geistliche Oberhaupt Irans, Ajatollah Ali Chamenei. Und so wurde aus dem eher länglichen Brief Chameneis, der ja so altmodisch ist, dass er mit dem Format der Kurznachricht nicht umgehen kann, ein Tweet aus mehreren Teilen.

          In einem beglückwünscht er die iranische Verhandlungsdelegation und schreibt, das Ergebnis könne die Grundlage für die „nächsten intelligenten Maßnahmen“ sein. Wenn das nicht wieder zu Missverständnissen führt und Wasser auf die Mühlen jener leitet, die sich nicht an diesem Gezwitschere der gegenseitigen Belobigungen beteiligen wollen. Viele Iraner verschickten aber die Weisheiten von Chamenei und Rohani wie Glückwunschkarten weiter.

          Wenn sich das ägyptische Militär per Facebook an die unglückliche Nation wendet, weshalb sollen die technologisch versierten Iraner es dann nicht per Twitter, dem Kurznachrichtendienst, tun? Zumal die Herren Chamenei, Rohani und Zarif ja selbst etwas tun, was nach iranischem Gesetz eigentlich verboten ist?

          Denn die Massenproteste des Sommers 2009 hatten schon einen Namen – die „Twitter-Revolution“ – bevor klar wurde, dass sie ihr Ziel nicht erreichen. Die Machthaber annullierten die Wiederwahl von Mahmud Ahmadineschad aber nicht, und keiner der Reformer wurde Präsident. Nun muss in diesem September einem der Zensoren ein Missgeschick unterlaufen sein. Denn unerwartet waren Twitter und Facebook einmal 24 Stunden frei zugänglich. Bis die Technologie wieder im Sinne der Machthaber funktionierte.

          Bild: Twitter

          Wenn die Bürger das Verbot umgehen, können das schließlich auch die obersten Repräsentanten der Republik. Und das nicht erst seit diesem Wochenende. Im September beispielsweise gratulierten per Twitter erst Rohani und dann Zarif den Juden Irans zum jüdischen neuen Jahr. Zarif distanzierte sich dabei in einem Austausch mit der Tochter der Sprecherin des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, von der Leugnung des Holocausts durch den früheren Präsidenten Ahmadineschad. Alles fand statt in der Öffentlichkeit von Twitter.

          Wenige Tage danach meldete Rohani per Twitter, dass er soeben mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama telefoniert habe. Es war das erste Gespräch der Präsidenten aus Washington und Teheran seit der Revolution von 1979. Chamenei indes zwitscherte leichtes Unbehagen. Er unterstütze wohl die Gespräche, sei bezüglich der Amerikaner aber pessimistisch.

          Twitter in Iran offiziell gesperrt

          Bei der letzten Verhandlungsrunde in Genf vor zwei Wochen twitterte Chamenei schließlich ein Foto aus dem Verhandlungssaal, das die iranische Verhandlungsdelegation in bunte Farben tauchte, die anderen aber bloß in blasses Schwarz und Weiß. Eine Sprechblase verriet: „Unsere Unterhändler sind Kinder der Revolution.“ Niemand solle also auf den Gedanken kommen, sie gingen Kompromisse ein. Das kann nicht an den kritischen Westen gerichtet gewesen sein, sondern nur für den Eigenbedarf, obwohl Twitter in Iran doch offiziell gesperrt ist.

          Charles Krauthammer, ein Prophet der amerikanischen Neokonservativen, höhnt zwar, Twitter könne keine Gewehrkugel stoppen. Iranischer Hohn und Spott ergoss sich aber Anfang Oktober auf den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, als er mit seiner sonoren Stimme den iranischen Frauen als Zeichen der Modernität das Tragen von Jeans nahebringen wollte – was diese immer getan haben. Auf Twitter löste er einen Twitter-Tsunami aus, die ihn wie einen begossenen Pudel dastehen ließ.

          So twitterten junge Iranerinnen: „Ich wette, er glaubt, wir reiten Pferde.“ Oder: „Wenn Netanjahu keine Ahnung hat, was Iraner in der Öffentlichkeit machen, woher ist er sich so sicher, was in den Geheimbunkern passiert?“ Andere twitterten sich selbst in Jeans. Eine Fotomontage zeigte ihn am Rednerpult der Vereinten Nationen, in der er nicht das Diagramm mit einer iranischen Atombombe hochhält, sondern eines mit einer Jeans: Ein Bestseller unter den Retweets. An diesem Wochenende nun war der iranischen Twitter-Gemeinde der Deal von Genf wichtiger als die Jeans von Netanjahu.

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.